Reise-Stipendium Neckermann für neue Künstler

Das Tor zur Welt macht auch in Sachen Kunst seinem Namen alle Ehre. Der Verein "Neue Kunst in Hamburg" schickt in der Hansestadt lebende Künstler um die ganze Welt - und bezahlt sie dafür sogar.


Besser als bei "Neue Kunst in Hamburg" kann ein Stipendium kaum sein: keine Verpflichtungen, fünf Monate in ein Land seiner Wahl reisen, egal auf welchem Kontinent. Dann eine Ausstellung mit kleinem Katalog. Und jeder Künstler kann sich selbst bewerben. Okay, nur wenn er oder sie nicht älter als 40 Jahre ist und in Hamburg lebt. Aber ansonsten: keine Empfehlungen und keine Gönner oder Förderer nötig, Lebenslauf, Arbeits-Dokumentationen und Angaben "zum gewünschten Reiseziel mit Begründung", das reicht beim privaten Verein "Neue Kunst in Hamburg".

Und falls es nicht klappt, kann man es wieder probieren.

Warum Gescheiterte erneut ihr Glück versuchen sollten? Weil jedes Mal, alle zwei Jahre, ein anderer Kurator die Auswahl trifft. Der kommt aus Prinzip nicht aus Hamburg, und noch nie hat sich einer von ihnen vorher in der Hamburger Szene ausgekannt. Dafür aber hinterher sehr gut. Denn genau das ist dem Verein wichtig. "Frei und subjektiv soll er seine Wahl treffen", sagt Hans Jochen Waitz von "Neue Kunst in Hamburg". "Damit wollten wir Objektivität gewährleisten und Beziehungsgeflechten vorbeugen", sagt Peter Labin.

Das gilt schon seit 21 Jahren. So lange ist es her, dass die beiden zusammen mit ihrem Freund Christoph Graf von Hardenberg mit der Gründung ihres Vereins auf die Beschwerden des damaligen Kunstvereinchefs reagierten, es fehle in der Stadt Geld für die junge Kunst.

Drei Hamburger mit vielen Freunden – "Klar", sagt Labin, "dass die alle eintreten mussten." 60 Mitglieder waren sie am Anfang, alle einig darin, dass es in ihrer Stadt für junge Künstler zu wenig Ausstellungsmöglichkeiten gab. Hausgemacht sollte ihre Initiative nicht sein, um persönlichen Vorlieben sollte es nicht gehen. Also holten sie jedes Jahr einen anderen Kurator nach Hamburg, der junge Künstler auswählte und deren Arbeiten in immer wieder anderen Räumen ausstellte. In der alten Kampnagelfabrik zum Beispiel, wie der erste Jahrgang mit Werner Büttner, Stefan Balkenhol, Hella Berent, Andreas Coerper und Markus Oehlen.

Als sich nach einigen Jahren die Situation in Hamburg mit neuen Institutionen, neuen Räumen und neuen Galerien veränderte, der Kunstmarkt globaler wurde, fand der Verein, dass "internationaler Erfahrungsaustausch, Kommunikation und Vernetzung weltweit" gefördert werden sollten – das Reisestipendium war geboren.

Karl Lagerfeld würde sich daran erfreuen, denn in fast jedem seiner Interviews sagt er ja, Hamburg sei bekanntlich das "Tor zur Welt, aber eben nur das Tor". Und wer da durch geht, kann außer den Reisekosten und den 1300 Euro monatlich vom Verein, Netzwerke und Empfehlungen vom Kurator und Erfahrungen von Kollegen gut gebrauchen. Manchmal hilft auch eine Art Gastgeschenk, deshalb gab der Verein anfangs eine Aufgabe mit auf den Weg: Kontakte mit Künstlern des Gastlandes sollten die Reisenden knüpfen und die neuen Freunde zur gemeinsamen Ausstellung auf Kosten des Vereins nach Hamburg mitbringen.

Gut sahen solche Gruppenschauen nicht immer aus, und bei einer Länder-Rundreise oder in der Südsee war es mühsam, überhaupt einen Kollegen kennen zu lernen, den der Stipendiat gut fand.

Daniel Richter kehrte beispielsweise aus Kuba ziemlich schnell und ohne Künstlerfreund zurück. Dafür aber mit vielen Tricks in sämtlichen auf der Straße spielbaren Ballspielen – das gab erstmal Ärger.

Der ist längst vergessen, weil man im Verein natürlich stolz ist, dass Richter inzwischen weltweit im Kunstbetrieb mitspielt, genau wie die früheren Stipendiaten Carsten Höller oder Andreas Slominski. Oder darauf, dass Mariella Mosler, die damals nur Hamburger kannten, auf der Documenta X eine Arbeit zeigte, zu der sie während ihres Japan-Aufenthalts angeregt wurde.

Woran dieser Erfolg liegt? "An der künstlerischen Ausbildung der Hochschule und einer lebendigen Off-Szene", sagt der aktuelle Kurator Stefan Kalmár, Kunstvereindirektor in München mit Zweigstelle in New York.

Und auch ein bisschen am Stipendium?

"Klar, der Erfolg hat auch damit zu tun, dass der jeweilige Kurator sich über einen langen Zeitraum mit seinen ausgewählten Künstlern beschäftigt, immer wieder nach Hamburg kommt, einen Blick von außen und damit Abstand hat, und eng und konzentriert mit den Stipendiaten zusammen arbeitet." Und natürlich über "seine" Künstler und deren Arbeiten im Kunstbetrieb spricht.

Kalmár hat gerade die Ausstellung "seiner" Stipendiaten Anna Möller, Thomas Baldischwyler, Michael Conrads, Katrin Mayer, Matthias Meyer und Gernot Faber, einer Kunstfigur von Lutz Krüger & Sebastian Reuss, aufgebaut. Zum ersten Mal gibt es keine Gruppenschau, sondern sechs parallele Einzelausstellungen in den Admiralitätsstraße-Galerien.

Anna Möller war in Tel Aviv und hat als einzige der Stipendiaten einen ausländischen Künstler eingeladen: den Mexikaner Mauricio Guillen, den sie in Israel kennen lernte.

Auch Thomas Baldischwyler arbeitete mit einem Künstler zusammen. Wegen Swift Treweeke, der als "Passenger of Shit" mit dem kultisch verehrten Musik-Label "System Corrupt" assoziiert ist, reiste Baldischwyler nach Australien. Seine "Idee von Authentizität" wolle er überprüfen und dafür mit Swift zusammenziehen und zusammenarbeiten.

Was folgte? Eine Odyssee durch Notunterkünfte und Desillusionierung. Immerhin gibt es ein paar Hinterglasbilder zu sehen, an denen beide Künstler gemeinsam gearbeitet haben.

Michael Conrads hat in Mexiko wunderbare neue Bilder gemalt, in denen "der utopische Moment der südamerikanischen Moderne in ein Prisma von Referenzen aus Subkultur, Karneval und Malereigeschichte kollabiert", schreibt Kalmár.

Matthias Meyer zog in die Traumfabrik-Stadt Los Angeles, weil ihn die "illusionistischen und ökonomischen Mechanismen der Traumfabriken" interessieren. In seinen Arbeiten zerlegt er beispielsweise per Video ein Buch in seine einzelnen Buchstaben und entreißt mit einer Papierarbeit in Leinwandgröße einem digital erzeugten Filmnebel jeden romantischen Charakter.

Katrin Mayer war in New York. "Queens statt Moma", schreibt sie in ihrem wunderbaren Reisebericht, "sich durch die ganze Welt und mit allen von überall essen, ... keine festen Verankerungen, Neuverhandlungen. ... In jeder Sekunde, verändert von Schritt zu Schritt".

Wohin genau die beiden Erfinder der Kunstfigur "Gernot Faber", Sebastian Reuss und Lutz Krüger gereist sind, soll keine Rolle spielen.

Nach Rumänien hatten sie gewollt - aber ob sie da auch waren? Gernot Faber jedenfalls, ihr Alter Ego mit Maske, steht den Mechanismen des Systems Kunst skeptisch gegenüber – natürlich auch einem Verein wie der "Neuen Kunst in Hamburg".

"Eine super Arbeit zeigen die beiden", sagt Kalmár. Und es ist kein bisschen spöttisch gemeint, wenn er davon schwärmt, dass es so ein Stipendium "mit dem die Künstler aus der eigenen Stadt weggeschickt werden", nirgends auf der Welt gebe.


Ausstellung: bis 22.11. in den Galerien Admiralitätsstraße 71 in Hamburg. Verein: Neue Kunst in Hamburg.



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