Rekonstruktion historischer Bauten Fassade ist alles

Trümmer, Tote, Trauma: Vor 65 Jahren lag Deutschland in Schutt und Asche. In vielen Städten kämpfen Bürger für den Wiederaufbau im Krieg zerstörter Häuser. Im nordrhein-westfälischen Wesel haben sie mit einem spektakulären Projekt Erfolg.

Historisches Rathaus in Wesel: Zukunft mit Vergangenheit verknüpfen
Großdiathek der Universität Halle-Wittenberg

Historisches Rathaus in Wesel: Zukunft mit Vergangenheit verknüpfen

Von Hans-Ulrich Stoldt


Der 16. Februar 1945 ist ein freundlicher Vorfrühlingstag am Niederrhein. Milde wirft die Sonne ihre Strahlen auch auf Wesel. Nur wenige Menschen harren nach den alliierten Bombenangriffen der vergangenen Tage in der Hansestadt aus. Sie räumen Schutt von den Straßen und hoffen, in den Trümmern zerstörter Häuser noch Nutzbares zu finden. Der Krieg ist endgültig auch in Wesel angekommen.

Im Herbst 1944 hatten alliierte Truppen vergeblich versucht, bei Arnheim den Rhein zu queren, nun soll es hier gelingen. Gegen Mittag erfüllt von Westen her tiefes Brummen die Luft. Erneut sind viermotorige Lancester-Bomber der britischen Royal Air Force im Anflug.

In mehreren Wellen werfen die Piloten ihre tödliche Fracht über Wesel ab, große Teile der Stadt brennen bald lichterloh. Auch in den folgenden Tagen kommen die Bomber, und als amerikanische und britische Soldaten am 24. März über den Rhein setzen, nehmen sie Wesel ohne nennenswerten Widerstand ein.

Die Stadt ist nahezu vollständig zerstört, Experten streiten darüber, ob es 95 oder 98 Prozent der Gebäude waren. In Trümmern lag auch der historische Altstadtkern mitsamt seinem berühmten, 555 Jahre alten gotischen Rathaus am Marktplatz.

In den Nachkriegsjahren entstand Wesel neu, doch bis auf den wiederaufgebauten Dom erinnert kaum etwas an die mehr als ein halbes Jahrtausend währende, stolze Geschichte der Stadt.

"Es gibt das Wesel vor den Februartagen des Jahres 1945, und es gibt das Wesel, in dem wir Heutigen leben", sagt Bewohner Peter Braess von einer Bürgerinitiative, die sich für die Rekonstruktion des historischen Rathauses einsetzt. "Der Faden, der die Gegenwart und Zukunft mit der Vergangenheit verbindet, wird dünner und dünner."

Nun solle eine Brücke geschlagen werde, so Braess: "Man verknüpft die Zukunft der Stadt mit ihrer Vergangenheit."

Mehr als 20 Jahre hatte die Bürgerinitiative Historisches Rathaus vergeblich für einen Wiederaufbau der Rathausfassade geworben. Erst die Rekonstruktion der ebenfalls im Zweiten Weltkrieg zerstörten Dresdner Frauenkirche 2005 beförderte das Vorhaben nachhaltig.

Vorbild Frauenkirche

Wie andernorts in Deutschland auch beflügelte das Dresdner Vorbild jene, die im Krieg untergegangene historische Wahrzeichen ihrer Städte der Vergessenheit entreißen und der Nachwelt erhalten wollen. "Man kann doch nicht einfach als kaputt deklarieren, was Jahrhunderte unsere Kultur ausgemacht hat", sagt Dagmar Ewert-Kruse, Sprecherin der Bürgerinitiative in Wesel.

Inzwischen sind Bagger vor dem Haus am Am Großen Markt 9 vorgefahren, 16 Meter lange Stahlträger wurden abgeladen, die unter das Gebäude getrieben werden und ihm Stabilität verschaffen sollen. Dann kann die Wiederherstellung der ungewöhnlichen, kunstvollen Fassade im selten gebauten flämisch-gotischen Stil beginnen.

Rund 2,7 Millionen Euro sind dafür veranschlagt, die eine Hälfte teilen sich Stadt und Land, den Rest bringen private Spender auf. Sie können für Preise zwischen 150 und mehreren tausend Euro symbolisch Steine, Fensterteile oder Zierelemente erwerben. Prominente, vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers bis zum Entertainer Günther Jauch, halfen bereits mit. Bundespräsident Horst Köhler grüßte die Bürgerinitiative lobend: "Ich sehe Ihr Engagement mit Respekt und Sympathie."

Es gab und gibt allerdings auch Einwände gegen den Fassadenbau: Der sei doch nur eine kitschige Attrappe, ein Phantom, werfen Kritiker ein, man solle das Geld lieber sinnvoller verwenden.

Vom Stadtschreiber zum TÜV

"Wir bauen keine Mickey-Mouse-Fassade, wir orientieren uns streng am Original", sagt Dagmar Ewert-Kruse. Standort, Material und Gestaltung entsprächen der historischen Vorgabe.

Auch dass hinter der später dann reich verzierten Fassade wie bisher eine Bank, eine Krankenkasse und der TÜV ihrem Gewerbe nachgehen werden, irritiert sie nicht. In früheren Zeiten sei das Gebäude schließlich ebenfalls höchst unterschiedlich genutzt worden: So arbeiteten bis Mitte des 19. Jahrhunderts im Erdgeschoss die örtlichen Fleischhauer, darüber saßen Bürgermeister und Stadtschreiber, und ganz oben lag - je nachdem - der Rats- oder Kaisersaal.

"Im Kaisersaal waren alle Größen der Weltgeschichte zu Gast", sagt Ewert-Kruse, "sogar Napoleon oder Kaiserin Auguste Victoria".

In ihrem Arbeitszimmer hat die ehemalige Kunsterzieherin einen Plan der Rathausfassade an die Wand gehängt. Jeder verkaufte Stein, jedes gesponserte Fensterkreuz ist gelb markiert - nur kleine Flächen sind noch weiß. Doch Ewert-Kruse ist sicher: "Bald wird die letzte Lücke geschlossen sein."



insgesamt 275 Beiträge
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Seite 1
I'm a Substitute 15.05.2010
1.
Zitat von sysopNach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
Soll Denkmalschutz ein repräsentarives GESAMTBILD der Baugeschichte erhalten, ist selbstverständlich auch die Prägung des Stadtbildes durch die Wiederaufbauzeit in zahlreichen Beispielen Erhaltungswürdig... Durch politisch gewollte und unter'm Deckmäntelchen der "Asbestentsorgung" bereits vorgenommene Vernichtung der Erinnerung an eine ganze Epoche (die zudem zeitlich deckungsgleich ist mit "den besten Jahren", die Otto Normalverbraucher erleben durfte, SIND stilreine Neubauten aus der Ära "Wir sind wieder wer" bis in die Zeit der ersten Großen Koalition bereits selten geworden... Das spöttisch als "Satteldachhundehütte" titulierte meist dreistückige Wohnhaus, wie es meist am Rande vieler wachsender Städte - und auf zuvor unerschlossenen Flächen - gebaut wurde (NICHT so häufig auf vormaligen Trümmergrundstücken) bot ein Wohnqualität, die seinerzeit dem Wunschtraum nach dem eigenen Häuschen im Grünen nahekam, jedoch erschwinglicher war, und meist sogar *mehr* Wohnfläche bot. Im Grunde war die Zentrumsentrückte Lage bis in die späten 1970er Jahre attraktiv, als schließlich die alten Patrizierthäuser und Jugendstil-Mietskasernen frischrenoviert als Objekt der Wertsteigerung entdeckt wurden...
I'm a Substitute 15.05.2010
2.
Ich kann nicht verhehlen, daß ich immer dazu tendiere, erhalten zu wollen, was nun einmal steht - und jahrzehntelang ein Ortsbild zu prägen vermochte. Daß zudem in der Architektur der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit Beispiele für die Kombination traditioneller Baumaterialien mit neueren, großzügigeren Gestaltungen des Wohnumfeldes vorhanden sind, in ihrer Statik nachvollziehbar und zudem dem Wunsch nach Privatsphäre gemäß ebenso klar gegliedert - zeigt diese oft geschmähte Architektur immerhin den geglückten Interessanausgleich zwischen individuellem und öffentlichem LEBENSGEFÜHL einer ganzen Epoche. Zynisch gesagt: Kein Wunder, daß unsere HEUTIGE Gesellschaft, dies am liebsten komplett auszuradieren wünschte...
Gunhild Simon, 15.05.2010
3.
Zitat von sysopNach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
Hier in Hamburg sehe ich gerade, wie ein Geschäftshaus am Eppendorfer Baum, das aus den 50er Jahren stammt, an die Größe , Höhe und Beschaffenheit der sich anschließenden Jugendstilhäuser angeglichen wurde: Ein Stockwerk wurde aufgesetzt, die Fenster vergrößert, das Treppenhaus erneuert, die Fassade - wie ich annehme, auch unter wärmedämmenden Gesichtspunkten - über den roten Backstein aufgesetzt. Auch im Schlachthofviertel habe ich solche Erntkernungsmaßnahmen beobachtet. Dort allerdings blieb nur die Jhdt.-Wende-Fassade stehen, während in dem Fall des 50er-Jahre-Modells die Bausubstanz verbessert wurde. Also - ich habe nichts dagegen, wenn man das Kleinkarierte, Schlechtisolierte, Behelfsmäßige, das dem schnellen Nachkriegsbaustil notgedrungen anhaftet, etwas großzügig wändeeinreißend erweitert und lichtdurchdringend erhellt. Nur muß es ja Leute geben, die das finanzieren können.
takeo_ischi 15.05.2010
4.
Zitat von sysopNach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
Allein aus ästhetischen Gesichtspunkten sollte man erstmal garnichts abreissen, was noch gut funktioniert und genutzt wird. Mir persönlich gefallen über jahrhunderte gewachsene Städte durchwirkt mit authentischen architektonischen Baustilen aller Epochen. Gerade das Spannungsfeld zwischen alt und neu belebt die Städte und fordert die Architekten zu integrativen Entwürfen auf, die respektvoll Bezug auf das Alte nehmen. Vereinheitlichung des Baustils auf den einer Epoche wird heuer zurecht abgelehnt. Vor allem totalitäre Regime (http://www.nmz.de/files/prora.JPG) haben diese Gleichmacherei in Stil und auch Gestaltung immer wieder versucht. Selbst bei Neuplanungen ganzer Stadtviertel (http://www.seg-ostfildern.de/images/ofi-scharnhauser-park-1643.jpg) auf der grünen Wiese wird schon im städtebaulichen Entwurf auf eine gestalterische Vielfalt wertgelegt. Das Quartier muss individuell sein und Raum für Identifikation durch die Bewohner bieten. Zurück zur Ausgangsfrage: Wenn die 50er und 60er Jahrebauten von der Substanz in Ordnung sind oder mit relativ geringem Aufwand saniert werden können spricht nichts gegen eine Erhaltung. Auch denkmalschutzwürdige Bauten, die dann auch mal etwas mehr kosten dürfen sind einige dabei. (http://www.nrw-architekturdatenbank.uni-dortmund.de/objekte.php)
Rudolf_56 15.05.2010
5. pauschal allers erhalten ist genauso falsch, wie alles zerstören
Zitat von sysopNach dem Krieg entstand um Zuge des Wiederaufbaus eine Architektur, deren Stil bis heute für Kontroversen sorgt. "Schön" oder "Häßlich" sind ästhetische Begriffe, die stets vom Blick des Betrachters abhängen. Wie sehen Sie die zweifelhaften Bauleistungen der 50er und 60er Jahre - abreißen oder aus historischem Interesse erhalten?
Erst einmal sind sie zeitgenössisch und somit erhaltenswerte Geschichte. Das sollte jedoch nicht so weit gehen wie in der DDR, als nach der Wende jede alte schiefe Hundehütte von oberwichtigen selbsternannten Denkmalschützern nur des Alters wegen zum Denkmal erkärt wurde, stilistisch interessante erhaltenswerte Bauten der 60er Jahre jedoch als wertlos und unbedeutend weggerissen werden konnten. Das geht einfach zu weit. Also ausgewählte Objekte durchaus erhalten und den Rest Schrott ersetzen, wenn unbewohnbar. Das war in der Geschichte der Menschheit schon immer so. Warum soll sich das ändern.
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