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01. November 2007, 16:17 Uhr

Religion

Die Klimaforscher des Korans

Von Yassin Musharbash

Radikal neuer Blick auf die Frühzeit des Islam: Wissenschaftler wollen anhand des Korans ermitteln, welches geistige Klima im Mekka des 7. Jahrhunderts geherrscht haben muss, damit der Text überhaupt verständlich war. Die jungen Forscher hoffen auf neue Einsichten in das Wesen der Weltreligion.

Berlin - Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt es wie ein Treffen von Freaks: Ein halbes Dutzend junger Menschen sitzt bei Merci-Schokolade und Espresso um einen wackligen Tisch und debattiert, ob man "offensichtlich schlecht übersetzte" Passagen in der Einheitsübersetzung der Bibel nicht lieber selbst aus dem Griechischen übertragen sollte. Dass man "noch jemanden für die äthiopischen Texte" brauche. Ob man die syro-aramäischen Liturgietexte noch in diesem oder erst im kommenden Jahr anschafft. Und kann man das arabische Wort "Dschanna" wirklich einfach so mit "Paradies" wiedergeben?

Koranforscher in Potsdam: "Wir suchen nach der Energie"
Dr. Friedrich Beiderbeck, BBAW

Koranforscher in Potsdam: "Wir suchen nach der Energie"

Doch schon auf den zweiten Blick wird deutlich, dass in diesem Gewühle im Alten in Wahrheit die Suche nach etwas Neuem verborgen ist - und nach etwas ganz Aktuellem. Denn in dem Projekt "Corpus Coranicum", finanziert von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und angesiedelt in Potsdam, geht es um nicht weniger als das, was man den Kern des Islam nennen könnte. "Wir wollen", erläutert Michael Marx, der Leiter der Arbeitsstelle, "die Geisteswelt des Koran rekonstruieren."

Die Idee ist so einfach wie bestechend: Damit der Koran für die Einwohner von Mekka und Medina, den Wirkungsstätten des Propheten Mohammed, verständlich war, müssen bestimmte Vorstellungen, Personen und Zusammenhänge, auf die der Offenbarungstext eingeht, seinen Adressaten zumindest passiv bekannt gewesen sein.

Weil aber keine Bibliothek aus Mekka aus dieser Zeit bekannt oder erhalten ist, weil systematische Archäologie in Saudi-Arabien unmöglich ist und weil ein Großteil dieses Wissens ohnehin mündlich weitergegeben wurde, wählen Marx und seine Mitstreiter den umgekehrten Weg. Sie gehen vom Heiligen Buch der Muslime selbst aus - und sammeln Texte, die sich zu einzelnen Passagen in Beziehung setzen lassen und in jener Zeit und Region kursierten oder kursiert haben könnten.

Enthusiasmiertes Feuilleton

In der Fachwelt, aber nicht nur dort, sorgt das "Corpus Coranicum" bereits für Aufregung, so etwa auf dem Orientalistentag im September in Freiburg. Das hat Gründe. Einer ist, dass das Projekt wie ein Neustart der an Historie nicht armen deutschen Koranforschung wirkt: Die Forschungsgruppe nähert sich dem zentralen Text der Disziplin noch einmal ganz von vorn. Zum anderen setzen sie einen Kontrapunkt zu jenen zuletzt fast modisch gewordenen, aber schwach belegten Theorien, die den Koran wegen bestimmter auch aramäisch lesbarer Passagen als nicht rein arabisch darstellen: "Uns geht es nicht um einzelne Begriffe, sondern um Ideen", sagt der Mitarbeiter Yousef Kouriyeh.

Auch die Publizistik hat die kleine Projektgruppe schon für sich entdeckt. Frank Schirrmacher etwa schrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" enthusiasmiert, in Potsdam entstehe ein "Buch, das imstande sein wird, Herrscher zu stürzen und Reiche zu wenden".

Damit rechnet in Potsdam freilich niemand. Aber woher die Aufregung kommt, lässt sich erklären. Denn das "Corpus Coranicum" wird den Korantext natürlich sehr deutlich als Kind seiner Zeit und Umwelt identifizieren - und eben hier gibt es eine Reibungsfläche zwischen nicht-islamischer Koranforschung und islamischer Koranbetrachtung. Man könnte es auch so formulieren: Für einen gläubigen Muslim ist der Koran ein Weg zu Gott, der per Definition zu jeder Zeit und an jedem Ort funktioniert. Für westliche Islamwissenschaftler ist er jedoch vor allem ein Weg zurück in die Geschichte.

"Den Koran in die Geschichte holen"

Nun gehe es aber bei dem Projekt keinesfalls darum, vermeintliche "Quellen" des Koran aufzuspüren, sagt Angelika Neuwirth, Professorin am Institut für Semitistik und Arabistik der Freien Universität Berlin und seit 30 Jahren Koranforscherin. Neuwirth leitet das "Corpus Coranicum"-Projekt. Das Ziel sei es vielmehr herauszuarbeiten, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen: "Wir suchen nach jener Energie, die sich damals freigesetzt hat - auch im Zusammenstoß mit dem Alten."

Denn die Arabische Halbinsel war im siebten Jahrhundert zahlreichen Einflüssen ausgesetzt: Die Großreiche Byzanz und Iran sowie der unter christlicher Herrschaft stehende Jemen dürften nach Mekka ausgestrahlt haben; das Erbe der Gnostik und der Spätantike war ebenso spürbar wie die Ideale der altarabischen Dichtung und die Ideen des rabbinischen Judentums. Der Koran entstand also nicht im luftleeren Raum, wie es die westliche Koranforschung lange Zeit der Einfachheit halber annahm. Und erst vor dem Hintergrund dieser Ideenwelt "wird das Innovative des Koran so richtig deutlich", sagt Marx - zum Beispiel wenn der Koran deutliche Anspielungen auf alttestamentarische Formulierungen macht und diese zugleich weiter entwickelt.

Der Koran als Weg zu Gott - und zur Geschichte

Alle diese sogenannten "Intertexte" werden von den "Corpus Coranicum"-Forschern in einer Datenbank gesammelt. Noch sind es keine 200 Einträge, aber das Projekt läuft erst seit neun Monaten. Spätestens 2009 soll die Datenbank öffentlich zugänglich gemacht werden. Zuvor ist noch eine Dokumentation der Entstehungsgeschichte des (verschriftlichten) Koran geplant, später wird Neuwirth mit ihrem Mitarbeiter Nicolai Sinai den Versuch einer Deutung der Daten liefern.

Eine Datenbank, keine Zeitbombe

Westliche Intellektuelle haben vor allem in den vergangenen Jahren und verstärkt nach dem 11. September 2001 immer wieder die Forderung an "die Muslime" herangetragen, den Koran endlich als zeitgeschichtliches Dokument zu begreifen - denn dann, so die damit verbundene Hoffnung, könne "der Islam" sich reformieren, die wörtliche Lesart des Koran aufgeben und zu neuen, vermeintlich zeitgemäßeren Interpretationen gelangen. Wahrscheinlich ist auch Schirrmacher so zu verstehen, dass er glaubt, die Arbeit am "Corpus Coranicum" könne den Muslimen den Weg dorthin ausleuchten.

Nun wollen die Potsdamer Islamwissenschaftler in der Tat "den Koran in die Geschichte holen" - jedoch nicht aus missionarischem Eifer. "Der westliche Zugang zum Islam ist notwendig historisch", meint Neuwirth. "Das ist die Substanz der Moderne." Aber es wäre "ganz falsch, triumphal zu behaupten, wir hätten den Schlüssel zum Koran gefunden, und die Muslime 14 Jahrhunderte lang nicht".

Sie und ihre Kollegen haben stattdessen einen Weg gewählt, der nicht konfrontativ ist, sondern auf wissenschaftlichen Dialog setzt: Das Team reist regelmäßig in die islamische Welt, um das Projekt vorzustellen. In Iran, Marokko und Ägypten waren sie schon. Austausch sei "ein honoriger Teil der Wissenschaft, und deshalb sollen unsere muslimischen Partner auch wissen, was wir tun", sagt die Hochschullehrerin. Die Erfahrungen seien bislang positiv.

Es verfestigt sich ein Gesamteindruck: Das "Corpus Coranicum" ist eines der spannendsten Projekte der deutschen, vielleicht der westlichen Islamwissenschaft. Aber eine intellektuelle Zeitbombe, die dann 2009 die islamische Gelehrsamkeit von Kairo bis Isfahan erschüttert, wird in Potsdam nicht zusammengeschraubt. Es geht zunächst um eine Datenbank mit Referenztexten, die zum Beispiel "Syrisch: Die Anordnung der Gebets über die Geburt der Gottesgebärerin Maria" heißen. Schon die Hürden zum Verständnis des Projekts sind also nicht ganz niedrig.

"Aber wir sind ja auch nicht 'Google Coranicum'", scherzt der Mitarbeiter Yousef Kouriyhe - und wendet sich wieder der Schokolade, dem Espresso und einem syrischen Liturgiebuch zu.

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