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Religion: Die Klimaforscher des Korans

Von Yassin Musharbash

Radikal neuer Blick auf die Frühzeit des Islam: Wissenschaftler wollen anhand des Korans ermitteln, welches geistige Klima im Mekka des 7. Jahrhunderts geherrscht haben muss, damit der Text überhaupt verständlich war. Die jungen Forscher hoffen auf neue Einsichten in das Wesen der Weltreligion.

Berlin - Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt es wie ein Treffen von Freaks: Ein halbes Dutzend junger Menschen sitzt bei Merci-Schokolade und Espresso um einen wackligen Tisch und debattiert, ob man "offensichtlich schlecht übersetzte" Passagen in der Einheitsübersetzung der Bibel nicht lieber selbst aus dem Griechischen übertragen sollte. Dass man "noch jemanden für die äthiopischen Texte" brauche. Ob man die syro-aramäischen Liturgietexte noch in diesem oder erst im kommenden Jahr anschafft. Und kann man das arabische Wort "Dschanna" wirklich einfach so mit "Paradies" wiedergeben?

Koranforscher in Potsdam: "Wir suchen nach der Energie"
Dr. Friedrich Beiderbeck, BBAW

Koranforscher in Potsdam: "Wir suchen nach der Energie"

Doch schon auf den zweiten Blick wird deutlich, dass in diesem Gewühle im Alten in Wahrheit die Suche nach etwas Neuem verborgen ist - und nach etwas ganz Aktuellem. Denn in dem Projekt "Corpus Coranicum", finanziert von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und angesiedelt in Potsdam, geht es um nicht weniger als das, was man den Kern des Islam nennen könnte. "Wir wollen", erläutert Michael Marx, der Leiter der Arbeitsstelle, "die Geisteswelt des Koran rekonstruieren."

Die Idee ist so einfach wie bestechend: Damit der Koran für die Einwohner von Mekka und Medina, den Wirkungsstätten des Propheten Mohammed, verständlich war, müssen bestimmte Vorstellungen, Personen und Zusammenhänge, auf die der Offenbarungstext eingeht, seinen Adressaten zumindest passiv bekannt gewesen sein.

Weil aber keine Bibliothek aus Mekka aus dieser Zeit bekannt oder erhalten ist, weil systematische Archäologie in Saudi-Arabien unmöglich ist und weil ein Großteil dieses Wissens ohnehin mündlich weitergegeben wurde, wählen Marx und seine Mitstreiter den umgekehrten Weg. Sie gehen vom Heiligen Buch der Muslime selbst aus - und sammeln Texte, die sich zu einzelnen Passagen in Beziehung setzen lassen und in jener Zeit und Region kursierten oder kursiert haben könnten.

Enthusiasmiertes Feuilleton

In der Fachwelt, aber nicht nur dort, sorgt das "Corpus Coranicum" bereits für Aufregung, so etwa auf dem Orientalistentag im September in Freiburg. Das hat Gründe. Einer ist, dass das Projekt wie ein Neustart der an Historie nicht armen deutschen Koranforschung wirkt: Die Forschungsgruppe nähert sich dem zentralen Text der Disziplin noch einmal ganz von vorn. Zum anderen setzen sie einen Kontrapunkt zu jenen zuletzt fast modisch gewordenen, aber schwach belegten Theorien, die den Koran wegen bestimmter auch aramäisch lesbarer Passagen als nicht rein arabisch darstellen: "Uns geht es nicht um einzelne Begriffe, sondern um Ideen", sagt der Mitarbeiter Yousef Kouriyeh.

Auch die Publizistik hat die kleine Projektgruppe schon für sich entdeckt. Frank Schirrmacher etwa schrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" enthusiasmiert, in Potsdam entstehe ein "Buch, das imstande sein wird, Herrscher zu stürzen und Reiche zu wenden".

Damit rechnet in Potsdam freilich niemand. Aber woher die Aufregung kommt, lässt sich erklären. Denn das "Corpus Coranicum" wird den Korantext natürlich sehr deutlich als Kind seiner Zeit und Umwelt identifizieren - und eben hier gibt es eine Reibungsfläche zwischen nicht-islamischer Koranforschung und islamischer Koranbetrachtung. Man könnte es auch so formulieren: Für einen gläubigen Muslim ist der Koran ein Weg zu Gott, der per Definition zu jeder Zeit und an jedem Ort funktioniert. Für westliche Islamwissenschaftler ist er jedoch vor allem ein Weg zurück in die Geschichte.

"Den Koran in die Geschichte holen"

Nun gehe es aber bei dem Projekt keinesfalls darum, vermeintliche "Quellen" des Koran aufzuspüren, sagt Angelika Neuwirth, Professorin am Institut für Semitistik und Arabistik der Freien Universität Berlin und seit 30 Jahren Koranforscherin. Neuwirth leitet das "Corpus Coranicum"-Projekt. Das Ziel sei es vielmehr herauszuarbeiten, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen: "Wir suchen nach jener Energie, die sich damals freigesetzt hat - auch im Zusammenstoß mit dem Alten."

Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.

Denn die Arabische Halbinsel war im siebten Jahrhundert zahlreichen Einflüssen ausgesetzt: Die Großreiche Byzanz und Iran sowie der unter christlicher Herrschaft stehende Jemen dürften nach Mekka ausgestrahlt haben; das Erbe der Gnostik und der Spätantike war ebenso spürbar wie die Ideale der altarabischen Dichtung und die Ideen des rabbinischen Judentums. Der Koran entstand also nicht im luftleeren Raum, wie es die westliche Koranforschung lange Zeit der Einfachheit halber annahm. Und erst vor dem Hintergrund dieser Ideenwelt "wird das Innovative des Koran so richtig deutlich", sagt Marx - zum Beispiel wenn der Koran deutliche Anspielungen auf alttestamentarische Formulierungen macht und diese zugleich weiter entwickelt.

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