Religionen im Test Mohammed und die Rindsleberwurst

In seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion - und landet im ersten Teil unseres Vorabdrucks bei Mohammed Herzog, einem höchst toleranten Imam. Womöglich ist der aber nicht ganz koscher. Beziehungsweise: halal.

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Wo sind sie, die deutschen Muslime? Ich lebe zwar in Berlin-Kreuzberg, und hier gibt es zahlreiche Moscheen, die von eingewanderten Türken gegründet worden sind, man kann sie besichtigen, sich den Islam erklären lassen und auch bei einem Gebet zusehen. Ein Problem aber bleibt: Die Umgangssprache ist Türkisch, der Koran arabisch, und wer beides nicht versteht, versteht kein Wort.

Durch Googles Fügung finde ich dann aber doch noch die "Islamische Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime Berlin" (IGDMB). Sie nennt sich auf ihrer Homepage "dialog-offen" und "der Gesellschaft zugewandt". Das klingt doch nicht schlecht. Ihr Gründer und Vorsitzender ist Mohammed Herzog.

Als ich in Herzogs "Interkulturellem Haus", einem kleinen Kulturzentrum in einer Seitenstraße in Berlin-Schöneberg, ankomme, ist der Amir, der Anführer, gerade noch beim Frühstück. Er sitzt in der Cafeteria, sortiert die Post und gibt Anweisungen an drei Frauen, die hier offenbar für die Bewirtschaftung zuständig sind. "Geht ihr bei Aldi? Könnt ihr mir Wasser mitbringen?", fragt Herzog, ein unüberhörbarer Ur-Berliner von 64 Jahren mit Glatze, Brille und Bart. Früher hieß er nur Hartmut mit Vornamen.

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Zu Besuch beim Imam: Doktor der Göttlichkeit
Kopftuch? Das Wort kannten die Araber doch gar nicht

Imam, erklärt Herzog, heiße er heute nur noch ehrenhalber, denn vorbeten könne er nicht mehr: "Ich komme nicht mehr auf den Boden. Das heißt, ich komme schon runter, aber nur einmal, und dann komme ich nicht mehr hinauf." Er zwinkert lustig mit den Augen und zündet sich ein Zigarillo an. Um was es mir denn ginge, will er wissen. Um den Islam, den richtigen, sage ich. Na ja, sagt Herzog, das kommt darauf an, ob man Sunnit ist oder Schiit. Und dann darauf, welcher Rechtsschule man angehört. Mal heißt es zum Beispiel, man muss fünfmal beten, aber dann gibt es auch welche, die sagen, man müsse nur dreimal. Man könne von der einen Rechtsschule das eine nehmen und von der anderen etwas anderes.

"Aber ich finde das nicht richtig", sagt Herzog. "Der eine sagt, man muss ein Kopftuch tragen. Der andere sagt, man muss nicht. Da sage ich: Nun gut. Der Islam sagt nicht, dass die Frau ein Kopftuch tragen muss. Das Arabische kannte in der damaligen Zeit gar kein Wort für Kopftuch. Heute werden sie schon ein Wort dafür haben, das ist klar." Er zündet sich ein weiteres Zigarillo an.

Mohammed Herzog war, bevor er zum Islam gefunden hat, ein überzeugter Christ, aufgewachsen in einer protestantischen Familie. Als junger Mann schloss sich der damalige Hartmut Herzog dem Baptisten-Prediger Billy Graham an, dem "Maschinengewehr Gottes", und wurde Missionar. Als die Baptisten jedoch auch in arabischen Ländern missionieren wollten, wurde Herzog die Sache zu heikel. Er beschloss, nach Berlin zurückzukehren, und lernte als evangelischer Gemeindehelfer einige Türken kennen. Sie inspirierten ihn dazu, den Koran zu lesen.

Was er im Koran las, fand er von Anfang an einleuchtend. Keine spektakuläre Auferstehung vom Kreuz. Keine seltsame Dreifaltigkeit. Der Koran war viel einfacher: ein Gott, ein Buch, und er, Mohammed Herzog. Ganz praktisch. 1979 konvertierte er.

Kein Mensch muss Pluderhosen tragen

Und höchst praktisch legt Herzog das heilige Buch bis heute aus. Die islamischen Speisevorschriften, kein Schwein und kein Alkohol? Kein Problem: "Es gibt auch Leberwurst vom Rind." Dafür müsse man allerdings beim jüdischen Metzger einkaufen, "der hat Wurstsorten, das gibt es gar nicht". Und stelle sie auf mit dem Islam vollkommen vereinbare Weise her. Mischehen? Ebenfalls kein Problem für Herzog: Er verheiratet Muslime auch mit Juden oder Christen, denn "es steht nicht da, er muss übertreten. Das ist eine Auslegungssache."

Gott, nach der Auffassung von Mohammed Herzog, ist da nicht so, und dem Gläubigen ist wenig zu verbieten. Die Islamische Gemeinschaft Herzogs ist eine außerordentlich tolerante Gemeinde. Der Islam wird hier so ausgelegt, dass er in Einklang mit den Gepflogenheiten des jeweiligen Heimatlandes gelebt werden kann. Wer als Deutscher Muslim wird, bleibe doch Deutscher. Auch werde kein Mensch vom Koran gezwungen, Pluderhosen zu tragen oder seltsame Hüte. Das Beste sei sowieso, sagt Herzog, nicht zu sehr nach den Traditionen zu leben, sondern nur nach den wirklich religiösen Vorschriften.

Bei Mohammed Herzog könnte ich sofort konvertieren, könnte vor ihm als Zeugen das Glaubensbekenntnis aussprechen und bekäme von ihm ein in der arabischen Welt anerkanntes Zertifikat, das mich als Muslim ausweist. Aber etwas hält mich zurück. Die Sache hier kommt mir nicht ganz koscher vor - beziehungsweise: halal. Das klingt alles viel zu einfach. Das hier ist seit 30 Jahren in Deutschland praktizierter, völlig unkomplizierter Islam. Kein Gotteskrieg, keine Bomben, keine Abspaltung von der Mehrheitsgesellschaft, auch werden keine Frauen unterdrückt - abgesehen von den Gelegenheiten, zu denen sie Herzog zum Supermarkt schickt, um ihm schwere Wasserflaschen herbei zu schaffen. Irgendwie zu schön, um wahr zu sein.

Alles schön, wäre da nicht der überreligiöse Weltfrieden

Und dann ist mir da noch etwas aufgefallen: die seltsamen Diplome und Zertifikate, die Herzog an der Wand seines Büros hängen hat und die ihn als Ehrendoktor sowie als Botschafter des Friedens ausweisen. Auf einem Tisch in der Ecke liegen Flyer, die für den überreligiösen Weltfrieden werben.

Nun ist überreligiöser Weltfrieden an sich eine sehr schöne Sache. Allerdings ist sie auch das Markenzeichen der Bewegung des koreanischen Religionsgründers Sun Myung Moon. Die sogenannte Moon-Sekte ist bekannt für ihre Massentrauungen, hält ihren Anführer für den Sieger des Universums und den Herrn der Schöpfung, besitzt im Diesseits Anteile an einer nordkoreanischen Autofabrik und kontrolliert angeblich den gesamten Handel mit Sushi in den USA - und das ist längst nicht alles, es würde nur zu weit führen, sämtliche Beteiligungen und Besitztümer des international agierenden Moon-Konzerns aufzuzählen. Was Moon hier dann zu suchen hat? Nun ja. Eine seiner zahlreichen Organisationen ernennt auch "Friedensbotschafter". Und die "Universal Life Church, Inc." ist eine kalifornische Titelmühle, die ehrenhalber den Titel "Doctor of Divinity" verleiht.

Man kann Mohammed Herzog nicht den Vorwurf machen, dass er ein Geheimnis daraus machen würde, woher er seinen Doktorhut hat - die Urkunde prangt stolz auf der Web-Seite seiner "Islamischen Gemeinschaft", man muss sie nur lesen. Auf Nachfrage sagt Herzog freimütig, er sei zwar kein Mitglied von Moons Vereinigungskirche, aber Friedensbotschafter. Ich habe es hier also nicht nur mit einem islamischen Gelehrten, sondern auch mit einem schrulligen Botschafter der Moon-Sekte zu tun.

Hier bin ich falsch. So wird das nichts mit den Jungfrauen im Paradies.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes wurde die "Universal Life Church" irrtümlich mit der Moon-Sekte in Verbindung gebracht. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Ob Stefan Kuzmany den rechten Islam dann doch noch beim rotbärtigen deutschen Konvertitenprediger Pierre Vogel gefunden hat, was dieser Bushido zu sagen hat, was es mit der Zamzam-Quelle auf sich hat und noch einiges mehr über das Judentum, das Christentum, den Buddhismus, Scientology und den ganzen Rest, können Sie in dem Buch "Das können Sie glauben!" lesen, das am 11. November 2011 bei S. Fischer erscheint.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
saako 07.11.2011
1. tja, so sinse
hauptsache glauben, was? ist schon fast nebensache
ymb 07.11.2011
2. Bild?
Normalerweise hängen in Moscheen keine Bilder. Ist das Bild dort der Imam selbst oder irgendeine Person auf die sich die Gemeinde bezieht? Ich konnte mit einer kurzen Internetrecherche leider nichts relevantes finden, die Website des Vereins ist ja auch eher allgemein.
taiga, 07.11.2011
3. lecker Islam im Taqqiya-Mantel
Zitat von sysopIn seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion - und landet im ersten Teil unseres Vorabdrucks*bei Mohammed Herzog, einem höchst toleranten*Imam. Womöglich ist der aber nicht ganz koscher. Beziehungsweise: halal. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789472,00.html
,,, aus der erfolgreichen Buchreihe: "Wie man aus Brennnesselwurzeln einen herrlichen Snack bereitet." Diese Art von Kochrezepten "Man nehme einen toleranten Imam" oder "Das können Sie glauben" oder http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/benjamin-idriz-gruess-gott-herr-imam-zwingt-unsere-kinder-zum-schulbesuch-1612992.html verdirbt mir jedesmal gehörig den Appetit auf alles, was nach Islam schmeckt. Mahlzeit!
shuggarcgn 07.11.2011
4. na...
Zitat von sysopIn seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion - und landet im ersten Teil unseres Vorabdrucks*bei Mohammed Herzog, einem höchst toleranten*Imam. Womöglich ist der aber nicht ganz koscher. Beziehungsweise: halal. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789472,00.html
...das will doch was heissen, wenn schon ein "Suchender" von diesem Wischi-Waschi-Islam nichts zu halten hat. Na vielleicht steckt hinter diesem Islam ja doch wieder die EKD, an dessem Hafen der Suchende ja noch immer steht...
Reqonquista 07.11.2011
5. Nett
Zitat von sysopIn seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion - und landet im ersten Teil unseres Vorabdrucks*bei Mohammed Herzog, einem höchst toleranten*Imam. Womöglich ist der aber nicht ganz koscher. Beziehungsweise: halal. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789472,00.html
Ist ja ganz nett der Imam. Aber könnte es es mit dem Gegenwind aufnehmen den er hätte, wenn die anderen islamsichen Richtungen sich mit ihm auseinandersetzen würden? Er würde wahrscheinlich schnell die Polizei der Ungläubigen zur Hilfe rufen. Man kann den Koran eben so oder so interpretieren. Das ist wie eine Bedienungsanleitung, die kein Mensch versteht. Ich glaube Herr Herzog wird von den richtigen Muslimen eher kritisch beäugt und seine Gemeinde ist nicht meinungsbildend bei den richtigen Muslimen.
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