Religionen im Test Rabbi Rothschild und die Psychopathen

In seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion. Im dritten Teil unseres Vorabdrucks besucht er den Rabbiner Walter Rothschild - und stolpert sofort in einen Fettnapf: Soll er sich für seine Großeltern entschuldigen oder besser nicht?

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Bitte verzeihen Sie gleich das Klischee, und ich hoffe sehr, Walter Rothschild verzeiht es mir ebenfalls - aber der Mann sieht aus wie ein Rabbiner aus dem Bilderbuch: Er trägt eine große Brille. Und einen langen Bart. Und hinter der großen Brille blitzen gescheite Augen. Ich sitze im Wohnzimmer seiner großzügigen Altbauwohnung direkt neben dem Kaufhaus des Westens in Berlin, er holt noch schnell Tee aus der Küche, das Radio läuft: Nachrichten. Studenten haben bei einer Demo "für mehr Bildung" das Foyer der Humboldt-Universität gestürmt und die Einrichtung demoliert, unter anderem eine Ausstellung, die dort gerade lief. Eine Ausstellung über die Enteignung jüdischer Unternehmer durch die Nazis, ausgerechnet. Wie kann man nur so blöd sein.

Rothschild werkelt in der Küche, und ich überlege zunehmend nervös, ob ich mich nicht bei ihm entschuldigen sollte - für die Dummheit und die Geschichtsvergessenheit der randalierenden Studenten. Denke dann wieder, dass es nicht meine Aufgabe ist, mich für etwas zu entschuldigen, das ich weder getan habe noch unterstützen würde. Rothschild ruft: "Nur einen Moment noch", und ich denke, es ist immerhin meine Generation, junge Menschen, die das getan haben. Vielleicht sollte ich mich doch entschuldigen. Oder besser für das, was die Generation meiner Großeltern den Juden angetan hat?

Besser mal unverfänglich anfangen

Ich weiß zwar nicht, ob meine eigenen Großeltern persönlich einem Juden Schaden zugefügt haben. Ich glaube es nicht. Aber ich weiß: Sie waren jedenfalls keine Widerstandskämpfer. Eine Großmutter war Mitglied der NSDAP, ein Großvater im NSKK, der Vereinigung nationalsozialistischer Auto- und Motorradfahrer. Soll ich mich bei Rothschild dafür entschuldigen, dass meine Großeltern zumindest Mitläufer gewesen sind? Wäre das angemessen? Oder doch eher lächerlich? Walter Rothschild und ich sehen uns zum ersten Mal in unserem Leben, und ich zwinge ihm ein Gespräch über meine Familie und deren eventuelle Schuld im Dritten Reich auf? Und er erteilt mir dann Absolution, oder was? Und meiner längst verstorbenen Großmutter noch dazu? Nein, nein, nein, dann lieber für die Studenten entschuldigen. Nein, auch für die nicht. Da kommt er mit dem Tee. Was mache ich bloß? Besser gar nicht entschuldigen. Unverfänglich anfangen.

"Ähem, Herr Rothschild", sage ich, "ähem, Sie gelten ja als ein sehr lebendiger Lehrer des Judentums." Rothschild stellt den Tee ab, schaut mich kurz an und sagt: "Ja, bis ich sterbe." Na super. Noch keine drei Minuten vergangen, und ich habe mich bereits zum Deppen gemacht. Das ist zwar peinlich, aber, wie ich gleich danach erfahre, nicht die schlimmste aller Möglichkeiten. Walter Rothschild erzählt, dass sich die Menschen, die ihn besuchen, weil sie sich dafür interessieren, zum Judentum zu konvertieren, in drei Gruppen aufteilen lassen.

Da gibt es zunächst diejenigen, die aus persönlichen Gründen zu ihm kommen: Jemand hat eine jüdische Freundin gefunden oder einen jüdischen Freund und möchte deshalb zum Judentum wechseln. Oder die Anwärter haben in ihrer Familiengeschichte jemanden gefunden, der Jude war. Die zweite Gruppe sind diejenigen, die sich aus theologischen Gründen zum Judentum hingezogen fühlen: "Sie suchen einen Weg zu einem monotheistischen Gott ohne Jesus. Einen puren Monotheismus: Kein besonderer Prophet, kein Sohn Gottes, keine ganze Familie mit Mutter und zweitem Cousin und so weiter."

Jude werden ist vor allem eines: anstrengend

Und die dritte Gruppe, Herr Rothschild? "Das sind die Psychopathen. Das sind Leute, die sind ein bisschen verrückt, ein bisschen meschugge, die möchten nicht mehr zum Volk der Täter gehören, sondern Opfer werden. Mit diesen Leuten muss man höflich reden. Und sie dann abweisen." Zum Glück habe ich nicht von meinen Großeltern angefangen. Sonst würde mich Rothschild auch noch für einen Psychopathen halten.

Dennoch scheint er nicht besonders scharf darauf zu sein, mich für das Judentum zu gewinnen, ganz im Gegenteil. Jetzt spricht er über die Nachteile seiner Religion. Zum Beispiel ist es sehr anstrengend, koscher zu kochen, wegen der streng getrennten Geschirre für Milchiges und Fleischiges, und koscher einzukaufen in weiten Teilen des Landes schlicht unmöglich. Als Jude im Einklang mit seiner Religion zu leben ist überhaupt nur dort möglich, wo es bereits eine jüdische Gemeinde gibt, was möglicherweise dazu führt, dass man weite Reisen unternehmen müsste, um zu einer Gemeinde zu gelangen, in der man sich wohl fühlt. Wozu sollte so etwas gut sein? Warum sollte man unter diesen Umständen konvertieren wollen? Wer sollte so etwas tun wollen? Die Antworten lauten: Zu nichts, sollte man nicht, niemand.

Und es ist ja auch nicht schlimm, wenn man kein Jude ist. Gott hat jede Menge Menschen geschaffen, die keine Juden sind - also ist Gott der Ansicht, es müssen nicht alle Menschen Juden sein, und dass es völlig in Ordnung ist, kein Jude zu sein. Solange die anderen die Juden in Ruhe lassen und nicht umbringen, können sie sein, was sie wollen. Sagt der Rabbi. Er ist zwar sehr freundlich und geduldig. Aber trotzdem beschleicht mich das Gefühl, er wolle mich loswerden.

Kontrollieren Sie das Finanzsystem, Herr Rabbi?

Da kommt mir ein Verdacht. Das ist alles doch nur Teil der großen Ablehnungsshow. Die tatsächlichen Vorteile der jüdischen Religion werden bestimmt geheim gehalten. Denn es muss sie doch geben. Irgendwas muss doch dran sein an dieser Religion, sonst hätte sie sich nicht so lange gehalten!

Da war doch noch was. Ich habe im Internet davon gelesen. "Was ist mit der Kontrolle des weltweiten Finanzsystems? Der Medien? Der Industrie? Ist man da als Jude nicht überall dabei? Sie selbst vielleicht auch?", frage ich Rothschild. Wer weiß, vielleicht hält er Anteile am Bankhaus Rothschild? "Da muss ich Sie enttäuschen. Außer dem Namen habe ich mit denen nichts gemeinsam", sagt der Rabbi.

"Antisemitismus ist eine psychische Krankheit. Sie hindert die Befallenen, den inneren Widerspruch zu erkennen. Gleichzeitig sollen die Juden zuständig sein für den Kapitalismus und den Kommunismus. Wir sind alle faul und nehmen alle Jobs. Wir sind alle Feiglinge, und zur gleichen Zeit sind wir furchtbar stark gegen die armen Palästinenser. Das passt nicht zusammen. Ein vernünftiger Mensch würde das sofort erkennen. Aber unvernünftige Menschen sehen das nicht. Einige Vorurteile gibt es bei allen Emigrantengruppen: Sie sind hergekommen, um unsere Frauen zu nehmen, und sie bringen ihre Familien mit. Tut mir leid, beides gleichzeitig geht nicht. Es ist eine Art von Dummheit. Aber Gott muss die dummen Menschen sehr lieben, sonst hätte er nicht so viele von ihnen gemacht."

Da hat er dann auch wieder recht, der Rabbi.

Welche Gemeinheiten sich der alttestamentarische Gott für sein auserwähltes Volk ausgedacht hat, warum es schwierig ist, Jüdin zu werden, wenn man Christine heißt und einiges mehr über Islam, Christentum, Buddhismus, Scientology und den ganzen Rest erfahren Sie in Stefan Kuzmanys  Buch "Das können Sie glauben!", das am 11. November 2011 bei S. Fischer erscheint.



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Seite 1
kalumeth 10.11.2011
1. zur Diskussion: glaub w ü r d i g e Religions/geschichte..der Siegerreligionen?
Zitat von sysopIn seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion. Im dritten Teil unseres Vorabdrucks besucht er den Rabbiner Walter Rothschild - und stolpert sofort in einen Fettnapf: Soll er sich für seine Großeltern entschuldigen oder besser nicht? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794457,00.html
Am Anfang schuf Gott ..den Schamanismus! Vor 6 - 8000 Jahren glaubten Menschen langsam zu erkennen, dass Natur und Universum der Wandelsterne sich in ihren Seelencharakteren ein Abbild geschaffen hatten. Jene späteren 'Sterne von Behtlehem', ur-babylonischer Glaube mythologischer Göttermagie wuchsen und reiften heran. Neben anderen psychol. Charakterarchetypen weihten antike Ägypter & Griechen neben 'Liebe' auch 'Hass' so geschlechtlichen Göttermetaphern wie Aphrodite, Eros und Psyche selbst. Metaphern so real im Menschen präsent, dass man sie -fast- anfassen und begreifen konnte. Mit den psychologischen Metaphern*) wuchs ebenso ihr Mißbrauch. Röm. Gottkaiser wurden so über-beherrschend, dass Palästina und Germanien ausscheren MUSSTEN. Psyche einer neuen Spiritualität begann. Allein solch innere Rückbesinnung drohte den ausgearteten Götter- & Machtmißbrauch Roms in den Katakomben zu besiegen! 100 Jahre später: Konstantins Wende. Glück auf röm. Schlachtfeld lässt die Waagschalen zum Staatschristentum fallen. Hass wurde nun ausgeschlossen. Theoretisch zumindest. Nur noch die 'Liebe' sollte es sein. Doch erst ab Nicäa die reine, nicht mehr körperliche, die göttliche.. Anfangs schloss sie den Körper nicht aus. Maria Magdalena, anfangs noch umfassende Gefährtin, wurde ab Nicäa, 400 n. Chr., zur Sünderin umgeschrieben. Und ebenso Pforten theosophischen Machtmißbrauchs erneut restauriert. Einzig 'erlaubter' Deutungskanon der vier NT-Apostel wurde mit Schwert, Feuer, Angst und kindl. Frühtaufe unter die Heiden gezwungen. Maria Magdalena, erwachsene Gefährtin des Prophet-Menschen Jesus v. N., machte Platz einer erneuten Vergötterung: Das weibliche durch eine MutterGottes übermenschlich bereinigt. Und heute? Fragen wir einmal unter (zu vielen) haltsuchenden Jugendlichen nach, woran die überhaupt g l a u b w ü r d i g noch glauben können? - ev-/kath Glaubensbekenntnis: Fehlanzeige - Zeugen J./ Mormonen/Scientol.: Fehlanzeige - Esoterik & Astrologie: in abergläubig/überhöht-/mißbräuchlicher Form: Fehlanzeige - stattdessen zunehmende Haltsuche in Alkohol und "Opiaten für's Volk"! ..frei nach Marx Merke: urchristliches Wirken, wie auch teutonisch-heidnischer Wiederstand entstanden einmal als Gegenbewegungen zu 1. machtgierig mißbrauchender, römisch-heidnischer Politik sowie 2. in (teils zu abergläubigen) Regeln erstarrter jüd.-monotheistischer Religion. Kulturhistorische, spirituelle Brücken zwischen christlichen Ursprüngen und zivilem Heidentum werden von den Kirchen heute noch immer geleugnet. Vgl. astrologisches Abenmahl Leonardo da Vincis & 'Sterne (Planeten) von Bethlehem' http://pathfinder.oyla14.de Zu seriöser und n i c h t abergläubig- oder mißbräuchlich übersteigerter Astrologie ein Zitat von Johannes Kepler, der neben Mathematiker und Astronom ein ebenso gefragter Theologe und Astrologe war: "Die Sterne zwingen nicht, aber sie machen geneigt" *) Buch von Claus Riemann: Der tiefe Brunnen - Astrologie und Märchen von C. Lindemann: Die Handschrift Gottes lesen - Astrologie
Werner655 10.11.2011
2. .
Zitat von sysopIn seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion. Im dritten Teil unseres Vorabdrucks besucht er den Rabbiner Walter Rothschild - und stolpert sofort in einen Fettnapf: Soll er sich für seine Großeltern entschuldigen oder besser nicht? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794457,00.html
Viel Überschrift - wenig Inhalt! Welch ein anmaßender und zugleich mit Ansage zum Scheitern verurteilter Versuch, die "beste Religion" zu finden. Wie der Autor allerdings nun auch den dritten Teil dieser unsäglichen Folge zu bewerkstelligen versucht, lässt mich nur staunen darüber, dass ihm SpOn so großzügig viel Platz für seine Ergüsse bereitstellt. Ich werde mir weitere Folgen ersparen und bin damit sicher nicht alleine.
cassandros 10.11.2011
3. Klären Sie uns 'mal auf
Zitat von sysopIn seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion. Im dritten Teil unseres Vorabdrucks besucht er den Rabbiner Walter Rothschild - und stolpert sofort in einen Fettnapf: Soll er sich für seine Großeltern entschuldigen oder besser nicht? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794457,00.html
Die beste Religion ist die, an die keiner mehr glaubt! Denn dann kann sie keinen Schaden mehr anrrichten. Fast 300 Jahre nach der Aufklärung muss man sich in Europa immer noch mit diesem Unfug herumplagen. Nicht zu fassen!
adesat 10.11.2011
4. Ist das Satire?
Zitat von sysopIn seinem Buch "Das können Sie glauben!" macht sich Stefan Kuzmany auf die Suche nach der besten Religion. Im dritten Teil unseres Vorabdrucks besucht er den Rabbiner Walter Rothschild - und stolpert sofort in einen Fettnapf: Soll er sich für seine Großeltern entschuldigen oder besser nicht? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794457,00.html
Beziehungsweise... ich stelle die Frage mal anders: Ist das absichtliche oder unabsichtliche Satire?
albert schulz 10.11.2011
5. die Spannung wächst ins Unermeßliche
"Er ist zwar sehr freundlich und geduldig. Aber trotzdem beschleicht mich das Gefühl, er wolle mich loswerden." Das kann man nachempfinden bei dem ganzen Flachsinn. Ich frage mich eigentlich nur, ob der Kuzdings Reklame macht für sein Buch oder dagegen. Letzteres ist im Übrigen durchaus beliebt. Der Autor hat eine natürliche Angst davor, daß die Buchkäufer das Ding lesen. Keine Sorge, die verschenken es nur. Und nächstes Jahr liegt es für 50 Cent das Kilo auf dem Kirchenbazar. Und liegt und liegt.
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