Republikaner-Ikone Coulter: Blondes Gift

Von , New York

Die konservative US-Kommentatorin Ann Coulter schreckt vor nichts zurück. Neueste Opfer ihrer Verbalinjurien sind die Witwen der Opfer des 11. Septembers. Während so viel Tabubruch selbst einigen Rechten zu weit geht, verkauft sich Coulters neues Schmäh-Buch prächtig.

New York - Sie nennen sie den "amerikanischen Göring". Eine "kreischende Psychopathin", eine "miserable Ausrede für ein menschliches Wesen", eine "pferdegesichtige Zicke", die "galligen Hexensaft serviert" und "für alles steht, was böse ist auf dieser Welt".

Kommentatorin Coulter (in New York): Giftspritze im kleinen Schwarzen
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Kommentatorin Coulter (in New York): Giftspritze im kleinen Schwarzen

Nur zu, ermutigt Ann Coulter ihre Widersacher fröhlich. Sie suhlt sich in deren Anfeindungen, die Öl aufs Feuer ihrer Chuzpe sind: "Ich liebe den Gedankenaustausch mit Dümmeren."

Ann Coulter, 43, Kommentatorin, ist die Jeanne d'Arc der Rechten: Die Beschimpfungen gegen sie sind Zucker im Vergleich zu dem, was sie selbst austeilt. Verächtlich spuckt sie ihre verbalen Attacken gegen Liberale, Demokraten, abtreibende Frauen, Homosexuelle oder Muslime aus. Ihre Miene, glatt wie ihre blonde Haarmähne, bleibt dabei unbeweglich, die Augen wie tot. Nur die dünne Unterlippe klappt herunter, um Giftpfeile abzuschießen, die man leicht unterschätzt, weil sie so lachhaft absurd klingen und doch tief die Seele treffen.

Die Welt der Liberalen ist ein Horrorkabinett für aufrechte Christen wie sie: "Darwinismus ist eine Tatsache, Menschen werden schwul geboren, Kinderschänder können rehabilitiert werden, Recycling ist eine Tugend und Keuschheit keine." Liberale, ketzt Coulter, liebten "Trophäenweiber, Stripper-Clubs" und "Sex mit Tieren", seien "physisch abstoßend" und doch "grotesk auf Jugend fixiert". Sie neigten zudem zu Gewalt - "ganz wie die Praktiker des Islams".

Nation der Talking Heads

Verbalinjurien wie diese sind genau ihr Ding, dafür ist sie bekannt. Nicht als Verfassungsjuristin, ihr Lehrberuf, sondern als Megaphon für die schmutzigsten Gedanken der rechten Basis. Breitseiten gegen den Gegner, den sie gerne in einem Federstrich mit Saddam Hussein und Hitler nennt: "Hätte sich Hitler nicht gegen ihren geliebten Stalin gestellt, dann hätten sich die Liberalen auch an ihn gehängt." Die Frau weiß, was sich verkauft in der Nation der schnellen Soundbites und konservativen Talking Heads, Nachrichtensprecher und Talk-Moderatoren, die "liberal" zum Schimpfwort gemacht haben.

Doch jetzt hat Coulter, die selbst fürs Frühstücksfernsehen im kleinen Schwarzen anwackelt, als sei sie nach der letzten Cocktailparty noch gar nicht zu Hause gewesen, sich selbst übertroffen. Und zwar mit ihrem jüngsten Frontalangriff - gegen eine neue Feindesgruppe, die bisher über alle Kritik erhaben war: junge Witwen, die ihre Männer am 11. September 2001 verloren haben.

"Diese Weiber sind von Fernsehen und Presse vergötterte Millionärinnen, die sich in ihrem Prominentenstatus sonnen", ätzte Coulter über die "Jersey Girls", vier emsige Frauen aus New Jersey, auf deren Druck die 9/11-Kommission zu Stande gekommen war. "Ich habe noch nie Frauen gesehen, die den Tod ihrer Männer so genossen haben."

"Unglaublich und geschmacklos"

Sie täten "selbstsüchtig" so, "als hätten die Terroranschläge nur ihnen gegolten", keifte Coulter weiter. Sie erwarteten, "dass sich das ganze Land in ihrer exquisiten, persönlichen Qual mariniert". Diese "Hexen von East Brunswick" hätten ihr Leid politisch instrumentalisiert und die 9/11-Kommission als "persönliche Psychotherapiesitzung" genutzt.

Dabei ist natürlich keiner so talentiert in der Instrumentalisierung von Tod und Trauer wie die Republikaner selbst - man denke nur an das Tränenballett der Hinterbliebenen beim New Yorker Wahlparteitag 2004. Und kaum ein Republikaner wiederum beherrscht die Kunst der Selbstvermarktung so gut wie Coulter.

Ihre Tiraden gegen die Witwen verschrecken aber nun sogar manchen Konservativen, der Coulter bisher als hippe Heldin angehimmelt hat. Anders als sonst, stellte MSNBC-Moderator Keith Olberman fest, habe sich diesmal "kein einziger gewählter Republikaner" auf ihre Seite geschlagen. "Unglaublich und geschmacklos", sagte die Society-Lady Georgette Mosbacher, Mitglied im New York Republican National Committee und eine der Top-Spendensammlerinnen der Partei. Auch George Pataki, der republikanische Gouverneur von New York, war "fassungslos".

"Liberal" als Schimpfwort

Doch Coulter hat ihr wahres Ziel längst erreicht - abkassieren. Denn die Witwen-Schmähung ist nichts anderes als ein Marketingtrick für ihren jüngsten käuflichen Auswurf: "Godless - The Church of Liberalism" heißt ihr fünftes, wohl maßlosestes Buch, dessen Erscheinungstermin sie absichtlich aufs Teufelsdatum 6.6.06 legen ließ: 310 Seiten voll kalkulierter Affronts, meist überdreht, oft haltlos und, wie Blogger gleich nachgewiesen haben, manchmal einfach auch nur anderswo abgeschrieben. Die Attacke gegen die 9/11-Witwen steht in Kapitel 5. Titel: "Die Unfehlbarkeitsdoktrin der Liberalen - heulende, hysterische Frauen."

Die TV-Talkshows, durch die Coulter nun wieder tingelt, dürfen ob dieses Coups frohlocken. Denn "Ms. Rechts" ("Time") ist ein verlässlicher Quotenrenner, vor allem im Verbund mit dem Witwen-Zoff. Ein trübes, aber bezeichnendes Phänomen für das politische Klima im sechsten Jahr der Ära Bush.

Und so ist "Godless" - trotz (oder gerade wegen?) eines Boykott-Aufrufs der Demokraten - ein Instant-Bestseller. Gestern, eine Woche nach seinem Debüt, rangierte es auf Platz zwei des Amazon-Rankings. Nur die Diät-Fibel "Ultrametabolism" verkaufte sich besser.

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