Geschichten aus dem Balkankrieg Therapie im Theater

Milo Rau ist der Star des politischen Theaters. In "The Dark Ages" lässt er fünf Schauspieler ganz persönlich vom Verlust ihrer Heimat erzählen, von Krieg und Flucht und Vertreibung. Ein stiller, aber ein großer Abend.

Thomas Dashuber

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Als die Nato Bomben auf Belgrad warf, suchte sich Sanja Mitrovic den Platz mit der besten Aussicht, wie bei einem Feuerwerk. Sie tanzte die Nächte durch und sagt heute: "Es ist seltsam, aber ich hatte die beste Zeit meines Lebens während des Nato-Bombardements".

Vedrana Seksan erinnert sich an keinen Sommertag während des Krieges in Sarajevo, nur an Wintertage, weil die so kalt waren, dass ihre Mutter ihre Schuhe und sogar ihre Schlittschuhe verfeuern musste. "Die besten Schuhe sind die mit den Gummisohlen, weil sie langsam brennen und man mit ihnen kochen kann".

Sudbin Music hat ein Massaker an den Muslimen seines Dorfes mitangesehen, bei dem sein Vater ermordet und in einen Hofbrunnen geworfen wurde. Als die Überreste der Toten vor kurzem geborgen wurden, hatte Music den Schädel seines Vaters in der Hand, wie Hamlet. "Was das Identifizieren von Leichen angeht, sind wir Bosnier weltweit führend".

Sudbin Music arbeitet heute als Journalist und Menschenrechtler in Prijedor, Vedrana Seksan als Schauspielerin am Nationaltheater Sarajevo, Sanja Mitrovic als Performerin in Amsterdam und Brüssel. Zurzeit stehen sie in München auf der Bühne des Marstalls. "The Dark Ages" heißt das Projekt, in dem sie ihre ganz persönlichen Kriegs- und Fluchtgeschichten erzählen. Es sind Geschichten über den Verlust von Heimat, den auf eine andere Art auch Valery Tscheplanowa und Manfred Zapatka erlitten haben, beide Ensemblemitglieder des Residenztheaters.

Gehen Sie da hin!

Rezensieren will man diesen Abend mit diesen Geschichten eigentlich nicht, man will die Geschichten eins zu eins zitieren, vom ersten bis zum letzten Satz, aber weil das natürlich nicht geht, kann man hier nur schreiben: Gehen Sie da hin! Hören Sie den Schauspielern zu!

Der Autor und Regisseur des Abends, Milo Rau, ist nicht nur ein guter Journalist, der aus den fünf Akteuren gute Geschichten rausgekitzelt hat. Er ist auch ein sehr formbewusster Theatermacher, berühmt geworden mit Reenactments historischer Ereignisse: Er hat den Prozess gegen den rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu rekonstruiert ("Die letzten Tages der Ceaucescus"), hat eine Propagandasendung aus der Zeit des Genozids in Ruanda nachspielen lassen ("Hate Radio"), hat das rechtsradikale Manifest des norwegischen Massenmörders Anders Breivik auf die Bühne gebracht ("Breiviks Erklärung"), hat das Verfahren gegen die russische Punk-Band Pussy Riot nachinszeniert ("Die Moskauer Prozesse"). Es gibt wohl keinen anderen Theatermacher zurzeit, dessen Arbeiten so viel Aufsehen erregen.

"The Dark Ages" ist ein vergleichsweise stiller Abend: eine politische Psychoanalyse, bei der es Rau um die Weltgeschichte geht, die sich in den Biografien der Akteure spiegelt. Sie sitzen auf der Bühne, im Durcheinander eines unaufgeräumten Büroraums, und berichten abwechselnd aus ihrem Leben. Wer gerade nicht spricht, hört still zu, die Hände im Schoß gefaltet, die Beine übereinander geschlagen. Wie in einer Therapierunde.

So schlicht diese Form auch ist, sie ist sehr durchdacht und klug. Das Setting schafft eine große Konzentration, die sich in den Zuschauerraum überträgt: Wer spricht, hat die ungeteilte Aufmerksamkeit. Er wird von einer Kamera gefilmt, die die Aufnahmen live auf eine Leinwand über den Köpfen der Akteure überträgt, überlebensgroß und in Schwarz-Weiß. Das hebt die Geschichten aus dem Moment heraus. Ins Überzeitliche. Zudem weckt es die Assoziation, man schaue einer Fernsehdokumentation beim Entstehen zu, sehe mehr als die Zuschauer, die am Ende nur den fertigen Film zu Gesicht bekommen. Ein Plus an Glaubwürdigkeit.

Die Akteure erzählen ihre eigenen Lebensgeschichten, das weiß der Zuschauer, und doch treten sie anders auf als die sogenannten Experten des Alltags in den Produktionen der Dokumentartheater-Truppe Rimini Protokoll. Sie sprechen ihre Geschichten in die Kamera, nicht ins Publikum, als sei dieses Live-Publikum gar nicht der Adressat der Geschichten, als gebe es eine Vierte Wand, so wie im klassischen Theater, als spielten sie Zeitzeugen, die vor einer Kamera das erste Mal ihre Erlebnisse schildern.

Die fünf Akteure, von denen vier ja tatsächlich professionelle Schauspieler sind, treten mit dem Selbstbewusstsein und dem Habitus professioneller Schauspieler auf. Sie sprechen die Texte, die doch ihre sind, als seien sie von einem anderen Autor. Der Effekt: Die persönlichen, rein privaten Geschichten bekommen einen Dreh ins Allgemeinmenschliche.

Die Zombies der Vergangenheit

"The Dark Ages" ist der zweite Teil einer Europa-Trilogie, die Rau im vergangenen Jahr mit "The Civil Wars" begann, einer Produktion, die den Jurypreis beim renommierten Festival Politik im Freien Theater gewann. Rau ging darin der Frage nach, wieso junge Westeuropäer als IS-Kämpfer in den Nahen Osten gehen und ließ die Schauspieler aus einer vaterlosen Gesellschaft erzählen. Im dritten Teil, der im Dezember an der Berliner Schaubühne herauskommen wird, will er sich mit den Auswirkungen beschäftigen, die die europäische Wirtschaftspolitik in Afrika hat.

Der zweite Teil "The Dark Ages", der nun Premiere hatte, erzählt in gewisser Weise die Vorgeschichte des vereinigten Europas. Dazu passt, dass zu Beginn eine steinerne Rednerkanzel im (national-)sozialistischen Stil auf der Bühne steht, geschmückt mit einem üppigen Blumenbouquet. Die Schauspieler drehen sie um 180 Grad, bis das Büro zum Vorschein kommt, in dem sie spielen. Hinter der Frontfassade aber bleiben die Trümmer des Faschismus stehen. Sie bleiben im Kopf.

Dazu passt auch, dass die slowenische Industrial-Band Laibach nach der Premiere ein Konzert im Residenztheater gab, das noch mal eine Inszenierung für sich war, theatralischer als der Theaterabend zuvor. Laibach hatte zwar auch einige Miniaturen komponiert, die die Akte des Stückes voneinander trennen, aber erst beim Konzert entlud sich der martialische Zitat-Bombast, für den die Band bekannt ist. Knurrende Stimmen und Bässe und die Schnipsel der Videoshow hämmerten auf die Gegenwart ein wie ein Heiner-Müller-Text, scheuchten die Zombies der Vergangenheit auf.

Sollte der Theaterabend noch Zweifel hinterlassen haben, das Konzert beseitigte sie: Die Ruinen des (national-)sozialistischen Europas sind die Fundamente des neuen.


"The Dark Ages": Ein Projekt von Milo Rau im Marstall des Münchner Residenztheaters. Nächste Vorstellungen am 16., 17. und 18. April sowie 16. und 31.5. Kartentelefon 089/21851940.

Zum Autor
Maria Feck/ DER SPIEGEL
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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