Achtsamkeit als Trend  "Langsamer machen reicht nicht"

Warum haben wir immer zu wenig Zeit? Der Beschleunigungskritiker Hartmut Rosa wurde bekannt, weil er wissenschaftlich beschreibt, was viele fühlen. Jetzt hat der Soziologe ein Gegenprogramm zum gehetzten Leben entwickelt.

Alles ganz bewusst erleben?
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Zur Person
  • Suhrkamp
    Hartmut Rosa wird häufig als "Entschleunigungspapst" bezeichnet - obwohl er mit einer Schrift über Beschleunigung bekannt wurde. Diese hat laut Rosa seit der Industrialisierung alle gesellschaftlichen Lebensbereiche erfasst. In seinem neuen Buch entwickelt der Soziologe, der an der Uni Jena lehrt, ein Gegenprogramm: "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung."
SPIEGEL ONLINE: Herr Rosa, Beschleunigung war Ihr großes Thema - jetzt haben Sie ein Buch über Resonanz geschrieben. Was meinen Sie damit?

Rosa: Resonanz ist die Grundsehnsucht nach einer Welt, die einem antwortet. Und die in jedem Menschen angelegt ist, weil wir Beziehungsmenschen sind. Wenn diese Sehnsucht eingelöst wird, weil jemand aufgeht in einem bestimmten Bereich, führt er ein gelungenes Leben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Beispiele für das Einlösen dieser Sehnsucht?

Rosa: Resonanzmomente kann man in allen gesellschaftlichen Sphären erleben - in der Kunst, wenn man im Museum vor einem Bild steht, oder beim Singen im Chor. Wenn man in seiner Arbeit aufgeht. Häufig werden solche Momente des Aufgehens als Heimat verklärt, die man gefunden hat. Als Heimat aus der Kindheit, an die ich Erinnerungen habe.

SPIEGEL ONLINE: In jeder Kindheit ist doch nicht automatisch alles toll - und deshalb verklärenswert.

Rosa: Ich verstehe Heimat nicht nur als physische Konnotation, sondern als Idee: als Weltanschauung, die zu mir passt, als politische, berufliche, familiäre Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt ab, wie resonanzfähig Menschen sind?

Rosa: Das Grundvertrauen in die Welt scheint wichtig zu sein: Steht mir die Welt als etwas Antwortendes, Gütiges gegenüber? Oder als etwas Feindliches? Dafür gibt es eine neurologische, hormonelle Basis. Dann glaube ich, dass psychologische Faktoren eine Rolle spielen, frühkindliche Erfahrungen, der Sozialisationsprozess in der Schule.

SPIEGEL ONLINE: Und wie merkt man, ob man das gefunden hat, was Sie Heimat nennen?

Rosa: Damit wir diesen Ort finden, müssen wir uns auf die Suche begeben, unsere Reichweite in dieser Welt ausdehnen. Das Lebensgefühl der Romantik hat das gut auf den Punkt gebracht, diese Idee, in sich selbst zu gehen und gleichsam in die Welt hinauszuziehen. Das Problem aber: Diese Idee der Ausdehnung hat sich verselbstständigt.

SPIEGEL ONLINE: Weil uns heute viel mehr Optionen zur Verfügung stehen als den Romantikern?

Rosa: Ich würde sagen, unsere Gesellschaft ist seit der Industrialisierung immer stärker darauf ausgelegt, Weltreichweite zu vergrößern - weil alle ihre Bereiche auf Steigerung ausgelegt sind. Dahinter steht dann aber nicht die Idee der Resonanz, sondern die des Verfügbarmachens, des Kontrollierens: Kinder bekommen heute leuchtende Augen, wenn sie ihr erstes Smartphone bekommen. Da steckt kein konkretes Sachbegehren hinter, sondern der Wunsch, Welt in Reichweite zu bringen: auf Spotify die größte Musikauswahl zur Hand zu haben, nachzugucken, wie das Wetter im Tokio ist. Das Problem ist aber, dass dieses Potenzial allein die Dinge noch nicht zum Sprechen bringt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als hätte sich der Konsument in Ihrem Konzept von der Ware entfremdet. Klassische Kapitalismuskritik, oder?

Rosa: Ich bin sicher, dass es dem Kapitalismus nicht komplett gelingt, die Subjekte zu erschaffen, derer er bedarf; durch die in uns angelegte Resonanzsehnsucht können wir nicht komplett verdinglicht werden. Aber ja, an dieser Stelle funktioniert der Trick des Kapitalismus schon: Wir sind enttäuscht vom Einzelprodukt. Aber nicht so enttäuscht, dass wir das nächste nicht kaufen - weil die Produkte uns lebendige Beziehungen versprechen. Dazu kommt eine Wettbewerbslogik, wir häufen Resonanzprodukte ja auch an: Horten Bücher, weil wir die vage Idee haben, dass wir irgendwann aus dem Hamsterrad aussteigen und dann endlich in Ruhe Hegel lesen können. Dann haben wir dafür keine Zeit. Kaufen deshalb aber noch Kant dazu.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Hegel und Kant. Ist die Sehnsucht nach Resonanz nicht ein Luxus, den sich nur bestimmte Schichten leisten können - nämlich die, die sich um Geld, Bildung und Aufstieg kaum mehr Gedanken machen müssen?

Rosa: Mir wird immer unterstellt, ich würde nur das Lebensgefühl von Akademikern beschreiben. Ich werde da richtig sauer. Sogar Leute bei McDonalds sagen häufig, sie machen den Job gern. Etwas gut und schön zu machen, etwas zu tun, das einen erfüllt, das ist keine akademische Zusatzidee. Zu behaupten, die da unten kämpfen nur ums Überleben, die haben gar keinen Sinn für die anderen Dimensionen - das ist paternalistisch. Reden Sie mal mit Obdachlosen. Die sagen ganz häufig, das Schlimmste ist nicht, dass sie kein Geld kriegen von Leuten. Sondern, dass sie nicht wahrgenommen werden. Dass Ihnen Resonanz verweigert wird.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren scheint es einen Backlash zu geben. Und der bezieht sich schon auf eine bestimmte, gebildetere Schicht: Die DIY-Bewegung, Yoga - passt doch alles zu Ihrer Resonanzidee.

Rosa: Achtsamkeit und so. Ein Lebensgefühl, das von Zeitschriften wie "Flow" und "Happiness" zelebriert wird. Als Wissenschaftler sollte man sich davon fernhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aber auch präsent in diesen Themenbereichen.

Rosa: Ich verstelle mich nicht. Ich mache das, was ich sinnvoll finde. Wenn mir etwas zu esoterisch scheint, sage ich aber ab, gerade zum Beispiel einen Meditationskongress.

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Magazin "Flow": Nichts ist so erfolgreich wie die Zeitschrift von gestern

SPIEGEL ONLINE: Noch mal aber die Frage: Was unterscheidet Ihr Resonanzkonzept von der Achtsamkeitsbewegung, bei der Menschen bewusster durch das Leben gehen wollen?

Rosa: Ich habe ein Problem mit Entschleunigung, der Hauptidee der Achtsamkeitsbewegung. Weil sie die Zeit isoliert betrachtet. Aber Zeit ist ein Grundverhältnis, das alle gesellschaftlichen Felder prägt - von Wirtschaft über Politik. Man kann nicht alles lassen, wie es ist und einfach langsamer machen. Langsamer machen reicht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es geht Leuten, die Yoga machen, nicht darum, alles langsamer zu machen. Sondern darum, auszusteigen aus Erwartungen und Stress. Der Gedanke liegt Ihrer Idee doch auch zugrunde.

Rosa: Vielleicht habe ich den Affekt dagegen auch, weil einem die Stimme genommen wird, sobald man in der Achtsamkeitsecke steht. Achtsamkeit hat den Ruf eines narzisstischen Upperclassproblems, das unpolitisch ist. Okay, die Grundsehnsucht mag eine ähnliche sein wie die, die ich mit meinem Konzept der Resonanz beschreibe. Dann habe ich nur noch zwei Probleme: Zum einen die ökonomische Verwertung, die dahintersteht: Kaufe diese Räucherstäbchen und du findest deine innere Seele. Und, dass das Bewusstsein nur auf das Subjekt gelenkt wird, weil suggeriert wird, dass es von uns selbst abhängt, ob wir achtsam durch die Welt laufen. Das ist die komplette Herauslösung aus den sozialen Verhältnissen, weil die Beziehungen keine Rolle mehr spielen. Das halte ich für einen Konzeptionsfehler. Und ich will ja mit meinem Konzept gesellschaftliche Realität erklären; die Demokratiekrise zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Dann erklären Sie mal.

Rosa: Demokratie ist an sich ein Resonanzversprechen: Gesetze und Autoritäten sollten uns nicht feindlich gegenüberstehen oder indifferent, sondern uns antworten - nicht im Sinne eines Poll-Verhältnisses, dass also nach Umfragen regiert wird. Sondern dialogisch. Protestbewegungen wie aktuell Pegida fordern im Grunde eine Resonanzbeziehung ein: Die Politiker hören nicht mehr auf uns, die haben die Beziehung verloren.

SPIEGEL ONLINE: Und die Pegida-Anhänger wollen alle in Resonanzverhältnisse mit der Welt treten?

Rosa: Nein, wollen sie nicht. Weil auch rechten Ideen eine Weltbeziehung zugrunde liegt, die per se feindlich ist. Je nationalistischer und faschistischer es wird, desto weniger geht es um das Wahrnehmen der Welt - man will nicht in Beziehung treten, sondern in einem Großkörper fusionieren. Alles, was anders ist, stumm machen, genau das steckt auch aktuell in diesem Ausruf "Wir sind das Volk". Die Nazis haben ja auch Resonanzen erzeugt. Mit Liedern und Fahnen, mit Fackeln. Aber es war eben nur ein Echoraum. Weil er auf einem an sich stummen Weltverhältnis basierte.

Lesen Sie zu dem Thema auch eine Rezension zu Hartmut Rosas Beschleunigungsbuch.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
doppelpost123 21.03.2016
1.
Das Buch sollte man vielleicht mal lesen - wenn man Zeit dafür findet...
limubei 21.03.2016
2. alles ist Resonanz
das Sehen der Welt da draussen ist ein Resonanzphänomen. Jegliche Sinnesrezeption basiert auf Resonanzen und Erregungspotentialen. Kürzlich hatte ich eine Zwangspause im Kölner Bahnhof. Ein Zug war komplett "verschwunden". Sogar die Auskunft war verwundert. Also ging ich zur Currywurstbude in Erwartung eines Erlebnisses. Schon bei der Zubereitung schwante mir seltsames. Die Sosse aus der Plastikflasche. Geschmacklich war das ganze für die Tonne. Da kommt keine Resonanz mehr auf. Scheint ein neuer Pächter zu sein. Die neue Resonanz auf diese Currywurstbude im Hbf ist nun klar programmiert - no go. In dauerhafter Entschleunigung kann man auch krankhaft versumpfen. Eine Entschleunigte Lebensversion ist auf jeden Fall eine grosse Herausforderung. Wer Herausforderungen liebt = Resonanz, kann in ihr Aufgehen und dann kann es das perfekt Erleben werden. Denn darum geht es, ums erleben. Erfinde, erlebe, erfahre und empfinde es. Das ist für mich Leben. Und auf physischer Ebene findet sehr viel Resonanz statt, da wo was geschieht.
Phil2302 21.03.2016
3.
Wir haben nicht immer weniger Zeit. Wir haben immer mehr Zeit. Mein Opa und mein Uropa, DIE hatten wenig Zeit. Heutzutage wissen die Leute vor lauter Zeit nur gar nichts mit sich anzufangen.
der_neue_Student 21.03.2016
4. mein Senf
Alles ganz einfach: Handy wegschmeissen und den Computer in die Tonne! Kostet nichts und man gewinnt jede Menge Zeit. Und alles ohne Resonanz........................
Zetsche 21.03.2016
5. Die Mischung machts...
... wenn ich ständig auf der Suche nach Erlebnissen bin, ist das für mich ein Zeichen, dass sich die Menschen nicht mehr mit sich selbst beschäftigen können. Der nächste Kick, die nächste Ablenkung. Leute stehen im Supermarkt an der Kasse in der Schlange und zücken ihr Handy. Brauchen Ablenkung von der öden Warterei. In meinen Augen machts die Mischung aus Erlebnis und Innehalten bzw. sich Zeit für sich selbst zu nehmen und zu reflektieren.
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