Restitutionsgipfel Mehr Transparenz bei Rückgabe von NS-Raubkunst gefordert

Immer mehr Museen werden mit Restitutionsforderungen konfrontiert - jetzt will Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Rückgabe von Raubkunst transparenter machen.


Berlin - "Transparenter, koordinierter und nachvollziehbarer" soll die Rückgabe von Kunstwerken künftig sein. Darauf verständigte sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit Museumsdirektoren und Kunstexperten. Eine Arbeitsgruppe soll die derzeitigen Handhabungsregeln "im Hinblick auf ihre friedensstiftende Wirkung und auf ihre Praktikabilität" überprüfen.

Kulturstaatsminister Neumann: Restitution soll transparenter werden.
DPA

Kulturstaatsminister Neumann: Restitution soll transparenter werden.

Zahlreiche Museen sind zurzeit damit konfrontiert, dass Erben jüdischer Nazi-Opfer Kunstwerke aus dem früheren Familienbesitz zurückfordern, die unter Verfolgungsdruck verkauft wurden. Die Leiter der Sammlungen befürchten, dass sie bald bedeutende Werke abgeben müssen. Nach Schätzungen von Experten geht es um rund 100 Gemälde des deutschen Expressionismus.

Ziel der Arbeitsgruppe sei es, "eine Befriedung zwischen allen Beteiligten zu erreichen und die zurzeit eher emotionale Diskussion zu versachlichen", hieß es in einer Erklärung. Außerdem solle die Herkunftsforschung an deutschen Museen gestärkt und besser koordiniert werden, erklärte Neumann. Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände müssten eng zusammen arbeiten und auch die Kulturstiftung des Bundes und der Länder solle hinzugezogen werden.

Die Jewish Claims Conference begrüßte, dass "endlich die Bestände der öffentlichen Sammlungen nach geraubtem jüdischen Kunstbesitz durchforstet werden sollen" und forderte, dass es dabei keine "Verfalls- und Haltefristen" geben dürfe.

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus Dieter Lehmann, sagte, in der Provenienzforschung müssten "Hausaufgaben" gemacht werden. Die Bundeskulturstiftung und die Kulturstiftung könnten die Organisation und Finanzierung übernehmen. Lehmann betonte, auch kleine Museen müssten mithilfe von Experten die Herkunft ihrer Werke klären können.

Nach Einschätzung von Experten werden bundesweit allein rund hundert Werke des deutschen Expressionismus zurückgefordert. Darunter "Die kleinen blauen Pferde" von Franz Marc aus der Stuttgarter Staatsgalerie, ein Bild von Ernst Ludwig Kirchner mit dem Titel "Das Urteil des Paris" aus dem Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen und aus dem Sprengel Museum Hannover Franz Marcs "Katze hinter einem Baum".

"Deutschland steht uneingeschränkt zu seiner moralischen Verantwortung für die Restitution von NS-Raubkunst, wie sie im Washingtoner Abkommen fixiert ist", sagte Neumann und fügt hinzu: "Eine Aushöhlung dieser moralischen Verpflichtung wird es nicht geben."

Die Washingtoner Erklärung von 1998, die die Bundesrepublik ebenso wie 43 andere Staaten unterschrieben hat, sieht vor, dass in der NS-Zeit beschlagnahmte Kunstwerke identifiziert und an die rechtmäßigen Erben zurückgegeben werden. Erst vor kurzem hatte die Rückgabe der "Berliner Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner aus dem Berliner Brücke-Museum für Aufsehen gesorgt. Die Erben des jüdischen Kunstsammlers Alfred Hess hatten das Gemälde in New York versteigern lassen und dabei 38 Millionen Dollar erzielt.

Die Rückgabe des Werkes war nach Ansicht der Berliner Staatsanwaltschaft strafrechtlich nicht zu beanstanden. Wie die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur mitteilte, lehnte die Strafverfolgungsbehörde ein Ermittlungsverfahren ab. Die Rückgabe sei fehlerfrei erfolgt, hieß es.

Der Förderkreis des Brücke-Museums hatte den früheren Berliner Kultursenator Thomas Flierl, Staatssekretärin Barbara Kisseler und Finanzsenator Thilo Sarrazin wegen des Verdachts der Untreue angezeigt: Rückgabe und Versteigerung des Kirchner-Gemäldes für 30 Millionen Euro seien illegal, weil der Verkauf des Bildes einwandfrei gewesen sei.

Die Staatsanwaltschaft sieht aber "keine Veranlassung, in strafrechtliche Ermittlungen einzutreten", teilte die Berliner Kulturverwaltung mit. Eine Straftat liege nicht vor. In der Entscheidung beruft sich die Staatsanwaltschaft auf die Handreichung der Bundesregierung vom Februar 2001 - derzufolge hätte das Land Berlin den Beweis erbringen müssen, dass die Besitzer das Bild nicht aufgrund von nationalsozialistischer Verfolgung verkauft hätten. Dieser Beweis liege nicht vor.

An das Treffen im Kanzleramt sollen sich eine Reihe anderer Gespräche anschließen, darunter auch eines von Neumann mit Vertretern von Opferverbänden wie der Jewish Claim Conference. Abschließende Entscheidungen seien vorerst noch nicht zu erwarten, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg. Es gehe zunächst einmal um eine Verständigung und einen Interessensausgleich mit denen, die Ansprüche geltend machten.

amg/AP/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.