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Retro-Mode: Ich shoppe mir ein Ich zusammen

Von Katrin Kruse

Porno-Brille, Sixties-Bluse oder doch lieber Muttis Strickweste? Retro-Klamotten sind bei jungen Großstädtern der ultimative Modetrend. Mit ihrer Liebe zu Alt-Stoffen wollen die Hipster unverwechselbar erscheinen - erweisen sich aber nur als Opfer ihres schwachen Egos.

Retro-Mode: Ich will so kaufen, wie ich bin Fotos
Corbis

Keine Figur fasst die Lage der Mode heute besser zusammen als der Hipster. Dass niemand recht weiß, wer der Hipster eigentlich ist, macht nichts. Und es passt auch hervorragend, dass bereits die ersten Abgesänge auf das Phänomen zu hören sind. "What was the hipster?" heißt ein schmales Bändchen, das vergangenen Oktober in den USA erschienen ist. Über den Hipster - und damit die Mode - muss man nämlich nur eines wissen: Er ist seltsam retro-verliebt.

Die Hipster anzuziehen, war das Erfolgsmodell der letzten Jahre. Es kennt zwei Strategien: Kleidung von damals verkaufen. Oder Kleidung von damals nachnähen.

Die Sweatshirt-Kette American Apparel wurde bekannt für ihren knallfarbenen Sweatshirt-Look made in L.A. Heute sehen die Filialen nach Charity-Shops aus, mit Spitzenoberteilen in fahlen Farben und ockerfarbenen Ledertäschchen. Urban Outfitters, das Gegenmodell, verkauft gebrauchte Kleider bereits seit 1970. Nur hieß damals, als der Anthropologie-Absolvent Richard Hayne in Philadelphia seinen ersten Laden eröffnete, gebrauchte Kleidung noch Second Hand, heute dagegen: Vintage.

Das ist nicht einfach ein neuer Begriff. Es ist ein Paradigmenwechsel, und auch "Anziehen" trifft es nicht mehr. Eher trägt Urban Outfitters das Kostümbild einer selbstreflexiven urbanen Existenz zusammen, in mittlerweile 178 Geschäften weltweit. Seit 2008 gibt es einen Laden in Hamburg, Ende 2011 kommen Frankfurt und Berlin-Mitte dazu. Allein die Geschäfte sehen aus wie damals. So, als habe einer eine große Reise gemacht und davon allerlei mitgebracht. Das steht jetzt im Wohnzimmer herum. Alles sieht nach Erinnerungen aus. Nur sind Preisschilder daran.

Kaputt, aber großartiger Boheme-Chic

Modisch heißt Vintage: ein Vergangenheitslook, der sich auf keine Dekade festlegen will. American Apparel changiert zwischen den Fünfzigern und den Neunzigern. Urban Outfitters verkauft Bustierkleider ebenso wie ausgewaschene Denim-Shorts, Siebziger-Rüschenkleider und Achtziger-Strickware in Selfmade-Optik; Cardigans mit Mohair, Cardigans mit Applikationen, Cardigans mit Musterstrick.

Auch beim Wohnen ist alles eklektisch. Der europäische Onlinestore versammelt das dunkelrote Kitchen Telephone, mit dem Betty Draper in "Mad Men" die "Es-wird-heute-doch-wieder-später-im-Office"-Anrufe entgegennimmt, mit Hirschgeweihen aus Karton, Flickenteppichen und Bücherstützen in Eulenform. Es gibt Fake-Vintage-Nachtschränke, über die man auf der Feedback-Seite lesen kann: Holz sei das wohl kaum. Überhaupt falle der Griff ab, wenn man die Tür öffne. "That being said", schreibt einer: "Es ist ein wunderschönes Stück, mit einem großartigen Boheme-Chic-Vibe."

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Im Grunde funktioniert Urban Outfitters genau so wie Leanne Shaptons Kunstprojekt "Important Artifacts and Personal Property from the Collection of Lenore Doolan and Harold Morris", der fiktive Auktionskatalog mit dem Eigentum eines fiktiven Paares. Shapton hat die unterschiedlichsten Dinge fotografiert und im Stil von Auktionsobjekten beschrieben. Darunter: auf Papierservietten geschriebene zärtliche Notizen, ein Party-Bild aus den Anfangstagen der Beziehung (mit Hilfe von Freunden fingiert), kitschige Teetassen, und Bücher natürlich, mit hintersinniger Widmung. All die Objekte erzählten beredt von einer dichten, liebevollen und auch streiterfüllten Vergangenheit. Nur hat es diese Vergangenheit nie gegeben.

Second Hand fing in dem Moment an, Vintage zu heißen, als die Mode ein neues Leitmotiv entdeckte: Authentizität. Es war Anfang, Mitte der Neunziger, als plötzlich Überzeugungen aufkamen wie diese: Mode habe nichts mehr mit Stildiktat zu tun, sondern mit dem Ausdruck von Persönlichkeit. Individualität war das neue Versprechen der Mode. Nicht mehr Modernität, nicht mehr Teilhabe am Zeitgeist, nicht mehr Verweigerung oder das Ausdehnen der Grenzen dessen, was in der Öffentlichkeit optisch möglich ist. Nein, einfach: So einer bin ICH. Vintage wurde interessant, weil die Referenzen an verschiedene Epochen eine flirrende Komplexität erzeugten, die der eigenen Persönlichkeit angemessen erschien. Und schlicht deshalb, weil es hier Einzelstücke gab, die genau so niemand anderes besaß. Gut so, man selbst war schließlich auch nur einmal auf der Welt.

Der Kick der Jagd

Der Grad der Echtheit kann dabei variieren. Es gibt real vintage, Originalstücke aus einer Zeit, oder eben fake vintage, Imitationen vergangener Stile. Eine Mischform stellt das Nachnähen von Originalstücken aus Vintage-Stoffen dar, was eine natürliche Limitierung bedeutet und so eine Art Halbauthentizität schafft. Fast echt. Für die Kollektion California Select arbeitet American Apparel so. Bei Urban Outfitters sind 80 Prozent der Kleidung real vintage, das ist seit drei Monaten die neue Strategie.

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Aber woher kommt die Faszination für Vintage? Man kaufe eben etwas Einzigartiges, erklärt Sarah Kearny, Vintage-Einkäuferin bei Urban Outfitters. Nicht, dass die Käufer die Stücke selbst entworfen hätten - aber da sei zumindest "the thrill of the hunt". Und jedes Stück habe eine Herkunft, es sei fast, als habe es eine Geschichte zu erzählen. "Als ob", das ist der Appeal von Vintage. Man nimmt Bezug auf eine Zeit, die eben deswegen durch Kleidung zitierbar ist, weil sie eine charakteristische Linie, oder Farbgebung, oder Silhouette hat.

Es hat nicht zuletzt mit der emsigen Vorauswahl durch Urban Outfitters zu tun, dass sich der eklektische Ichdarstellungs-Look in Szenevierteln weltweit findet, in Williamsburg, Berlin-Mitte oder Shoreditch. Er hat sich über die letzten Jahre verändert, nur eines blieb: Das Heute sieht nach Gestern aus. Genau das ist es, was die aktuelle Erscheinungsform des Hipsters charakterisiert. Distinktion ist möglich, allerdings nur als zeitlicher Vorsprung. Einige vollziehen den Übergang vom balkigen Schnauzbart mit Pornobrille zum Vollbart mit Sixties-Rahmen früher als andere. Irgendwann aber trifft man sich doch wieder in der gleichen Erscheinung.

Die Angst vor dem Anderen

Der Authentizitätsfimmel war eine Gegenreaktion, und eigentlich, so heißt es heute, ein fatales Missverständnis. Man sei einfach von einem Extrem ins andere gefallen, meint Carl Tillessen, Designer des Berliner Modelabels FIRMA: Von der frivolen Verehrung der Oberfläche in den achtziger Jahren sei es in den letzten zwei Jahrzehnten zu deren übervorsichtiger und verkniffener Dämonisierung gekommen. Darüber hinaus bekommt der Mode-Mensch, will er mit anderen Mode-Menschen auf keinen Fall etwas zu tun haben, ein strukturelles Problem. Mode ist per definitionem das, was viele tun. Der Modische geht den anderen voraus - aber stets auf deren eigenem Wege, so hat es der Soziologe Georg Simmel in seinem Aufsatz über die Mode beschrieben. Das war 1919. Recht hat er noch immer.

Und tatsächlich, langsam kommt die Individualität aus der Mode. Mittlerweile heißt es: So sehr vom Eigenen besessen ist nur ein Selbst, das sich schon abhanden gekommen ist. Oder nicht mehr kräftig an sich glauben kann. Mateo Kries, Kurator des Vitra Design Museums, spricht in seinem 2010 erschienen Buch "Total Design" von der "Tyrannei des Designs". Unser Verhältnis zu den Dingen sei einzig vom Aspekt der Identifikation bestimmt. Jeder kleinen Design-Entscheidung gehe die große Repräsentationsfrage voraus: Bin ich das wirklich?

Sehr anstrengend, meint Kries, und außerdem recht ängstlich. Als bringe der tägliche Kontakt mit der falschen Seifenschale das Selbst zum Verschwinden. Der Wiener Philosoph Robert Pfaller diagnostiziert in seinem neuen Buch "Wofür es sich zu leben lohnt" eine "Angst vor dem Anderen" - vor allem, was nicht ganz ichkonform ist.

Genau diese Selbstangst sieht heute sehr altmodisch aus - schlicht deshalb, weil keiner dem anderen seine Ich-Posen mehr glaubt. Das Authentische ist großflächig von der Authentizitätsdarstellung verstellt. Die Idee des Selbstausdrucks, die als Stil ja nie in Mode sein wollte, weil hier jeder einzelne nur sich selbst verpflichtet war - genau sie ist aus der Mode gekommen. It is so over, sagt der Jargon.

Wer waren die Hipster?

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Urban-Outfitters-Filiale in Hamburg habe Anfang 2011 eröffnet. Es gibt den Laden aber schon seit Oktober 2008. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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1. ..
bicyclerepairmen 30.08.2011
Zitat von sysopPorno-Brille, Sixties-Bluse oder doch lieber Muttis Strickweste? Retro-Klamotten sind bei jungen Großstädtern der ultimative Modetrend. Mit ihrer Liebe zu Alt-Stoffen wollen die Hipster unverwechselbar erscheinen - erweisen sich aber nur als Opfer ihres schwachen Egos. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,782552,00.html
Mhh.. jeden morgen treffe ich eine Menge Schulkiddies zwischen 9-14 Jahren die sich nicht entscheiden können ob Sie aussehen wollen wie Gunnery Sergeant Lee Ermey aus Fort Bragg oder Graf Porno. Haben die jetzt auch alle ein schwaches Ego oder sind die sogar hip ?
2. Da erinner ich mich doch spontan an das hier
FernSeher, 30.08.2011
Prenzlauer Berg von Reinald Grebe: "Die Menschen sehen alle gleich aus, irgendwie individuell"
3. Fashion Victims
muhammaned 30.08.2011
Zitat von FernSeherPrenzlauer Berg von Reinald Grebe: "Die Menschen sehen alle gleich aus, irgendwie individuell"
erinnert mich an einen Fotoband mit je 16 'Individualiste'-Bildern je Seite, sahen alle mehr oder weniger gleich aus ...
4. -
franko_potente 30.08.2011
Zitat von sysopPorno-Brille, Sixties-Bluse oder doch lieber Muttis Strickweste? Retro-Klamotten sind bei jungen Großstädtern der ultimative Modetrend. Mit ihrer Liebe zu Alt-Stoffen wollen die Hipster unverwechselbar erscheinen - erweisen sich aber nur als Opfer ihres schwachen Egos. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,782552,00.html
Der Gruppenzwang zur Individualität. Schlimm. Überall auf diesem Planeten sehen die Menschen gleich aus, essen das Gleiche und hlören die gleiche Musik. Egtl schade.
5. Wenn ich Du wär...
wakaba 30.08.2011
Der Hippster-Städter. irrer iPhone-Vertrag, Nespressomaschine füttern, Trend-Klamotten im unsicheren Vintagestil, Arschgeweih oder Tribal von vor 7 Jahren. Glatze, Bürste oder Bieber. Der Spiesser sticht sowas von stilunsicher raus. Dabei ist der eigentliche Grund des mangelnden Selbsts des Mundatmers die tote Kreditkarte, das alte Autoleasing,der Smartphonevertrag, die fehlende Mansardenaustattung und der gepfändete Lohn. OSX Versionswechsel mit persönlichem Wachstum verwechselt.Bald sinds arbeitscheue Hartzler noch aber schwelgen Sie im stetig abnehmenden Konsum - den Sie mit Luxus verwechselt haben.
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