Retro-Trends Hippe Mode auf der Oberlippe?

Der Retro-Trend kennt kein Erbarmen: Der zuletzt in den siebziger Jahren populäre Oberlippenbart soll wieder ganz groß im Kommen sein. Doch zum Glück beschwören bisher nur Szene-Blätter die Rückkehr zum haarigen Fauxpas.


Erlebte unlängst sein Comeback auf der Kinoleinwand: Bartträger Burt Reynolds
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Hamburg - Nicht erst seit sich Prinzessin Stephanie von Monaco gerne an der Seite des Schweizer Zirkusdirektors und Schnauzbartträgers Franco Knie zeigt, berichten Lifestyle-Blätter und Szene-Magazine im TV vom wieder in Mode gekommenen Oberlippenbart. Immer mehr Stars, so die gewöhnlich gut informierten Publikationen, zeigten Mut zum gepflegten Haarschmuck. Haar-Experten sehen das allerdings ganz anders. Eine Renaissance des Schnauzers ist umstritten.

"In Zeitungen wird viel drüber geschrieben, aber auf der Straße ist der Trend noch nicht zu sehen", sagt Ex-Friseurweltmeister Klaus-Dieter Kaiser aus Lüneburg. Er kann sich nicht vorstellen, dass der Schnauzer in die jetzige Zeit passt. Der Sprecher des Deutschen Instituts für Herrenmode, Peter Sevenich, stimmt dem zu: "Oberlippenbärte passen nicht zur aktuellen Herrenmode." Zwar sei der Look der 70er Jahre wieder im Kommen, der klassische Schnurrbart gehöre aber nicht dazu.

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Bärtige Rock-Ikone: Auch der verstorbene Queen-Sänger Freddie Mercury bevorzugte den Oberlippenschmuck
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Wo ein Bart ist, sind zwei Meinungen: Die einen sagen, er gehört zum Mann, die anderen finden ihn einfach nur unnütz und unansehnlich. Groß war einst die Empörung, als "Mister Tagesschau" Karl-Heinz Köpke mit einem Schnauzbart aus dem Urlaub kam. Nach wütenden Zuschaueranrufen rasierte er ihn wieder ab. "Meiner Meinung nach gibt es immer noch zu viele Oberlippenbärte auf den Straßen", schimpft ein Sprecher des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks. Das Männermagazin "Men's Health" empfiehlt, sich zumindest bei häufigen Nies-Attacken schnellstens vom Bart zu trennen. Der Grund: Die Haare bunkern Pollen und andere allergieauslösende Partikel und geben sie an die Nase ab.

Bart als Markenzeichen: Schlagersänger Wofgang Petry
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Für den Berliner Lutz Giese sind solche Bedenken ganz und gar kein Grund, sich von seiner gehegten Manneszier zu trennen. Der Gründer des 1. Berliner Bartclubs trägt schließlich keinen gewöhnlichen Schnurrbart, sondern ein besonders gestyltes Exemplar mit einer Spannweite von 45 Zentimetern. "Fast jeden Morgen pflege ich ihn eineinhalb bis zwei Stunden lang", berichtet Giese. Er bringt die Haare mit Rundbürste und Fön in Form und modelliert den Schnauzer mit Haarspray und Bienenwachs. "Der Bart betont die Männlichkeit und gibt den letzten Kick für das Selbstwertgefühl", sagt der 59-Jährige. Vor allem Frauen im reiferen Alter fänden Männer mit Bart gut.

Ein Blick ins Duden-Lexikon der Jugendsprache verrät jedoch: "Der Träger eines Oberlippenbarts ist entweder ein Fossil aus den Siebzigern - oder ein Polizist." Bei vielen Sportlern und Musikern gehört der "Oliba" allerdings seit Jahrzehnten dazu. Teamchef Rudi Völler, Schauspieler Tom Selleck oder Sänger Wolfgang Petry ohne Bürste auf der Oberlippe? Unvorstellbar. Für Prominente, die ihn tragen, wird der Schnauzbart schnell zum Markenzeichen, so wie für Bart-Ikone Burt Reynolds, der mit signifikanten Nebenrollen in "Boogie Nights" oder "Striptease" unlängst ein Comeback auf der Kinoleinwand feierte.

Wurde als "Magnum" sogar zum Sex-Symbol: Schnäuzer-Träger Tom Selleck
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Mit dem vermeintlichen Bart-Trend Geschäfte machen wollen unterdessen die Gründer des Internet-Start-Ups "Bartreisen". Unter den Künstlernamen Maik Schweigart und Kevin Czopalla und mit aufgeklebtem Oberlippenbart besuchen sie zum Beispiel Erotik-Messen und Pop-Konzerte. Die "Bartreisen" sind auf der Website in Fotoreportagen akribisch dokumentiert. Und wer dabei auf den Bart-Geschmack gekommen ist, sich aber noch nicht richtig traut, der kann sich im Bart-Shop künstliche Manneszier kaufen. Den dazu passenden Anschauungsunterricht in Sachen richtige Tragweise und gehöriges Ambiente bietet übrigens nach wie vor der Videoclip zum Beastie-Boys-Hit "Sabotage".

Sophia-Caroline Kosel, dpa



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