Revolte bei der "Berliner Zeitung" Reise nach Marzahn

Die Leser der "Berliner Zeitung" in München oder Hamburg müssen heute auf ihr Blatt verzichten. Selbst in Berlin erschien nur eine Notausgabe. Die Redaktion hatte gestern Wichtigeres zu tun als Artikel zu schreiben: Sie nahm kampflustig ihren neuen Chefredakteur in Empfang.

Von Christian Fuchs


Das Blau Italiens war so nah, der Duft der Zypressen lag ihm schon in der Nase, als Uwe Vorkötter gestern früh einen Anruf aus Berlin erhielt. Der Noch-Chefredakteur der "Berliner Zeitung" war gerade auf dem Brenner unterwegs in den Italienurlaub, als die Redaktion ihm mitteilte, dass er ab jetzt nicht mehr Chef des Hauptstadtblattes sei. Für alle überraschend stellte Peter Skulimma, Geschäftsführer des Berliner Verlages, gestern der Redaktion den neuen Chefredakteur vor: Josef Depenbrock, 44, seit sechs Jahren Geschäftsführer und Chefredakteur der Hamburger Morgenpost.

Verlagsgebäude der "Berliner Zeitung": "Gesprächsklima schwer belastet"
DPA

Verlagsgebäude der "Berliner Zeitung": "Gesprächsklima schwer belastet"

"Ein Affront", ja eine "heftige Nummer" sei das gewesen, sagt Ewald B. Schulte, leitender Redakteur der "Berliner Zeitung" und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Nach dem Verkauf der Berliner Zeitung an den Finanzinvestor David Montgomery verhandelte die Redaktion mit der Geschäftsleitung um ein Redaktionsstatut. In diesem Regelwerk sollten, noch bevor ein neuer Chefredakteur berufen würde, Richtlinien zur Sicherung der Qualität der Zeitung festgelegt werden.

Erst vor wenigen Tagen überreichte die Redaktion Geschäftsführer Skulimma eine fast vollständige Unterschriftenliste der Redakteure, in der sie sich für eine gute Zusammenarbeit ausspricht, um "unseren publizistischen und wirtschaftlichen Erfolg als führende Abonnementzeitung Berlins fortführen und ausbauen" zu können. Ein Redaktionsstatut, wie es auch bei der "Zeit" und der "Süddeutschen Zeitung" existiert, sei "dabei unverzichtbar". Ein wichtiger Punkt dabei war das Vetorecht der Redakteure bei der Einberufung eines neuen Chefredakteurs. Sollte der Verlag jedoch vollendete Tatsachen schaffen, würde dies als "Vertrauensbruch gewertet", der das "Gesprächsklima schwer belastet", so die Redaktion.

Redaktion von oben gekapert

Genau das ist aber nun geschehen, nachdem Uwe Vorkötter vor zwei Wochen angekündigt hatte, ab Juli 2006 bei der "Frankfurter Rundschau" anzuheuern. Bis zur vergangenen Woche erklärte auch die Geschäftsführung ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Just gestern wollte Peter Skulimma seine Änderungswünsche für das Redaktionsstatut vorstellen. Stattdessen nutzte der neue Eigentümer die redaktionelle Unsicherheit im Haus, um die Redaktion von oben zu kapern. Als Piratenkapitän schickte man Josef Depenbrock auf den Weg von der Waterkant in die Hauptstadt.

Depenbrock arbeitete von 1991 bis 1993 beim Berliner Verlag – jedoch bei den Boulevardkollegen des "Berliner Kurier", nicht bei der "Berliner Zeitung". Davor war er bei der "Bild", danach ging er zur "Hamburger Morgenpost", auch eine Boulevardpostille. In Hamburg war er nicht nur Chefredakteur, sondern auch Geschäftsführer. Ähnlich soll seine Position auch beim Berliner Verlag aussehen. Darum hat Ewald B. Schulte "Sorge, dass die Unabhängigkeit der Redaktion tangiert werden könnte".

Jan Thomsen, Lokalredakteur der "Berliner Zeitung", hat Angst, dass "kaufmännische und journalistische Interessen verquickt werden könnten". In diese Richtung interpretiert er auch Depenbrocks Vorstellung vor der Redaktion. Immer wieder habe Depenbrock gestern im Produktionsraum nachgefragt, ob er eben als Chefredakteur oder als Geschäftsführer gefragt wurde? Auch eine Renditevorgabe hat Depenbrock bereits der Redaktion mitgeteilt: 20 Prozent sollten mit ihm drin sein. "Das ist eine Situation, die wir so nicht kennen und so nicht wollen", sagt Thomsen.

Vermischtes statt Kultur?

Er und seine 130 Kollegen fürchten, dass die Gewinne auf ihre Kosten eingefahren werden sollen. So fragte der neue Chef gestern schon mal ketzerisch nach, ob 12 Redakteure im Feuilleton wirklich nötig seien, bei gerade mal 1,6 Stellen fürs Vermischte. "Die Reise geht eindeutig nach Marzahn", kommentiert Lokalredakteurin Thorkit Treichel die Kritik an der hochwertigen, bisher auch überregional relevanten Kulturberichterstattung der "Berliner Zeitung".

Auf die Frage aus der Redaktion, welcher Artikel Depenbrock denn in den vergangenen Tagen besonders gefallen habe, antworte er, dass ihm die Stücke von Alexander Osang stets gut gefallen – dieser arbeitet jedoch bereits seit sieben Jahren für den SPIEGEL, zurzeit in New York. Viel Klärungsbedarf also zwischen neuem Redaktionsleiter und Redaktion.

Darum setzten sich die Redakteure gestern "ausnahmsweise mit der Lage ihrer Zeitung" auseinander, statt mit Politik, Wirtschaft oder Sport, schreiben sie in einer knappen Stellungnahme auf der Titelseite. Und darum erschien die "Berliner" heute nur in der Hauptstadt und auch nur mit 12 anstatt 40 Seiten. Neben der Sicht der Redakteure schildert auch Josef Depenbrock in der Notausgabe seine Visionen, allerdings weiter hinten. Ursprünglich hatten die Redakteure geplant, eine komplett weiße Ausgabe zu bringen, leer bis auf Wetter und TV-Programm. Doch Depenbrock bat am Nachmittag darum, wenigstens mit einer Notausgabe zu erscheinen.

Trotz solcher ersten Annäherungsversuche sei der Diskussionsbedarf "unverändert hoch", sagt Ewald B. Schulte. Redakteurin Treichel fügt kämpferisch hinzu: "Wir haben Josef Depenbrock einen schönen Empfang bereitet, da weiß er jetzt was ihn erwartet."



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