"Richard III." am Schauspielhaus Zürich: Bürokrat im Bunker

Von Wolfgang Höbel

Zwischen Deutschen und Schweizern tobt ein Streit um Steuern und Moral - das Zürcher Schauspielhaus liefert die passende Inszenierung: Barbara Frey zeigt Shakespeares "Richard III." als Konferenztischtäter, der im Hinterzimmer der Macht Reden schwingt und sich garantiert nie die Hände beschmutzt.

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Matthias Horn

Michael Maertens als "Richard III.": Kotzbrocken mit merkwürdigem Zauber

Winkeladvokaten können abscheulich sein, das wussten wir - aber müssen sie auch abscheulich aussehen? Der Schauspieler Michael Maertens ist ein schlaksiger, gutaussehender Typ. Ein Star des deutschsprachigen Theaters, den die Zuschauer im Wiener Burgtheater ebenso anhimmeln wie die in Salzburg, Bochum oder Berlin, gesegnet mit einem charmanten, breiten Lächeln und umwerfender Eitelkeit. Nun allerdings spielt Maertens in Zürich den Königsschurken Richard III. als größte anzunehmende Schminktisch-Katastrophe.

Die Stirn wulstig, die Augen verschwollen, das ganze Gesicht ein haferschleimfarbener Brei, dazu auf dem nur beinahe kahlen Kopf lange, rot gefärbte Strähnen, so watschelt diesmal der überhaupt nicht heldenhafte Heldendarsteller Maertens in ein schmuckloses Konferenzzimmer, in dem der größte Teil der Shakespeare-Tragödie in Zürich spielt. Ein Buckel krümmt die Schultern dieses Kerls, gegen den der Glöckner von Notre Dame ein Schönling ist. Die rechte Hand verkrampft sich in seinem Schoß, schmuddelig ist sein enges Jackett, schiefmäulig und spuckefeucht seine Rede, wenn er zetert, er sei "von der Natur um Schönheit hart betrogen". Das ist nun echt nicht übertrieben.

Überhaupt ist Barbara Freys "Richard III."-Version im Zürcher Schauspielhaus ein Theaterabend über die Hässlichkeit der Herrschsucht. Und über die Verlogenheit derer, die ihre Hände angeblich in Unschuld waschen. Strunzbiedere Maklertypen in abscheulichen Räumen, das ist das erst mal sehr komische und sehr aktuelle Grundprinzip dieser Inszenierung. Dieser "Richard III." wirkt oft wie ein böser Kommentar zum deutsch-schweizerischen Streit um Steuergeld und Moral. Denn im Besprechungsbunker ist für sittliche Bedenken kein Platz. Hier geht es nur um die Mehrung von Besitz und Macht.

Kotzbrocken mit merkwürdigem Zauber

Die Geschichte des Verbrechergenies Richard, der die eigenen Brüder, deren Kinder und Frauen und jede Menge seiner Kampfgefährten ermorden lässt und doch immer wieder die Herzen seiner Zuhörer erobert, wird hier mal nicht erzählt als Story eines gerissenen Verführers. Nein, der Schurke Richard des Schauspielers Maertens ist vor allem ein stets der Sache verpflichteter Beamter, ein emsiger Bürokrat und Sesselpupser. Ihn interessiert die eigene Bedeutung, das Streben nach einem Platz an der Spitze, und sonst gar nichts. Ganz wichtig aber ist ihm, dass er sich nie selbst mit Schmutz bekleckert.

Kotzbrocken im Büro, das kennen Fernsehzuschauer aus der Erfolgsserie "Stromberg", strahlen einen merkwürdigen Zauber aus. Und sind, so lange sie ihr Terrain nicht verlassen, nahezu unbesiegbar. Sie müssen nur das tun, was ihr Job ist: reden. Das kann der Büromensch Richard III. meisterhaft, die muffige Kammer verlässt er höchstens mal in Richtung Toilette. Selbst seinen Heiratsantrag an Lady Anne, deren Mann er gerade abmurksen ließ, erledigt er in der Amtsstube, das aber mit der liebenswürdigsten Schamlosigkeit: Maertens patscht der Anne-Darstellerin Julia Kreusch kumpelhaft mit seiner Krüppelhand ins Kreuz - und die Frau faucht zurück.

Ein Kampf in "Sprechakten", wie es im Umstandsdeutsch des Programmhefts heißt, will dieser Theaterabend sein, keine psychologische Menschenstudie und kein actionsattes Monsterdrama. Das macht diesen "Richard III." zu einem Stück von heute.

Schlachtplatte für Vegetarier

Vor einem Vierteljahrhundert spielte Gert Voss im Wiener Burgtheater unter Claus Peymanns Regie den Schurken Richard III. als nie erwachsen gewordenes Kind, als mordende, aber stets um Liebe bettelnde Rampensau und Abbild einer Zeit, in der frühkindliche Psychostörungen die Erklärung für fast alle Verbrechen liefern sollten. Vor gut zwölf Jahren war Thomas Thieme als Salzburger-Festsüiel-Richard unter dem Kampfnamen "Dirty Rich Modderfukker" eine Sensation in der deutschsprachigen Theaterwelt. Er spielte ihn in der Shakespeare-Paraphrase "Schlachten!" von Tom Lanoye und Luk Perceval als blutsaufenden Tyrann, strategisch mordende Intelligenzbestie und als Kraftmensch. Thiemes Figur war das Symbol einer Umbruchszeit, in der plötzlich auch ehemalige Pazifisten die Notwendigkeit von Kriegen predigten.

Barbara Frey dagegen serviert nun eine Schlachtplatte für Vegetarier. Ihr autistischer Held ist ein Schreibtischtäter. Dieser Richard meidet die Gewalt, seine Taten gibt er in der Pose eines scheinbar neutralen Unterhändlers in eigener Sache in Auftrag. Verrichten lässt er sie von Handlangern. Die tun ihr Werk hinter einem schweren, scheußlichen Konferenzimmervorhang, der sich nur selten hebt.

Ein Bösewicht macht Büroschluss

Manchmal hört der scheinbar absolut rational agierende Stratege Richard in seinem Panikraum Musik aus Kopfhörern, die dort an den Wänden hängen. Er ist nicht der erste Mistkerl ohne menschliche Empathie, der stolz ist auf seine empfindsame Künstlerseele. Ab und zu, wenn nur ein böses Pfeifen aus den Lautsprechern kommt, wirft er einen kurzen Blick auf sein Publikum. Kein Verschwörerblinzeln, nur ein genervtes, fahriges Rüberspähen, als könne es ihm nicht schnell genug gehen mit dem eigenen Fort- und Untergang.

Richards Ende ist allerdings nur ein Abgang auf Zeit. Ein Bösewicht macht Büroschluss. Auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses sind in aufrechter Position elf Särge aus Glas aufgereiht. In jedem der Särge brennt ein Licht, in zehn von ihnen sieht man die auf Richards Geheiß ermordeten Männer, Frauen und Kinder ins Leere glotzen. In den elften Sarg steigt Richard selbst und erstarrt. Als sei er ein saftloser Vampir, der jetzt mal zur Nachtruhe geht. Bis(s) zur nächsten Kanzleistubendämmerung.

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