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16. März 2012, 17:39 Uhr

Heavy-Metal-Fotografie

Die machtvolle Dröhnung

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Wer Heavy Metal hört, steckt in der Pubertät, ist taub - oder hat einfach keinen Geschmack. Wer so über diese Musik spottet, versteht nichts von ihrer wahren Macht. Denn ein großartiger Bildband eines Berliner Fotografen zeigt: Das Headbanger-Genre ist die einzige Weltmusik der Gegenwart.

Nein, schön anzusehen sind sie nicht, diese Typen. Ihr Schweiß scheint selbst auf Fotos einen infernalischen Gestank zu verbreiten. Ihre Jeans sind verspackt, ihre Haare ungewaschen und lang. Richtig lang sogar, was boshafte Menschen zu dem Gag verleiten wird, ihre Männermähnen trügen diese Kerle nur, weil sie keine Frauen zu Gesicht bekommen. Denn hier sind männliche Verlierer unter sich. Lange Haare, kurzer Verstand. Kein Sex. Metalfans eben.

So weit die Klischees. Der Fotoband "Metalheads - The Global Brotherhood" von Jörg Brüggemann bedient diese Klischees zwar, oft genug stimmen sie ja auch mit der Wirklichkeit überein. Er vermittelt aber vor allem eine oft übersehene, dabei doch unübersehbare Einsicht: Heavy Metal ist die einzige Weltmusik der Gegenwart.

Brüggemann ist Mitglied der renommierten Berliner Fotoagentur Ostkreuz, er hat auf Reportagereisen eher nebenbei Metal-Konzerte und Fans in Indonesien und Ägypten, in Brasilien und Argentinien, in den USA, in Deutschland und in Malaysia aufgenommen. Jetzt ist seine Bilderserie in einer Berliner Ausstellung zu sehen und wird parallel in einem Buch des Gestalten-Verlag veröffentlicht (für das Peter Richter von der "Frankfurter Allgemeinen", der Kulturwissenschaftler Rolf Nohr und der Autor dieses Textes ein paar begleitende Worte geschrieben haben).

Wie einige ähnliche, jedoch kaum außerhalb der Szene beachtete Projekte zuvor (zum Beispiel Sam Dunns Film "Global Metal") zeigt "Metalheads", dass Metal längst nicht mehr allein die erste Liebe weißer Teenager-Jungs aus den verarmten Industrieregionen des Westens ist - sondern ein Massenphänomen, das ethnische, religiöse und geografische Grenzen sprengt. Und ein Massenphänomen, das trotz seines großen Anteils am Tonträgermarkt und trotz riesiger Festivals auch jenseits des Ballermann-Events Wacken eine im Mainstream seltsam unsichtbare Subkultur geblieben ist.

Metal stammt aus dem Malocher-Milieu. Aus Birmingham zum Beispiel, diesem aschgrauen Friedhof der Arbeiterklasse, wo Black Sabbath Ende der Sechziger dem Bluesrock Stahlketten um den Hals schnürten und ihm Eisenkugeln an die Füße hängten. Das mutierte Genre stampfte fortan wie ein verwundetes, ziellos um sich schlagendes Monster durch die Musikgeschichte; im Gefolge die Fans, eine Horde wütender weißer Männer, abgehängte Opfer der De-Industrialisierung, die mit Verachtung auf die Weißkragen der Dienstleistungsökonomie blicken.

Rohe Energie, unreflektierte Emotion

Dieser Glaube, von Beginn an eine Subkultur der Underdogs gewesen zu sein, ist Teil der Szene-DNA, selbst wenn er vieles verklärt. Mit der globalen Gegenwart hat er ohnehin nicht viel zu tun: Erst eroberte der Metal Mitte der Achtziger die ländliche Provinz in Westeuropa und in den USA, dann begann er seinen Triumphzug im Rest der Welt. Die Binnendifferenzierung des Genres ist heutzutage enorm: Vegan lebende Öko-Radikalinskis, die auf einer Farmkommune leben und Black-Metal spielen, feiern genauso Erfolge wie ultrarechte Neo-Heiden aus Osteuropa, linke Metalcore-Bands aus Großbritannien oder grunzende Death Metaller von den sonnigen, aber streng muslimischen Malediven.

Genau diese Vielfalt führen Brüggemanns Bilder vor Augen: Manche Fans tragen die klassische Szene-Uniform aus schwarzem Band-Shirt, Jeans und Motorradleder als eine Art Kokon, um ihre Pubertät zu überstehen. Andere hegen und pflegen mit dem Metal dagegen ihre Wut, bis es möglicherweise klug und an der Zeit ist, sie von der Leine zu lassen. So etwa im Nahen Osten oder Südostasien, wo es als eine im postmodernen Anything-goes-Westen kaum noch verständliche Provokation wahrgenommen werden kann, ein Band-T-Shirt mit anti-religiösen Symbolen zu tragen. Wo Metal also ohne Mut manchmal undenkbar ist - und Musiker wie die Iraker von Acrassicauda, die mit dem Film "Heavy Metal in Baghdad" kurzzeitig über die Szene hinaus bekannt wurden, um ihr Leben fürchten mussten, weil ihnen islamistische Eiferer ans Leder wollten.

Woher rührt aber die globale Anziehungskraft der Musik? Was macht sie so erfolgreich? Und wie eint sie ihre Fans? Fragen, die sich auch Musikwissenschaftler und Soziologen stellen. Bisher hat keiner eine richtig überzeugende Antwort gegeben, der kleinste gemeinsame Nenner lautet meist: rohe Energie, Leidenschaft, unreflektierte Emotion.

Wer Geschmack hat, mag Metal nicht

James Hetfield von Metallica schwitzt, wenn er gut in Form ist, auch heute noch Wut aus jeder Pore seines Körpers, sobald er eine Bühne betritt. Metal ist aggressiv, versprüht oft Hass - Metal hat Macht. Doch Metal ist zugleich eine Musik der Ohnmacht. Denn die meisten Bands lassen die von ihnen entfesselten Kräfte ungesteuert und unkontrolliert in den gesellschaftlichen Raum entweichen - weil sie keine Botschaft haben jenseits der reinen Energie.

Klar, man könnte die oft bis über die Schmerzgrenze hinaus blöden Texte kulturkritisch deuten: Den männerbündischen Schwert-und-Schurz-Machismo einer Band wie Manowar als Aufbäumen der in ihrer Identität bedrohten, weißen männlichen Unterschicht. Die Partyexzesse und Rock'n'Roll-Travestie des Glam Metal der Achtziger als Symptom des hysterischen Pro-Kapitalismus der Reagan-Ära. Wer in den letzten 25 Jahren eine Geisteswissenschaft studiert hat, bereitet solche Feuilletonhäppchen im Schlaf zu: Begriffe wie eskapistisch, systemstabilisierend und strukturkonservativ würden fallen.

Tatsächlich sind die Selbstinszenierungen vieler Bands und ihre Texte aber oft so offensiv und oft auch selbstironisch, dass sie sich bei vielen zu inhaltsleeren Gaukeleien gewandelt haben. Metal ist eine Ideologie ohne Idee, bis auf diese: Metaller gehören zusammen, weil sie Metalmusik mögen.

Vermutlich ist das der sehr simple Grund, warum das Genre nach mehr als 40 Jahren vitaler denn je um die Welt tobt, warum es zur globalen Volksmusik geworden ist, warum unter seinem Dach so viele verschiedene Menschen wohnen wie nie zuvor. Sie lieben harte Gitarren. Sonst verbindet sie nichts.

Abgesehen vielleicht von einer Tatsache: Metal gilt unter popkulturell Gebildeten noch immer als juvenile Prollmucke, als Losermusik. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass die vergreisten deutschen Pop-Diskursbeamten eine Szenegröße wie Mille von Kreator (der in "Metalheads" in einem Interview von "Dummy"-Macher Oliver Gehrs zu Wort kommt ) für sich entdeckt haben und sie sogar in der Pop-Checker-Postille "Spex" zu Wort kommen lassen. Nach wie vor gilt: Menschen mit Geschmack hören Metal nicht, sie belächeln ihn. Und Metaller gefällt es in dieser Schmuddelecke nicht nur, sie pochen darauf, dort unter sich sein zu dürfen - vielleicht, weil sie so von Hypes und Hysterie verschont bleiben.

Lange Haare, kurzer Verstand?


Ausstellung: "Metalheads: Photography by Jörg Brüggemann", vom 16. März bis zum 21. April, Gestalten Space, Sophie-Gips-Höfe, Berlin. Vernissage am Freitag, den 16. März, von 18 bis 20 Uhr. Buch: "Metalheads - The Global Brotherhood", Gestalten Verlag, 144 Seiten, 39,90 Euro.

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