Buch "Berghain: Kunst im Klub" Das Ibiza von Berlin

Wer an den Berliner Klub Berghain denkt, denkt an Techno, Sex, Hipster und Touristen. Ein Buch feiert nun die andere Seite des Klubs - als Ausstellungsort und Förderer der schönen Künste.

Sven Marquardt, Marc Brandenburg, Sarah Schönfeld/ Foto: Szu Szabó/ Hatje Cantz

Von Mareike Nieberding


Es beginnt mit einer schwarzen Seite. Und noch einer. Dann erhebt sich das Berghain, dieser mittlerweile schon fast heilig gesprochene Ort des Berliner Techno, über die Schwärze der Nacht in all seiner brachialen Masse eines ehemaligen Heizkraftwerks, zwischen Industriebrachen, einem Metro-Markt und einem Hellweg-Baumarkt.

So groß wie eine Disko auf Ibiza und trotzdem ein Underground-Laden - das Berghain ist in den vergangenen elf Jahren zum zentralen Ort des Berliner Nachtlebens geworden. Wie viele Reportagen wurden über seine legendäre Schlange geschrieben, über die härteste Tür der Stadt? Wie viele Porträts über seinen gesichtstätowierten Türsteher mit DDR-Punk-Vergangenheit Sven Marquardt, der eigentlich Fotograf ist und zwar ein sehr guter?

Das Berghain ist ein Ort, an dem man nicht feiert, sondern ausgeht, hat der Künstler Wolfgang Tillmans gesagt. Weil es um viel mehr geht als nur ums Saufen, Scheiße-Bauen oder Pillen einschmeißen. Beim Ausgehen setzt man sich mit anderen auseinander - und im Berghain vor allem mit sich selbst. Deshalb war der Klub schon immer ein Ort, an dem sich nicht nur Darkroom-Liebhaber, Techno-Jünger und Touristen umtun, sondern auch viele Künstler.

Klub der Künstler

Diese Verbindung aus Klubkultur und Kunst betrachtet nun das Buch "Berghain. Kunst im Klub", das im Hatje Cantz Verlag erscheint. Es bringt all diejenigen zusammen, die sich seit 2004 um die visuelle Gestaltung des umgebauten Heizkraftwerks verdient gemacht haben, und dokumentiert ihre Beiträge in Interviews, Texten und Bildern.

Im Berghain ist man, auch wegen der Techno-Musik, für sich selbst - und trotzdem nie allein. Das weiß Fotokünstler Tillmans ebenso zu schätzen wie Klang-Ästhet Carsten Nicolai, wie die Maler Norbert Bisky und Marc Brandenburg oder die Tänzer vom Berliner Staatsballett. Rave ist Kunst. Und das Verschwinden im Bass eine Erfahrung, die mehr hinterlässt als Kopfschmerzen.

Der Autor und Musiker Thomas Meinecke schreibt in dem Buch über die Erfindung der Nachteulen. Darüber, wie aus der streng codierten Disko-Kultur genau in dem Moment Techno wurde, als sie sich nicht mehr um den homophoben Machismo des Rock scherte und in den Untergrund ging. Unter den Asphalt, in die Katakomben von Chicago, in die Tanztempel New Yorks oder die Tiefen von Detroit. Und wie Techno damals schon und heute noch im Berghain die Barrieren der Intersektionalität, des Dreiklangs von Race, Class und Gender, zu überwinden vermochte.

Nackte Weiblichkeit mit gespreizten Beinen

Auch Wolfgang Tillmans kommt zu Wort. Er ist der Einzige, der im Berghain Bilder machen darf - ansonsten herrscht Fotografieverbot. In zehn Jahren hat der Künstler jedoch nur fünf Mal Gebrauch von diesem Privileg gemacht. In dem Buch bedauert er den neuerlichen Einsatz von LED-Leuchten: "Zum Berghain passte einfach die ungefilterte Glühbirne, die vor sich hindämmerte und ein warmes Licht auf den Beton warf."

Von Tillmans hängen gleich mehrere Werke im Berghain. Als erstes installierte er in diesen homosexuell geprägten Klub neben zwei abstrakten Arbeiten die nackte Weiblichkeit mit gespreizten Beinen. Erst Jahre später, als das Publikum vor allem in der Panorama Bar immer heterosexueller wurde, ein nacktes Arschloch.

Das Buch ist auch Archiv von elf Jahren Arbeit in und mit der Kunst. Es zeigt, was im Berghain schon alles über die Bühne gegangen ist: Die vielen außerordentlichen Plattencover, die dort entstanden sind. Oder eine Ausstellung der Kunst der Berghain-Mitarbeiter. Denn die meisten, die bei Nacht hinter dem Tresen stehen, sieht man bei Tag vor der Leinwand oder hinter der Kamera.

Das Berghain ist ein Ort, der nie selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu überwältigt. Die Kunst, die dort installiert ist und an den Wänden hängt, ist so manchem Besucher vielleicht gar nicht aufgefallen. Zu schwer drückte der Alkohol auf die Augen, zu schnell drehte sich die Nacht zum Tag. Das Berghain ist visuell so stimulierend, dass es bildende Kunst eigentlich nicht braucht. Das Erlebnis selbst ist die Kunst. Der Moment des Einswerdens mit der Musik und der Masse und des Getrenntseins vom Rest der Welt. Dafür steht auch dieses Buch.

Zum Glück ist bald Wochenende.

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  • Berghain Ostgut GmbH (Hrsg.):
    Berghain

    Kunst im Klub.

    Texte von Jens Balzer, Dorothée Brill, Stefan Goldmann, Hanno Hinkelbein, Jan Kedves, Thomas Meinecke, Thilo Schneider, Jürgen Wronski u.a.

    Hatje Cantz Verlag; 208 Seiten; 37 Euro

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Bln79 18.08.2015
1. Hipster?
Der Vorteil des Berghain ist, dass man dort gerade keine Hipster antrifft!
Bln79 18.08.2015
2. Vorhandene Kunstwerke
Es stimmt zwar, dass es diverse künstlerische Installationen im Berghain gibt, allerdings wird im Artikel und auch in der Bilderstrecke dieser Umstand etwas verfälscht dargestellt. Die Bilderstrecke zeigt fast ausschließlich Werke, die im Rahmen "10 Jahre Berghain" im Sommer 2014 in einem abgetrennten Bereich des Berhain-Komplex' zu sehen waren. Mit dem Club hat dieser Bereich allerdings außer einer Verbindungstür, die gewöhnlich verschlossen ist, nichts gemein, auch der Eingang hierzu ist ein anderer, als der "gut bewachte" Haupteingang und befindet sich auf der linken Gebäudeseite. Im Club befinden sich im Eingangsbereich ein riesiges Wandmosaik sowie die angesprochenen Tillmans-Fotografien in der "Panne".
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