Petersilie- und Radieschenrezept: Na toll, 'ne Wurzelbehandlung

Von Hobbykoch Peter Wagner

Auf Rezept: Zweierlei von Petersilie und Radieschen Fotos
Peter Wagner

Bei vielen Hobbyköchen sieht's auf dem Teller ja aus wie Kraut und Rüben. Das muss nicht sein. Mit beidem lässt sich schließlich stilvoll speisen. Nehmen wir doch einfach mal Radieschen und Petersilie. Und dazu Speckröllchen. Wie? Frühjahrsdiät? Ach, hören Sie doch auf.

Aus der Sicht eines eingefleischten Innenstadtbewohners, der Grünzeug und Rüben meist nur vorgewaschen und verzehrfertig in keimfreier Sichtplastikverpackung aus dem Supermarkt um die Ecke nach Hause trägt, sind schon sandige Mohrrüben aus dem Bioladen eine dreckpfuhlige Zumutung. Krume, schwer, schmierig und matschig - das kennen sie nur aus ihrer geliebten Landzeitschrift, in der sie so gern bei Tee und Karottenkuchen herumblättern.

Entsprechend breit gespreizt ist die Verwendung eines der einschlägigsten Begriffe dieses Sujets: "Kraut & Rüben" gibt es tatsächlich als Schlammbodenmagazin, erscheinend im ganz und gar nicht metropoligen und insofern angenehm authentischen "Deutschen Landwirtschaftsverlag" (DLV), den wir um Himmels willen hier nicht mit dem ebenfalls landwirtschaftlich ausgerichteten Münchner BLV verwechseln dürfen und erst recht nicht mit dem "Landwirtschaftsverlag Münster", Herausgeber des erfolgreichen Landlustheftes.

Doch "Kraut & Rüben" heißt auch ein Radwanderweg, der 139 Kilometer quer durch die Pfalz führt, von Bockenheim bis Schweigen-Rechtenbach, ebenso die "Ökologische Dauerkleingartenanlage Kraut & Rüben im Rahmen der IBA Emscherpark", und selbst die gleichnamige schwäbische Musik- und Tanzgruppe ("von mittelalterlichen Spielmannsweisen bis zu altfränkischer Tanzmusik") gibt vor, den Begriff als "eingetragenes Markenzeichen" zu führen.

Aus Radieschen wird ein Pesto

Ganz schön dicke also für eine alte Redensart, die eigentlich nur besagt, dass früher im Gegensatz zu anderen, strikt voneinander getrennt angebauten Feldpflanzen Weißkohl und Steckrüben auf einem Acker gemeinsam angepflanzt wurden (und wie anderes Grünzeug und Rüben auch gern in denselben Eintopf wandern).

Natürlich wollen auch wir zusammenbringen, was zusammen gehört, und verzaubern für unsere heutige Vorspeise "Kraut & Rüben" zwei in der Hochküche eher selten eingesetzte Pflanzen zu einem kleinen Gaumenschmeichler. Aus den Radieschen wird ein Pesto: Wir schneiden die roten Knollen zu winzig kleinen Würfeln und hacken die sorgfältig gewaschenen grünen Blätter - die sonst immer achtlos in der Biotonne verschwinden - als eine Art Kräuter dazu, weswegen es sich empfiehlt, nur Bio-Ware mit wirklich frischem Kraut zu benutzen.

Von der Petersilie nehmen wir ebenfalls Kraut (hier allerdings die glatten Blattkräuter) und die Rübe. Aus beidem bereiten wir einen der großen Angstgegner vieler Hobbykochschaffenden zu - ein Soufflé. Keine Sorge, bei unserem Rezept wird es aufgehen wie Schmidts Katze und es wird sogar entgegen aller Vorurteile auch das kurzzeitige Öffnen der Backofentüre überleben.

Wenn Krauts die Diät-Rübe hinhalten

Das Gesamtgericht erzeugt im Akkord der Komponenten ein leicht stumpfes Mundgefühl, aber genau das ist erwünscht. Ausgleichen könnte man dies mit noch mehr Fetten, von denen aber eigentlich bereits ausreichend auf dem Teller sind. Interessant wäre also eher eine süßliche Note wie - um im Kraut-&-Rüben-Assoziationshorizont zu bleiben - ein paar über das Soufflé gezogene Fäden von ungezuckertem Apfel- oder Birnenkraut (so heißt im Rheinland der langsam eingekochte Fruchtsirup).

Voll vegetarisch wird das Gericht, wenn man sich zu dem Kalt-warm-Kontrast von Pesto und Soufflé ein paar hauchdünne Petersilienwurzelscheiben mit feinem Meersalz als crunchy Chips dörrt. Wir dagegen sahen uns berufen, endlich einmal aufzustehen und energisch einzuschreiten gegen den allseits grassierenden Frühjahresdiätwahn. Was mussten wir in den vergangenen Wochen wieder unsere wunderschönen, unter größten Mühen monatelang angefressenen Speckröllchen hinwegschmelzen sehen unter dem mörderischen Einfluss von Trennkost, FDH oder all diesen angesagten GlyxAitkinsMetabolicNewyorkAlmased- SouthbeachDukanVolumetricsBlutgruppenKushiKohlsuppen-Diäten!

Das kann man doch nicht einfach so hinnehmen, ohne dass einem der Wutbürgerbauch anschwillt! Deshalb laden wir alle Gerne-Esser ein, sich unserer Protestbewegung "Rettet das Speckröllchen!" anzuschließen - am besten mit fein aufgeschnittenem, fest eingerolltem Original Südtiroler Speck , also der mit dem "g.g.A.-Siegel" (geschützte geografische Angabe). Der nämlich reift am liebsten so wie wir: in frischer, reiner Bergluft. Und der andere Ernährungsantichrist, der Zucker, darf dort im Gegensatz zu moderner Nahrungsmittelindustriegepflogenheit erst recht nicht rein in den Schinken.

Und wer nun meint, das sei wieder nur so eine krausköpfige Idee, die da wieder mal ins Kraut schießt, werfen wir ein dreifaches, revolutionäres "Rübe ab!" entgegen

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Schlammbodenmagazin?
twister-at 17.03.2013
So amüsant auch der Artikel sonst geschrieben ist, verstehe ich den Begriff "Schlammbodenmagazin" eher als abwertend, er wirkt, auch im Zusammenhang mit dem weiteren Satz, der sich mit dem Verlag befasst, eher wie ein "ach gottchen, so ein doofes Blättchen, befasst sich halt mit irgendwelchem Schlamm - ist für Idioten, die sich das beim Tee anschauen usw." Das wirkt sehr überheblich und eben auch deklassierend, was ich nicht verstehe. Ich lese selbst "Kraut und Rüben" weil ich daraus viele Tipps für den eigenen Garten und auch für den Umweltschutz herausziehe, neue und alte Sorten werden vorgestellt und viel über Aufzucht, Pflege usw. auch von Tieren usw. vermittelt, ebenso über richtiges Schneiden von Gehölzen usw. Es ist ein Magazin, das sich mit Gärtnern und Selbstversorgung, verbunden mit möglichst viel Umweltschutz, Sortenvielfalt usw. efasst. Dies also als Schlammbodenmagazin zu bezeichnen klingt für mich eher sehr abwertend, als seien derlei Aspekte nur etwas für irgendwelche Trottel. Es ist schade, dass eine ansonsten sehr ansprechende und auch wirklich inspirierende Kolumne durch solcherlei Überheblich dann einem die Lust nimmt, sie zu lesen. Ich denke, es ist nicht verkehrt, sich mal Gedanken über Sortenvielfalt zu machen (was sicherlich auch Herr Wagner macht, alleine schon weil so neue Rezepte entstehen könnten), um die Erhaltung mancher Tierarten usw. und wenn jemand durch solche Magazine z.B. lernt, wieso sein Apfelbäumchen draußen verkümmert, wieso das Radieschen eben nicht wächst oder was eine scheibengurke ist, so halte ich dies für sinnvoll. Oder er baut ein Insektenhotel :)
2. unheimlich
autocrator 17.03.2013
Zitat von sysopBei vielen Hobbyköchen sieht's auf dem Teller ja aus wie Kraut und Rüben. Das muss nicht sein. Mit beidem lässt sich schließlich stilvoll speisen. Nehmen wir doch einfach mal Radieschen und Petersilie. Und dazu Speckröllchen. Wie? Frühjahrsdiät? Ach, hören Sie doch auf. Rezept für Kraut & Rüben mit Petersilie, Radieschen und Speck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/rezept-fuer-kraut-rueben-mit-petersilie-radieschen-und-speck-a-888888.html)
ups! Wagner, Wagner! Der mann wird einem unheimlich! - das dritte mal in folge, wo man einfach sagen muss: respekt, respekt! Eine gekonnte anregung ; kochideen, die den namen verdienen ; eine neuinterpretation eines klassikers, - UND: praktikabel! Eine vorspeise, die in einer vernünftigen zeit herstellbar ist, technisch nicht allzu herausfordernd, eigene variationen sind problemlos möglich (mir persönlich ist Wagners rezept zu Petersilie-lastig ... aber da kann man ja auch anderes stattdessen ...), und die auch optisch ohne aufwand was hermachen dürfte, ohne dass man gleich den fooddesign-fotoarrangeur einbestellen muss. dochdoch, Wagner, Wagner, sonstz bin ich ja meist sehr kritisch,, was er da so von sich gibt, aber zum dritten mal hintereinander: einwandfrei, eins A mit sternchen!
3.
numey 17.03.2013
Ja, Herr Wagner scheint sich die Kritik, die hier früher über jeden seiner Artikel hereingebrochen ist, tatsächlich zu Herzen genommen zu haben. Auch die Musikvorschläge finde ich sehr interessant. Weiter so!
4. Grünkohl mit Pinkel
Listerholm 17.03.2013
Zitat von sysopBei vielen Hobbyköchen sieht's auf dem Teller ja aus wie Kraut und Rüben. Das muss nicht sein. Mit beidem lässt sich schließlich stilvoll speisen. Nehmen wir doch einfach mal Radieschen und Petersilie. Und dazu Speckröllchen. Wie? Frühjahrsdiät? Ach, hören Sie doch auf. Rezept für Kraut & Rüben mit Petersilie, Radieschen und Speck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/rezept-fuer-kraut-rueben-mit-petersilie-radieschen-und-speck-a-888888.html)
habe ich dieses Wochende gekocht. Einen Tag in den Frost auf dem Balkon gestellt und dann gegessen. Okay, war ein wenig versalzen. Ich probiere noch. Das Schönste aber war die Zubereitung gemeinsam mit meiner Liebsten. Grünkohl muss man sehr sorgfältig behandeln - die Blätter liebevoll abzupfen, die Rispen entfernen, das rechtschmeckende Schmalz dazugeben, "eine fette Sau durchlatschen" lassen (wie die Schlesier/Westfalen sagen), festkochende Kartoffeln schälen, die Pinkel und die Knacker. Alles Zeremonie und Zeit. Es schmeckt wundervoll. Ich bin überzeugt, dass es Gerichte gibt, die nicht nur den Magen füllen, sondern schon sättigen bei der Zubereitung, wenn Liebe dabei ist. Wer es farbig will: Ein Grünkohleintopf sieht rot/rosig (Würstln), grün (Kohl) und gelb (Kartoffeln) aus und duftet - na ja unverwechselbar-. :-)
5.
Doc Holliday 17.03.2013
Zitat von Listerholmhabe ich dieses Wochende gekocht. Einen Tag in den Frost auf dem Balkon gestellt und dann gegessen. Okay, war ein wenig versalzen. Ich probiere noch. Das Schönste aber war die Zubereitung gemeinsam mit meiner Liebsten. Grünkohl muss man sehr sorgfältig behandeln - die Blätter liebevoll abzupfen, die Rispen entfernen, das rechtschmeckende Schmalz dazugeben, "eine fette Sau durchlatschen" lassen (wie die Schlesier/Westfalen sagen), festkochende Kartoffeln schälen, die Pinkel und die Knacker. Alles Zeremonie und Zeit. Es schmeckt wundervoll. Ich bin überzeugt, dass es Gerichte gibt, die nicht nur den Magen füllen, sondern schon sättigen bei der Zubereitung, wenn Liebe dabei ist. Wer es farbig will: Ein Grünkohleintopf sieht rot/rosig (Würstln), grün (Kohl) und gelb (Kartoffeln) aus und duftet - na ja unverwechselbar-. :-)
Mein Leibgericht seit meiner Kindheit! Etwas suedlicher in Schaumburg, nennt man in Braunkohl. Meine Grosseltern hatten ihn angepflanzt. Beim Frost nach der Hausschlachtung gabs welchen mit Mettwuerstchen.
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