Riefenstahl-Vermarktung Leni sells!

Erst rückte die Musikbranche in das rechts-erfolgreiche Verkaufslager, jetzt befand der Taschen Verlag: Das Produkt Leni Riefenstahl gehört unter den Weihnachtsbaum.

Von Wiebke Brauer


Riefenstahl-Fotoband: "Die Bilder sprechen für sich"

Riefenstahl-Fotoband: "Die Bilder sprechen für sich"

Faschistische Ästhetik - oder zumindest die Koketterie mit derselben - ist schon länger eine ausgesprochen erfolgreiche Methode, wenn es darum geht, ein Produkt an die Massen zu bringen. Dies war insbesondere im musikalischen Bereich des öfteren der Fall. So brachte 1980 die Gruppe Roxy Music ein Plattencover mit Speerwerferinnen in weißen Leibchen à la Bund Deutscher Mädchen auf den Markt. Titel: "Flesh & Blood".

Achtzehn Jahre später schoss die Gruseltruppe Rammstein den Adler vollends ab: In schwarze Ledermäntel hatten sich schon viele gehüllt, deswegen setzten sie noch zusätzlich auf ein pyrotechnisches Bühnenspektakel und auf Texte, die wahlweise vor Blut oder Seemannstränen troffen. Um das Bild zu vervollständigen, war das Video zu ihrer Depeche Mode-Coverversion "Stripped" kunstvoll aus Leni Riefenstahls "Olympia - Fest der Schönheit"- und "Fest der Völker" zusammen geschnitten. Da war die eine Hälfte ganz schockiert und die andere kaufte flugs die Liebäugelei mit dem Braunen.

Vermarktungsobjekt: Leni Riefenstahl
DPA

Vermarktungsobjekt: Leni Riefenstahl

Doch auch das ist schon wieder Geschichte. Inzwischen ist ein Musiker erst dann wirklich provokant, wenn er sich wie Marilyn Manson ans Kreuz nageln lässt. Da dort aber nur Platz für einen ist, muss man sich also etwas Neues ausdenken. Die Lösung ist so simpel, dass gleich mehrere Leute drauf gekommen sind. Die dachten sich nämlich: Warum in die Ferne schweifen, wenn das verkäufliche Gut so nahe liegt?

Das Objekt der Marketing-Strategie war die dornengekrönte Königin der faschistischen Ästhetik Leni Riefenstahl. Die lebt sogar noch und verkauft sich mindestens so gut wie Rammstein. Thea Dorns verbriet die Grande Dame des Nationalsozialistischen Films in ihrem Hörspiel "Marleni", und mit zweifelhaftem Glück wird der Konsument bald in den Genuss von gleich zwei Verfilmungen der Riefenstahl-Biografie kommen. Bald dann auch das Buch zum Film und dazu die passenden Merchandising-Artikel wie T-Shirts mit Aufdrucken wie: "Hart wie Riefenstahl"?

Solch düstere Visionen sollte man bedenken, sie könnten wahr werden. Denn schon ohne zugehörigen Film startet der Taschen-Verlag eine ganze Riefenstahl-Reihe. Auf der englischsprachigen Website des Verlages (Slogan: "We don't just follow trends, we try to create them"), preisen knackige Untertitel den Ruhm der Regisseurin und Fotografin an: "Wir laden Sie ein, die außerordentliche Karriere zu entdecken". Betitelt wird die Riefenstahl als "die umstrittenste Kult-Feministin aller Zeiten."

"Olympia-"Motiv: Faschistische Ästhetik
Foto: Taschen

"Olympia-"Motiv: Faschistische Ästhetik

Und was da nicht alles herausgegeben wird: Da gibt es zunächst den opulenten Fotoband "Fünf Leben", in dessen Vorwort die Herausgeberin Angelika Taschen zum Thema Leni schreibt: "Ich bin von ihrer Lebendigkeit und Grazie zutiefst beeindruckt". Des weiteren drückt Frau Taschen ihre Hoffnung aus, dass ihre Begeisterung für Riefenstahl durch das Betrachten der Bilder auf den Leser übergehen wird. Mit diesem Wunsch wäre sie ja auch nicht die Erste.

Fragt man beim Taschen Verlag an, warum er so massiv Produkte von Leni Riefenstahl auf den Markt wirft, erhält man die leicht gereizte Auskunft, man müsste sich nicht dafür rechtfertigen. Schließlich, so betont die Pressesprecherin Veronica Weller, betrachte der Verlag das Werk unter dem ästhetischen Aspekt und nicht unter dem politischen. Man fände die eigenen Publikationen gut, und es wäre egal, wenn andere Leute das Material womöglich als faschistisch ansähen: "Die Bilder sprechen für sich". Das kann man eigentlich nur marktwirtschaftliche Ignoranz nennen - oder als klassische deutsche Bewältigungsermüdung einordnen.

Auf den Hinweis, dass die vom Hause Taschen als Presse-Info herausgegebene Riefenstahl-Biografie noch nicht einmal den Prozess erwähne, in dem es um die Sinti und Roma ging, die die Regisseurin als Komparsen für ihren Film "Tiefland" aus dem Konzentrationslager entlieh, erhält man eine recht merkwürdige Erklärung: Schließlich sei bei einem Lebensalter von 98 Jahren die Biografie ziemlich lang, da hätte nicht alles hineingepasst, so Weller. Zudem sei der Lebenslauf abgeklärt und für gut befunden worden. Bei diesem Prozess scheint auch entschieden worden zu sein, dass im Gegenzug Riefenstahls Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik unbedingt mit in die Vita aufgenommen werden sollte. Im Übrigen, so der Verlag, wer sich weiter informieren wolle, der könne ja ihre Memoiren lesen. Da trifft es sich gut, dass die auch vom Verlag vertrieben werden.

Riefenstahl im Oktober bei der Präsentation des Taschen-Buchs.
AP

Riefenstahl im Oktober bei der Präsentation des Taschen-Buchs.

Nicht zu vergessen wären auch Fotokalender, Postkartenbuch und die "Cardbox" mit den Umschlägen. (Schreib mal wieder!). Bei www.bol.de sind die Leni-Geschenkideen zurzeit leider nicht lieferbar - weil ausverkauft. Über die Firma selbst seien die Artikel aber noch zu bekommen, informiert der Verlag. Wie beruhigend. Bei einem solch durchschlagenden Erfolg muss man neidlos zugestehen: Taschen hat, wie angekündigt, einen echten Trend kreiert und füllt offenbar eine klaffende Marktlücke.

So verfallen die Kaufleute dem Riefenstahl-Rausch. Für den nimmersatten Leni-Liebhaber gibt es auch noch die Gesamtedition ihrer cineastischen Werke auf Video. Sechs Filme für nur 27,99 Mark, wenn das kein Schnäppchen ist. Riefenstahls Reichsparteitagsfilm "Triumph des Willens" ist in dem Paket zwar nicht enthalten. Der Film ist aber schon bald auf DVD erhältlich - allerdings als England-Import.

Und während sich bald jeder Hans und Franz die braune Brühe in Scheibenform über das Internet bestellen kann, um sie sich zum Fest der Liebe unter den teutonischen Tannenbaum zu legen, darf der Film in hiesigen Kinos nur unter Auflagen vorgeführt werden, und halten Universitäten im süddeutschen Raum Filme wie diesen noch immer in so genannten Giftschränken unter Verschluss. Unterdessen streitet sich das ganze Land ausgelassen über den Begriff der Leitkultur. Ho! Ho! Ho! Wenn das der Führer gewusst hätte...

Angelika Taschen (Hrsg.): "Leni Riefenstahl - Fünf Leben". Taschen Verlag, Köln 2000; 336 Seiten; 69,95 Mark



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