"Ring"-Finale in Bayreuth Kaum Licht in der Dämmerung

Der neue Bayreuther "Ring" ist vollendet, aber er ist alles andere als rund. Mit der "Götterdämmerung" inszenierte Tankred Dorst ein Finale, das unter zu viel Leerlauf litt. Verdienten Jubel gab es für die musikalische Leistung, Buh-Rufe für die unentschlossene Regie.

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Am Ende sitzen alle auf Trümmern. Wieder so ein markantes Bild, das außer der Bühnenhandlung auch das Dilemma der diesjährigen "Ring des Nibelungen"-Deutung von Tankred Dorst illustriert. Dabei hätte sich mit der "Götterdämmerung" noch manches erhellen lassen. Nach drei mehr oder minder unentschlossenen, fade inszenierten "Ring"-Werken hätten Dorst und sein Team mit dem Abschluss von Richard Wagners Tetralogie noch Ordnung und Ziel in das Weltendrama bringen können. Schließlich ist die "Götterdämmerung" der opernhafteste, bekannteste Teil des Musikdramas, den Wagner ursprünglich als ersten und eigenständigen Part des ganzen Unternehmens konzipiert hatte. Doch neue Ideen blieben aus, die Erzählung vom Untergang des Götterplanes verlor sich in Episoden und Wiederholungen.

Siegfried, nach der Zerstörung von Wotans Speer der neue, autonome Held einer von Göttern nicht mehr gelenkten Welt, gerät auf der Suche nach Abenteuern gleich in neue Abhängigkeiten. Für König Gunter soll er Brünnhilde und den in ihrem Besitz befindlichen, Macht verheißenden Ring aus dem Nibelungen-Schatz erobern. Gefügig gemacht wird Siegfried mit List und Zaubertrank, bereit zum Verrat an seiner geliebten Ex-Walküre. Hagens Mord an Siegfried schließlich leitet den Untergang aller ein. Dieser griffige Teil der Story der Nibelungen ist Stoff für Film- und TV-Adaptionen, jedes Jahr kann man das inzwischen auch als Open-Air-Event in Worms besichtigen.

Die neuen Götter sind in Tankred Dorsts Ring-Finale - welche Überraschung - Besitztum und Macht. An Gunters Hof ist eine Partygesellschaft von Dekadenz-Darstellern zu bewundern, dazu jede Menge Frackträger als Stützen der Gesellschaft, irgendwo zwischen "Der große Gatsby" und Weimarer Republik. Von weiter Ferne erinnert diese optische Konstellation gar an Patrice Chéreaus epochale "Ring"-Deutung von 1976, die in Bayreuth seinerzeit den größten Skandal der Festspielgeschichte auslöste. Bösewicht Hagen ist nach Gutsherrenart kostümiert, mit braunem Gewand und Lederstiefeln, unterstützt von ebenso ausgestatteten, glatzköpfigen Schergen. Was einlädt zu allen möglichen Assoziationen, die aber - wie so oft in diesem "Ring" - im freien Raum hängen bleiben und dann abstürzen.

Rein in die Kloake

Auch Siegfrieds Tod soll Anspielungsreich aussehen: Die Waldszene im dritten Aufzug, mit dem Meuchelmord am Helden, ist im nahezu identischen Bühnenbild angesiedelt wie die anfängliche Beratung der Götter im "Rheingold"- nur ist der Rhein inzwischen nicht mehr der saubere, klar strömende Fluss, sondern eine Kloake. Daraus recken sich die nun die spärlich bekleideten Rheintöchter und fordern klagend ihren Schatz zurück. Wieder lagern unbeteiligte Zeitgenossen gleichgültig, nichts ahnend neben den tobenden Geschehnissen. Wieder wird ein Running Gag als roter Faden ausgegeben, der auch durch die Wiederholung keine Vertiefung erfährt.

Den berühmten Trauermarsch nach Siegfrieds Tod dürfen Christian Thielemann und sein Orchester dann vor geschlossenem Vorhang als Zwischenspiel zum Szenenwechsel zelebrieren. Diesen musikalischen Höhepunkt lässt sich der Maestro am Pult natürlich nicht entgehen: Saugende Steigerungen, eigenwillige Dynamik-Abstufungen und volle Kraft in den Tutti-Stellen krönen den Thielemann-Anteil an diesem Ring, der ihn auch in der "Götterdämmerung" zum Sieger machte. Schmettern und Klangschwelgen mit äußerster Disziplin, das kann zurzeit wohl keiner besser als er. Der Publikumsjubel war ihm schon hier gewiss. Doch auch Thielemanns Power brachte die Dämmerung nicht in lichtere Gefilde.

Brünnhildes großer Schluss-Monolog ("Starke Scheite schichtet mir dort") gerät zum dürren Statement: Als sie den Leichnam ihres Geliebten Siegfried auf dem Scheiterhaufen in der Burg entzündet, wabert wieder der wohlbekannte Bühnennebel, das einsetzende, zerstörerische Feuer ist überraschend schlichtes rotes Bühnenlicht, die kraftvolle, wilde Brünnhilde aber steht auf der Bühne wie bei einem züchtigen Liederabend. Dass nebenbei auch Wotans Götterburg Walhall in Flammen aufgeht, deutet die Projektion der roten Brücke an - ein Rückblick aufs "Rheingold". Dass der Rhein über die Ufer tritt und die Rheintöchter den Ring zurückobern, geht buchstäblich etwas unter im allgemeinen Gerenne: Die zunächst vor dem Feuer geflüchteten Burginsassen überlegen es sich anscheinend schnell anders und kehren unvermittelt zu den Trümmern zurück. Alles kann von vorn beginnen. Vorhang. Verblüffter, schlapper Applaus. Ratlosigkeit im Publikum.

Der "Ring" muss in die "Werkstatt"

Hatte Helden-Sänger Stephen Gould mit seiner Partie im "Siegfried" noch Anlauf-Schwierigkeiten, so konnte er sich (bis auf einen kleinen Patzer Ende des zweiten Aufzuges) in der "Götterdämmerung" ansehnlich steigern. Auch Linda Watson brachte als Brünnhilde ihre schwere Partie sicher nach Hause. Großartig und kokett sangen und spielten auch die drei Rheintöchter Ulrike Helzel, Fionnula McCarthy und Marina Prudenskaja, die schon im "Rheingold" erfreuten.

Großer gesanglicher Abräumer des Abends wurde jedoch Bayreuth-Debütant Hans-Peter König, dessen bassgewaltiger Hagen Wut und Bösartigkeit mit darstellerischem Charisma und sicherer Stimme paaren konnte. Jubel erntete auch Mihoko Fujimura als versprengte Walküre Waltraute, die zuvor in diesem "Ring" auch schon als Göttin Erda überzeugte. Für Tankred Dorst und sein Regie-Team hingegen hatten die Zuschauer vor allem heftige Buh-Rufe übrig.

So bleiben an den "Ring" 2006 hauptsächlich die musikalischen Leistungen in guter Erinnerung, die Bilder und die Inszenierung werden sich so schnell verflüchtigen wie der Bühnennebel. Aber Bayreuth ist ja eine "Werkstatt", wie Hügel-Chef Wolfgang Wagner gern betont, und so wird sich Tankred Dorsts Idee von der Baustelle vielleicht unfreiwillig als dauerhaftes Symbol dieser Inszenierung zeigen. Vielleicht wird dieser "Ring des Nibelungen" ja im nächsten Jahr ganz anders aussehen. Zu wünschen wär’s allen.



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