Politische Kunst: Mit "Moby Dick" die USA verstehen

Von Ingeborg Wiensowski

In seiner ersten Schau in Berlin zeigt der US-amerikanische Künstler Robert Longo alles, was er beherrscht: großformatige Zeichnungen voller politischer Anspielungen und eine literarische Performance voller Sätze aus dem Romanklassiker von Herman Melville.

Im ersten Satz der legendären Geschichte von "Moby Dick" stellt sich der Erzähler vor: "Call me Ishmael" heißt es da, und dann erzählt Ishmael, dass er vor ein paar Jahren der Langeweile und dem Alltäglichen des Festlandes entfliehen und als Matrose anheuern wolle. "Some years ago - never mind how long precisely - having little or no money in my purse, and nothing particular to interest me on shore, I thought I would sail about a little and see the watery part of the world."

So steht es im Originaltext von Herman Melville, und der ist gerade in der Galerie Capitain Petzel in Berlin zu hören. Zu verstehen ist allerdings weder der erste Satz noch irgendein anderer. Denn die 45 jungen Frauen und Männer in schwarzer Kleidung, aufgereiht in fünf Reihen zu je neun Personen, lesen auf Anpfiff gleichzeitig und laut jeweils eines der 135 Kapitel aus Moby Dick vor. Fünf mal fünf Minuten lang. Ein Kommandopfiff aus der Trillerpfeife, und schon geht die Kakophonie los. Ein weiterer Pfiff und die Stimmen verstummen schlagartig. Die Vortragenden legen exakt in Reih und Glied ihre Bücher auf den Boden und entsteigen der Reling, um nach wenigen Minuten auf den Kommandopfiff hin wieder an ihre Plätze zu gehen und die Kapitel weiter laut vorzulesen.

Natürlich handelt es sich bei dieser Art Literaturvortrag nicht um eine Lesung, sondern um eine Performance, und konzipiert hat sie der international bekannte US-amerikanische Künstler Robert Longo, 59, der seine erste Einzelausstellung in Berlin bespielt.

Diese Ausstellung sollte man unbedingt ansehen, schon weil sie im Gegensatz zur Berlin Biennale zeigt, wie politisch Kunst sein kann. Zu sehen ist das schon von außen, denn Longo hat das gläserne freistehende Galeriegebäude in der Karl-Marx-Allee 45 völlig mit einer Vergrößerung seiner schwarzweißen US-Flagge überzogen. Und das auf der "ersten sozialistischen Straße" auf deutschem Boden, die bis 1961 "Stalinallee" hieß und auf die die DDR so stolz war!

Der genetische Code Amerikas

Im Untergeschoss hat Longo eine Art Schiffsdeck-Bühne mit einer Reling aus roten Tauen aufgebaut. Seit Freitag läuft die Aufzeichnung im Untergeschoss der Galerie, wo sie das Herzstück der Longo-Schau "Stand" ist. Melvilles "Moby Dick"-Roman von 1851 habe viel mit Amerika zu tun, sagt Robert Longo, und zitiert den Autor und Segler Nathaniel Philbrick, "Auf den Seiten von Moby Dick ist nichts weniger als der genetische Code Amerikas enthalten", und alle dort beschriebenen "Versprechen, Probleme, Konflikte und Ideale" hätten zur Zukunft der USA beigetragen. Ihn habe Moby Dick "schon immer" beschäftigt, sagt Longo, der für seine politische Themen, seine Beobachtung der Welt an der Schnittstelle zwischen persönlicher und gesellschaftlicher Haltung und für sein Interesse an den Erscheinungsformen von Macht bekannt ist und diese Themen in Zeichnungen, Installationen und Performances abhandelt.

Wie jetzt in Berlin. Longo hat den großen, hohen und offenen Raum der Galerie mit Vorhängen getrennt, eine Decke eingezogen und damit den sonst übersichtlichen Grundriss verunklart. Der Besucher steht jetzt in einer Art Empfangsflur mit drei großen schwarzweißen Zeichnungen, die Longos Ausstellungsthema zusammenfassen: die politische Lage der Welt und die Rolle der USA, auch historisch. Gleich über der Eingangstür hängt ein vergoldeter Spiegelrahmen, gekrönt von einem Weisskopfadler, der auf allen Hoheitszeichen der USA zu sehen ist. Auf dem Spiegel steht "Call me Ishmael". Ein Bild zeigt die amerikanische Flagge, auf dem Bild "Leaving Iraq" geht ein Soldat mit dem Rücken zum Betrachter mitten auf einer dreispurigen Straße den ihm entgegenkommenden Autos entgegengeht. Das dritte Bild zeigt Demonstranten in der Rückenansicht, die auf Plakaten "Money for Schools not for Bombs" oder "Education for Everybody" fordern.

Im größten Raum ist eine Installation zu sehen. Ein über zwei Meter hohes Brustporträt des regierenden Präsidenten Obama an der Wand einer Schmalseite, ihm gegenüber die dreiteilige Zeichnung einer Menschenmenge "Tea Party, based on a photograph by Christopher Anderson". Dazwischen liegt ein schmaler roter Teppich, und die Bilder sind wie in Museen mit einer Kordel abgegrenzt. Eine Hommage an die brisante Documenta-7-Installation von Hans Haacke, die damals in gleicher Anordnung Ronald Reagan zeigte.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung findet sich in der oberen Galerie, zu der man an einem Stapel mit US-Flaggenplakaten, die man mitnehmen kann, und drei kleinen Zeichnungen eines Sklavenschiffsdecks, einer Kreuzigung und eines Wales vorbei muss. Und an dem wunderbaren Porträt von Jimi Hendrix mit Gitarre, bei dem man sofort an Woodstock 1969 denkt, wo Hendrix grandios die US-Nationalhymne auf seiner Gitarre zerschredderte.

Oben hängen aufgereiht 25 mittelformatige hell-dunkel Zeichnungen, die Longo "Peepshow amerikanischer Pornografie" nennt. Ein Astronauten-Gruppenbild, ein McDonald's-Drive-Through neben dem Ku-Klux-Klan-Bild, Michael Jackson, ein reitender Cowboy, Football, Baseball und Boxkämpfe, das Capitol, eine Frau mit Burka, ein Raketenstart oder Flugzeuge.


Robert Longo "Stand". Galerie Capitain Petzel, Berlin, bis 16.6.2012; www.capitainpetzel.de

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1.
sienna63 01.05.2012
Zur Inauguration hat ein mir bekannter Künstler - inspiriert von Mellville - folgende Collage kreiert: http://www.blog.de/media/photo/k_pt_n_ahab/4188002?album_ID=352450
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