Doku "Mapplethorpe: Look at the Pictures" Wie ein kaputter Amor

Robert Mapplethorpe fotografierte ikonische Porträts und Stillleben, bekannt wurde er aber vor allem mit Aufnahmen der New Yorker Sadomaso-Szene. Ein Dokumentarfilm zeigt den Fotograf nun als getriebenen Perfektionisten.

Robert Mapplethorpe Foundation/ Kool Film

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Es gibt da diese Dualität in Robert Mapplethorpe. Mittags aß er im Nobelrestaurant, abends besuchte er Orgien im Sadomaso-Klub. Er fotografierte empfindsame Stillleben mit Mohnblume - aber auch das Selbstporträt mit Bullenpeitsche im Hintern. Einerseits war er ein ausschweifender Lebemann, andererseits stets getriebener Workaholic. Politiker dämonisierten ihn, die Kunstszene feierte. Mapplethorpe: Schönheit und Schock.

Der Dokumentarfilm "Mapplethorpe. Look at the Pictures" bemüht sich jetzt, den Menschen Robert Mapplethorpe jenseits der Skandale und Zensurmaßnahmen lebendig werden zu lassen. Die Produzenten Fenton Bailey und Randy Barbato greifen für ihre HBO-Produktion dabei auf bisher unveröffentlichte Interviews mit Mapplethorpe zurück, sodass es möglich war, ihn selbst mit 15 Minuten O-Ton am meisten zu Wort kommen zu lassen.

Es berichten zahlreiche Freunde, Mitarbeiter und Weggefährten, doch sie alle verraten nur wenig Aufschlussreiches über Mapplethorpes Wesen. Er bleibt unnahbar. Er feierte viel und arbeitete noch mehr, genoss Prominenz und Pornografie. Ob es eine Privatperson Mapplethorpe gab? Einen tieferen Sinn hinter der Provokation? Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Die zweifelsfrei unterhaltsame Doku hebt den Mensch Mapplethorpe nicht auf einen Thron.

"Ich war ein Snob"

"Look at the Pictures" zeigt in konventionell chronologischer Form die Stationen in Mapplethorpes Leben: die behütete Kindheit in einem Vorort, die sechs Geschwister malten und spielten einander Streiche, Mapplethorpe war Messdiener, die Schule fiel im leicht. Der Vater besaß eine eigene Dunkelkammer, doch Robert interessierte sich zunächst nicht für Fotografie. Er malte. "Ich hielt Fotografie lange für eine niedere Kunstform, ich war ein Snob", sagt Mapplethorpe.

Er besuchte das New Yorker Pratt Institute, eine der führenden Kunsthochschulen der USA, und grübelte bereits dort, wie er aus der Masse herausstechen könne. Als Abschlussarbeit kochte der 19-Jährige den Schädel von seinem Affen, den er als Haustier gehalten hatte. Das letzte Foto, das Mapplethorpe vor seinem Tod aufnahm, zeigt ein Selbstporträt mit Totenschädel.

Selbstporträt, 1988
Robert Mapplethorpe Foundation/ Kool Film

Selbstporträt, 1988

Er lernte Patti Smith kennen, zog mit ihr ins Chelsea Hotel und blieb sieben Jahre. Sie zeichneten nächtelang, nahmen Drogen.

"Wie bin ich je klar gekommen? Wie habe ich überlebt? Keine Ahnung", sagt Mapplethorpe. Er begann, erste Fetisch-Skulpturen und Collagen aus Pornomagazinen zu fertigen. "Sie waren wie andere Wesen", sagt der 14 Jahre jüngere Bruder Edward Mapplethorpe, "es gab keine Trennung" zwischen der Person Mapplethorpe und seiner Arbeit. Robert sei von der Kunst eingenommen gewesen, in seinem Aussehen, seiner Haltung, seiner Gestik.

Überhaupt, der kleine Bruder: Er verehrte den Älteren so sehr, dass er seine Abschlussarbeit über ihn schrieb und selbst anfing, zu fotografieren. Doch Robert warf Edward vor, er nutze den Namen Mapplethorpe aus und forderte, dass sich Edward einen Künstlernamen zulege. Edward fügte sich, assistierte dem Genie in dessen Studio und pflegte ihn schließlich bis zu seinem Tod.

Schwänze und Tulpen

Kann Pornografie Kunst sein? Heute wird eine solche Frage nicht mehr gestellt. In den Siebzigerjahren aber galten andere Regeln. Es gab zwar Helmut Newton, der zu dieser Zeit an seinen ersten "Nudes" arbeitete, sich aber im akzeptierten Rahmen der Modefotografie und Heterosexualität bewegte.

Mapplethorpe entdeckte hier die Lücke, die eine Idee, die ihn einzigartig machen würde. Pornografie war bis zu diesem Zeitpunkt ein dilettantisches Geschäft, Homosexualität verboten - der ehemalige Messdiener wollte diese Dinge auf seinen persönlichen Altar heben, er wollte Körper, Schwänze und sexualisierte Tulpen zu Kunstwerken perfektionieren, auf dass es dem Betrachter den Atem verschlüge.

Bald fing er an, die nötigen Fotos für seine Collagen selbst zu machen. "Ich brauchte Rohmaterial. Deshalb begann ich mit den Polaroids. Nicht, weil ich ein Fotograf sein wollte." Es ging ihm vor allem um die Inszenierung von Sex, Blumen habe er fotografiert, "weil ich an ihnen mit der Beleuchtung experimentierte".

"Look at the Pictures" zeigt Mapplethorpe als Menschen, der Sex und Beziehungen für seine Karriere instrumentalisierte. Nach dem Studium bot er sich als Callboy an, um weiter zeichnen zu können, später ließ er sich von Förderern aushalten und bezahlte mit Erotik, er umgab sich vorzugsweise mit Reichen und Prominenten.

"Es geht im Leben darum, andere zu benutzen und von anderen benutzt zu werden. Darum geht es in Beziehungen", resümiert Mapplethorpe im Film. Robert sei auf so besondere Art schön gewesen, dass sich jeder sofort in ihn verliebte, "sogar Hunde mochten ihn", bestätigt einer seiner Lebensabschnittsparter, der ihn später mit dem 25 Jahre älteren Kurator Sam Wagstaff zusammenbrachte. "Wie ein kaputter Amor", beschreibt ihn Schriftstellerin Fran Lebowitz, "und dazu war er extrem witzig."

Porträts brachten Geld, doch Sex blieb das Thema

Mapplethorpes Beziehung mit Kurator Wagstaff brachte dann auch den Durchbruch als Künstler. Wagstaff kaufte ihm seine erste Hasselblad-Kamera und ein Loft in der Bond Street, die damals noch eine heruntergekommene, verdreckte Straße ohne Geschäfte war, in der sich Kriminelle und Junkies aufhielten, aber eben auch die Künstler. Es wurde schick, sich von Mapplethorpe fotografieren zu lassen, für ihn posierten Andy Warhol, Deborah Harry, Richard Gere, Iggy Pop, Peter Gabriel, Grace Jones, Marianne Faithfull.

Prinzessin Gloria von Thurn und Taxis, 1987 porträtiert von Mapplethorpe
Robert Mapplethorpe Foundation/ Kool Film

Prinzessin Gloria von Thurn und Taxis, 1987 porträtiert von Mapplethorpe

Mit Porträts verdiente er Geld, doch Sex blieb sein wichtigstes Thema. "Mich interessierte dieses Feld, weil ich dort mein Statement machen konnte", sagt Mapplethorpe.

Er habe es fast als Verpflichtung empfunden, die Dinge festzuhalten, die er etwa im SM-Schwulenklub Mine Shaft erlebte - nicht aber auf diese persönliche Weise wie etwa Nan Goldin, die aus ähnlich kaputten Subkulturen dokumentierte, sondern auf eine kühle, überästhetisierte, fast chirurgische Weise. Alles an seinen Bildern sollte glatt und makellos sein, in perfekten Proportionen - auch wenn darauf zu sehen war, wie ein Mann einen anderen anpinkelt.

"Mapplethorpe: Look at the Pictures" läuft seit 3. November in ausgewählten Kinos

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