Rock-Fotograf Schmid Immer höflich in die Intimzone

Mit rein ins Schlafzimmer, abdrücken aber nur, wenn sich niemand nackig macht - so etwa lässt sich die Strategie des Rock-Fotografen Hannes Schmid beschreiben. Der Schweizer tourte mit vielen Musik-Größen und zeigt mit seinen Bildern, wie bieder ein Leben als Star aussehen kann.

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Fotograf Schmid: Meine kleine Rock-Familie
Familienfotos sind ja ästhetisch fragwürdige und meist sehr öde Angelegenheiten, zumal für Außenstehende. Wer will schon sehen, wie Oma und Opa stolz vor dem kalten Buffet ihrer Goldenen Hochzeit posieren, wie die lieben Kleinen in den Sanddünen Borkums herumtollen oder im Zoo von Hannover? Ganz anders sieht die Sache aus, wenn die liebe Familie 20 Nutten einfliegen lässt, um ein paar präpotente männliche Angehörige zu bespaßen.

So ein Vorfall ereignet sich ja nun eher selten, und wenn, dann ist kein Fotograf dabei, der ihn dokumentieren könnte oder wollte. Bei Supertramp allerdings, jener Stadion-Superband der Siebziger und Achtziger mit ihrem blitzsauberem Image, war das anders. Da hielt Hannes Schmid, quasi ein Teilzeitmitglied der Band-Familie, für die Nachwelt fest, wie peinlich berührt und verstockt ein paar Softrocker vor sich hin feixen, wenn sie sich mit eingekauften Bikinihäschen amüsieren sollen.

Schmid ist Schweizer. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass ausgerechnet ein Bewohner dieses urdemokratischen und egalitären, jeder Starvergötterung so abgeneigten Landes mit dem Bildband "Rockstars" eine Art Familienfotoalbum vorlegt, in dem fast jeder Porträtierte wirkt, als lebe er ein Leben, das dem seines Publikums auf eine sehr desillusionierende Art gleicht: bieder bis zur Spießigkeit, furchtbar unglamourös.

Dokumente aus der Prä-Paparazzi-Ära

Zwischen 1977 und 1984 tourte Schmidt mit insgesamt 258 Bands um die Welt, große Stars wie Abba waren dabei, AC/DC, Black Sabbath, Rod Stewart, aber auch kleine, heute fast vergessene wie die Girl-Gruppe Clout aus Südafrika. Und wenn er jetzt von seinen Bildern spricht, von der Atmosphäre schwärmt, in der sie entstanden sind, beschwört Schmid gern mal die sprichwörtliche "große Familie", die man damals gewesen sei.

Das ist natürlich eine kokette Verklärung, wenn nicht gar: Quatsch. So eine Wortwahl gaukelt einen Egalitarismus im Musikalisch-industriellen-Komplex vor, den es nie gab, bestenfalls als männerbündische Illusion. Einerseits. Andererseits kam Schmid vielen Stars tatsächlich näher als andere. Und er hielt als Fotograf - wie es sich für einen loyalen Wahlverwandten gehört - nie gnadenlos drauf. Die seinerzeit vom Promoter von Hamburg nach Zürich verfrachteten Supertramp-Damen etwa fotografierte er nur so lange, wie sie den Rockern vor ihren Nasen herumtanzten - den folgenden Exzess zeigte er nicht. Höfliche Zurückhaltung spricht auch aus den übrigen Bildern. Hier und da ein paar Biere, herumlungernde Groupies, mehr nicht. Schmid steigt seinen Stars bis ins Schlafzimmer hinterher, guckt aber weg, wenn sie sich nackig machen.

Intim sind seine Aufnahmen dennoch, ein wenig erinnern sie an Jürgen Teller, der Mitte der Neunziger die Schönheit des Unperfekten in der Modelwelt erkundete und damit berühmt wurde. Man spürt, dass sie aus einer Zeit stammen, als noch nicht jedes Star-Foto zugleich Baustein einer undurchdringlichen Imagemauer war; unbefangen, fast unschuldig, wirken Schmids Stars aus der Prä-Papparazzi-Ära, manche sogar linkisch.

Langmähnige Rock-Kleinbürger

Eine Junkie-Dame namens Marianne Faithfull zum Beispiel. Es ist 1981, gerade kommt die heroinsüchtige Sängerin aus dem Entzug, jetzt sitzt sie in einem Pub an der Londoner Queens Road, erst vier Jahre später wird sie endgültig von der Nadel los sein. Und was macht dieser charmante Suchtknochen, als Schmid zur Kamera greift? Checkt mit einem Taschenspiegel ihre Lidschatten und wirkt dabei wie eine strebsame Provinzschönheit, die sich für's Vorstellungsgespräch zurechttuscht. Welch Gegensatz zur dröhnenden Sucht- und Selbstzerstörungs-PR von Amy Winehouse!

Schmids beste Bilder zeigen allerdings Rock-Kleinbürger, langmähnige Hardrocker oft, wahrhafte Gitarrenproleten, die mit mies sitzenden Badehosen oder hausfraulichen Gattinnen samt Nachwuchs posieren, bisweilen vor dem heimatlichen Kamin, Loriots Hoppenstedts lassen da ganz laut grüßen.

Andere hat Schmid in der Bühnenumkleide fotografiert, sie sehen aus, wie ihre Väter ausgesehen haben mögen, in den Umkleidekabinen von Bergwerken vielleicht oder Stahlgießereien. Bon Scott etwa, legendärer Sänger von AC/DC, steht unbeholfen in Blue Jeans herum, sein Oberkörper ist nackt. Ein braver Bühnenarbeiter strahlt da vor sich hin, das Tagwerk ist vollbracht, er ist glücklich, mit seiner Stimme Arbeit dem Schicksal wahrer Malocherei entronnen und Teil des großen Spiels namens Rock-Kapitalismus geworden zu sein. Und doch kann Scott den geistigen Blaumann nicht abstreifen - ein Bild, das all die rebellischen Bühnenposen entlarvt, noch bevor sie im postmodernen Ironierausch endgültig zur Zitat-Hampelei verkamen.

Und so ist dieses Buch letztlich auch ein Trost. Wer noch immer verwegenen Rockstar-Träumen seiner Jugend nachtrauert, sollte es vor dem Zubettgehen durchblättern, es schließlich auf den Nachtisch legen, neben das Foto von Oma und Opas Goldener Hochzeit vielleicht - und dann beruhigt einschlummern: So geil wär's Rockerleben ja auch nicht geworden.


Hannes Schmid: "Rockstars", Edition Patrick Frey, 200 Seiten, 99 Euro.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
retmar 16.01.2010
1. ....
Zitat von sysopMit rein ins Schlafzimmer, abdrücken aber nur, wenn sich niemand nackig macht - so etwa lässt sich die Strategie des Rock-Fotografen Hannes Schmid beschreiben. Der Schweizer tourte mit vielen Musik-Größen und zeigt mit seinen Bildern, wie bieder ein Leben als Star aussehen kann. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,671452,00.html
Gute Güte! Wer hat sich denn diese dämlichen Texte der Fotostrecke ausgedacht? Der Rohrkrepierer schlechthin ist der "NPD-Ortsvorsitzende von Dessau". Witzischkait kennt kain Bardonggg? Das Kraftwerkfoto gefällt mir gut.
Ronald Dae 16.01.2010
2. Keine Charakterbilder
Es ist schön zu sehen, wie Stars hinter der Bühne aussehen oder im Moment der privater Unbefangenheit. Ich finde es allerdings sehr schade, dass die Fotos aus künstlerischer Sicht kaum einer Prüfung stand halten. Die Aufnahmen haben eher eine "Passbild-Knipser"-Qualität, nur wenige haben eine brauchbare Figur-Grundbeziehung und achten auf formale Kriterien, wie den Goldenen Schnitt oder das Licht. Schade, denn die Protagonisten bieten sicher viel mehr Potential für eine spannende Bildokumentation. Von anderen Fotografen, die in der Vergangenheit Stars portraitiert haben, sind wir hier meilenweit entfernt (Leibovitz, Rakete etc.). Möglich, das Publikum ist heute anspruchsvoller, möglich auch, die Technik macht es heute einfacher. Den Charme der 70ies/80ies fangen die Bilder jedoch gut ein, denn damals war vieles eben angenehm "unperfekt". Ich biete selber Portraitfotografie an und wer sich ein Bild machen möchte von diesem Autor und seiner Kritik, der surft hier hin: http://www.daedalus-v.de
rivi 16.01.2010
3. Der Fotograf macht das Bild, nicht das Motiv
Wenn die Bilder letzlich bieder und provonziell wirken, ist es viel mehr die Frage, inwiefern der Fotograf hier seine eigene Persoenlichkeit projiziert. Da der Artikel das Schweizertum des Fotografen explizier thematisiert: Es koennte durchaus daran liegen, dass der Fotograf einer Nation angehoert, die eher nicht feur ueberschaumendes Naturell beruehmt ist.
contraithanhpho 16.01.2010
4. langeweile macht sich breit
Wow, das sind mal echt laaaaangweilige Bilder von beruehmten Leuten. Mit ausnahme des Kraftwerkfotos, und das Bild von Frau Faithful ist auch interessant.
rivi 16.01.2010
5. Wohl wahr
Zitat von Ronald DaeEs ist schön zu sehen, wie Stars hinter der Bühne aussehen oder im Moment der privater Unbefangenheit. Ich finde es allerdings sehr schade, dass die Fotos aus künstlerischer Sicht kaum einer Prüfung stand halten. Die Aufnahmen haben eher eine "Passbild-Knipser"-Qualität, nur wenige haben eine brauchbare Figur-Grundbeziehung und achten auf formale Kriterien, wie den Goldenen Schnitt oder das Licht. Schade, denn die Protagonisten bieten sicher viel mehr Potential für eine spannende Bildokumentation. Von anderen Fotografen, die in der Vergangenheit Stars portraitiert haben, sind wir hier meilenweit entfernt (Leibovitz, Rakete etc.). Möglich, das Publikum ist heute anspruchsvoller, möglich auch, die Technik macht es heute einfacher. Den Charme der 70ies/80ies fangen die Bilder jedoch gut ein, denn damals war vieles eben angenehm "unperfekt". Ich biete selber Portraitfotografie an und wer sich ein Bild machen möchte von diesem Autor und seiner Kritik, der surft hier hin: http://www.daedalus-v.de
Wohl wahr. Ich habe mit die Gallerie vor einigen Stunden angesehen. An nur zwei Bilder erinnere ich mich (was fuer mich, noch vor formalen Kriterien, das wichtigste fuer ein gelungenes Bild ist): Faithfull und Motörhead; weil beide Bilder Emotion evozieren, waehrend die anderen auch motivisch schnappschussartig geknipst wirken. Fuer Bilder, die der Fotograf der Veroeffentlichung in einem Buch wuerdig hielt eine ziemlich magere Ausbeute.
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