"Rocky"-Premiere in Hamburg: Die Nase hält's aus

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Lange Trainingsphase, dann ab in den Ring: Das Boxer-Musical "Rocky" hatte in Hamburg Weltpremiere auf der Reeperbahn. Die Konkurrenz der Singspiele ist hart, aber dieses Fighter-Epos kann gewinnen. Sicherer Punktsieg dank ausgefeilter Technik. Das gefiel auch Star-Gast Sylvester Stallone.

Musical in Hamburg: Rocky an der Elbe Fotos
Stage Entertainment/ Morris Mac Matzen

Bewegung ist alles, Stillstand ist Tod. Wer nur herumsteht, den schickt das Leben auf die Bretter, wer den Kampf annimmt, seinen Rhythmus findet, seine Chancen nutzt, der steht am Ende als Sieger da. Das ist die ebenso schlichte wie effiziente Botschaft des "Rocky"-Epos aus dem Kino, und genau diese Weisheiten hat sich das Regie-Team der neuen Hamburger Musical-Produktion über den Underdog-Mythos zunutze gemacht. Fast immer bewegt sich etwas auf der Bühne, von oben, von der Seite, Wände, Rampen, Lampen, Projektionen und TV-Bildschirme, ganze Zimmer. So gut die quirligen Darsteller ihren Part auch beherrschen, der eigentliche Star dieses Abends ist die effektvolle Bühne (genial erdacht von Chris Barreca), die alles Geschehen reflektiert und den Sängern den Rhythmus angibt: dafür volle Punktzahl.

Zum tosenden Finale vom neuen Hamburger "Rocky"-Musical müssen sich sogar die Zuschauer der ersten Reihen bewegen und mal eben die Bühne stürmen. Sie werden zum Teil des Fights, denn der Ring, in dem Rocky Balboa und Apollo Creed ihren Showdown erleben, schiebt sich dramatisch ins Parkett. Zusammen mit einem brachialen Licht- und Soundgewitter, rot-weiß-blau-amerikanisch, gemixt aus allen "Rocky"-Filmen, fetzt der Kampf in gekonnter Zeitraffertechnik über die Bühne, pardon, durch den Ring. Sogar spektakuläre Stop-Motion- und Zeitlupen-Effekte, die an Martin Scorseses "Wie ein wilder Stier" erinnern, finden sich wieder. Alles ist in diesem "Rocky". Aber so, wie sich der Held mit seinem Leben und seiner Liebe anfangs schwertut, muss auch das Musical erstmal in Schwung kommen. In den ersten Runden hängt die Handlung noch bleischwer in den Seilen.

Zu viel Tempo

Denn das Leben von Rocky Balboa als mittelmäßiger Boxer in Philadelphia ist trist. Keiner glaubt mehr recht an ihn, sogar seinen Spind im Box-Gym wird er an einen Jüngeren los, Geld verdient er nur als Schuldeneintreiber für einen schmierigen Gangster. Eine Ausweglosigkeit und Trägheit des Daseins, die sich im Film einfacher als auf der Bühne einfangen lässt. Drew Sarich, der US-amerikanische Darsteller des Musical-Balboas, erweist sich hier als Glücksgriff, denn während das Publikum seine linkische Körperhaltung, seine schwerfällige Stimme, seine Traurigkeit langsam aufnimmt und mit dem bekannten "Rocky"-/Sylvester-Stallone-Bild abgleichen will, sind diese ersten Klippen der Dramaturgie schon fast überwunden. "Die Nase hält noch", das simple Song-Resümee seines Lebens, rührt durchaus. Der Bühnen-Rocky ist flugs angenommen, denn fast hat man den Eindruck, Drew Sarich parodiert seinen Helden ein wenig, was eben seine Art der Bewegung ist. Als er die ersten Lacher hat, ist der Fight mit dem Boxer-Mythos schon auf gutem Weg.

Die Szenenwechsel zwischen engen Wohnungen, weiten Boxhallen und der Businesswelt des etablierten Champions Apollo Creed gewinnen an Fahrt, sogar Rockys Liebesgeschichte mit der schüchternen und mauerblumenschlichten Adrian Pennino aus der Zoohandlung bekommt Schwung. Auch Rockys Beziehung zu ihrem Bruder, dem Schlachthofarbeiter Paulie (Patrick Imhof), wird schnell gezeichnet. Die vor der Premiere bereits in der Presse thematisierten Rinderhälften (aus Hartgummi natürlich), an denen Rocky seine Rechte trainiert, rauschen geschwind ins Bild, verschwinden wieder, das Spiel gewinnt an Tempo. So viel Tempo, dass am Abend der Medienpremiere die Handlung kurz unterbrochen werden muss. Es wird klar: In diesem Uhrwerk darf kein Rädchen wackeln.

Die Hits müssen helfen

Rocky und Adrian (anrührend und stimmkräftig: Wietske van Tongeren) sind längst ein Paar, als ihre Beziehung durch das Titelkampf-Angebot des Weltmeisters Creed befeuert wird. Den gibt der perfekt gewählte Sänger, Tänzer und Schauspieler Terence Archie mit eleganter Verve und exzellentem Boxer-Body. Seine Songs, professionell gemixt aus Reminiszenzen an Curtis Mayfield, Isaac Hayes und Phillysound (allerdings ohne Geigen), gehören zu den witzigen Highlights.

Ansonsten verlässt sich die Musical-Music (Stephen Flaherty/Songs und Lynn Ahrens/Texte) auf bewährte Singer-Songwriter-Americana. Vieles klingt nach Jackson Browne, James Taylor, Bruce Hornsby oder Randy Newman, gewürzt mit harten Beats. Nichts wirklich Innovatives, aber solide US-Musical-Kost. Und natürlich geht es nicht ohne die zwei Trumpfkarten aus den "Rocky"-Soundtracks: Titel-Thema und "Eye Of The Tiger". Zum Start des zweiten Teils nach der Pause muss dann auch gleich der hypnotische Tigersong ran, als ein ganzes Ballett von Rockys dazu trainiert, läuft, boxt. Das Publikum hat Rocky Sarich zu dieser Zeit längst auf seiner Seite. Als die bekannte Film-Treppe hereingefahren wird (Bewegung, Bewegung!), die er sieghaft am Ende der Trainingseinheit erstürmt, liegt ihm der Saal schon selig zu Füßen. Jetzt muss man den Sieg nur noch nach Hause bringen.

Näher ran an den Rocky!

Das geschieht dann mit der spektakulären Ring-Inszenierung unter Mithilfe des Publikums. Noch näher ran an diesen "Rocky": Die Regie hat da schon die richtige Nase gehabt, wie die gesamte Produktion eben Broadway-Flair und vor allem Perfektion atmet. Die Musiker (sichere Leitung von Berhard Volk) im Orchestergraben ebenso wie das Team rund um die Hauptdarsteller, auch wenn diese manchmal etwas mit den deutschen Texten kämpfen. Macht aber nichts, denn alle verfügen über achtbare Musicalstimmen, die auch die melodramatischen Stellen überzeugend meistern. Diese Balladen überzeugen weniger als die überschäumenden Uptempo-/Dance-Nummern, die aus dem Fundus der 70er-Jahre-Disco-Tracks schöpfen, was für Ensemble-Szenen glitzerndes Rampen-Futter liefert.

Als das Vorpremieren-Publikum am Schluss lautstark jubilierte, kletterte auch Stargast und Mitproduzent Sylvester Stallone gerne in den Ring und lobte freudig bewegt das Team. Das konnte er auch mit Fug und Recht, denn das Urteil der Fans tönte einstimmig: Wer Musicals mag, wird diesen "Rocky" lieben. Auch wenn die Musik einen nicht unbedingt umhaut.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1. Rocky III
Peter_Lublewski 18.11.2012
Dann lieber noch einhundert Mal die Rocky-Filme bis Teil III einschließlich - aber bitte nicht als Musical :-)
2. Rocky, und dann?
Käptn Blaubär 18.11.2012
Schauspieler die sich singend auf die Glocke hauen finde ich super. Wie wäre es als nächstes mit "Apocalypse Now"?
3. genau,
maximus100 18.11.2012
Zitat von Käptn BlaubärSchauspieler die sich singend auf die Glocke hauen finde ich super. Wie wäre es als nächstes mit "Apocalypse Now"?
oder Rambo. So einen Terz um diese peinlichen Filme. Aber das RTL Musical "Babera Salesch"ist glaub ich schon in Arbeit.
4. Loser
bikenstrings 18.11.2012
Zitat: "Drew Sarich, der US-amerikanische Darsteller des Musical-Balboas, erweist sich hier als Glücksgriff" ALLE deutschen Schauspieler sind Loser, klar nä.
5. Und wer hat am besten ausgeteilt?
ehf 18.11.2012
Zitat von sysopDas gefiel auch Star-Gast Sylvester Stallone.
Richtig, Sylvester Stallone mit seinem grandiosen Haken gegen das Kinn des Deutschen Fernsehens, hier namentlich Beckmann. Er fragte, ob die Deutschen Geld dafür erhalten, sich solchen langweiligen Müll anzusehen. Klasse Fight!
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