Alice Schwarzer über Ronan Farrow "Sie haben das Fundament der Macht ins Wanken gebracht"

Er hat mit seinen Recherchen zu Harvey Weinstein der #MeToo-Bewegung zum Aufstieg verholfen: Dafür wurde der US-Journalist Ronan Farrow beim Deutschen Reporterpreis geehrt. Die Laudatio von Alice Schwarzer dokumentieren wir hier.

Schwarzer und Farrow:
Reporter Forum / Daniel Wolcke

Schwarzer und Farrow:


Dear Ronan Farrow,

es ist mir eine Ehre, Ihnen den Reporterpreis für investigativen und mutigen Journalismus zu überreichen. Und ich freue mich über die klarsichtige Entscheidung der Jury. Auch ich kenne niemanden auf der Welt, dem ich heute diesen Preis lieber übergeben würde.

Als Sie im Oktober letzten Jahres, nach vielen Hürden, letztendlich im New Yorker die Ergebnisse Ihrer Recherchen über den mächtigen Filmmogul Weinstein veröffentlichten, da mussten Sie mit einem gewaltigen Skandal rechnen. Schließlich waren die Übergriffe, war die sexuelle Gewalt von Weinstein seit Jahren in der Branche ein offenes Geheimnis - ganz wie im Fall des Politikers Dominique Strauss-Kahn - und war das nicht der erste Versuch, es öffentlich zu machen.

"Sie sind enormen Drohungen ausgesetzt"

Aber Sie waren der Erste, der es nach einem Jahr Recherche geschafft hat, gleich 13 Frauen zum Reden zu ermutigen und das Ergebnis in "eine journalistisch und juristisch wasserdichte Form" zu gießen, wie die Jury betont. Seither haben laut Recherche der New York Times in den vergangenen zwölf Monaten 960 Opfer ihr Schweigen gebrochen und rund 200 Täter ihre Stelle verloren. Allein in Amerika. Mehr noch: Die MeToo-Bewegung hat die ganze Welt erfasst. Und Sie haben das ausgelöst.

Das war alles andere als einfach. Sie waren und sind, ganz wie die Opfer, enormen Einschüchterungen und Drohungen ausgesetzt. Sie mussten zeitweise sogar untertauchen. All das haben Sie in Kauf genommen. Was kein Zufall ist. Sie sind der Sohn von Mia Farrow und Woody Allen - Sie wissen, wovon Sie reden. Sie haben noch eine Rechnung offen: eine Rechnung mit einer Gesellschaft, die wegsieht; eine Rechnung mit einer Justiz, die täterfreundlich ist - und eine Rechnung mit den Medien, die ihre Wächterfunktion lange nicht angemessen wahrgenommen haben.

Als Sie den Skandal öffentlich machten, waren Sie 30 Jahre alt. Doch Sie wissen seit Ihrem fünften Lebensjahr, worum es geht bei der sexuellen Gewalt zwischen mächtigen Männern und Abhängigen. Erst jüngst haben Sie erklärt: "Meine Familien-Erfahrung hat mich zu jemandem gemacht, der den Machtmissbrauch von Kindesbeinen an verstanden hat."

"Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist das fundamentalste Machtverhältnis"

Mit Ihrem Angriff auf die sexuelle Gewalt im Berufsbereich, also ebenfalls zwischen Abhängigen, haben Sie das Fundament der Macht ins Wanken gebracht. Denn der Kern aller Machtverhältnisse ist immer die Ausübung oder Androhung von Gewalt. Das ist zwischen Völkern so, zwischen Klassen, Ethnien oder Religionen - und auch zwischen den Geschlechtern. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist das fundamentalste Machtverhältnis zwischen Menschen, auf ihm bauen alle anderen Hierarchien auf.

Seit Ihrem 22. Lebensjahr sind Sie Anwalt, seither auch Journalist und Politikberater, unter anderem von Hillary Clinton und Barack Obama. Jüngst haben Sie ein Buch über "Das Ende der Diplomatie" veröffentlicht. Darin kritisieren Sie kenntnisreich die Strategie der Vereinigten Staaten, in Konfliktsituationen nicht zu verhandeln, sondern bewaffnet zu intervenieren. Krieg als Lösung. Doch dieser Krieg beginnt nicht auf dem Schlachtfeld. Er beginnt in Kinderzimmern und Schlafzimmern; in Filmstudios, Büros und Fabriken.

Wie Sie wissen, haben wir Feministinnen in den 70er Jahren begonnen, die sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder öffentlich zu machen. Anfang der 80er Jahre haben dann Amerikanerinnen erstmals das sexual harassment im Beruf angegriffen. Es sollte noch fast 40 Jahre dauern, bis die Bombe platzte.

Die Welt ist klein. Weinstein war auch Produzent von Woody Allen. In dem Zusammenhang haben Sie scharfe Kritik an den Medien geübt: "Die Old-School-Medien haben dazu beigetragen, eine Kultur der Straflosigkeit und des Schweigens zu schaffen", haben Sie beklagt. Sie sind angetreten, das zu ändern. Und Sie treffen hier auf Kolleginnen und Kollegen, die das ebenfalls ändern wollen.

Was im Fall von sexueller Gewalt besonders schwierig ist. Oft steht Aussage gegen Aussage. Und der mutmaßliche Täter muss das mutmaßliche Opfer unglaubwürdig machen, will er sich selber reinwaschen.

Denn die Reinwaschung von Tätern kann bei Sexualverbrechen immer nur auf Kosten der Opfer gehen. Das besorgt inzwischen für vermögende Angeklagte ein regelrechter Erwerbszweig: die Litigation PR. Dabei arbeiten manche Anwälte, Werbefachleute und Journalisten zusammen.

Auch Ihre Schwester Dylan ist ein Opfer der Litigation PR. Seit ihrem sechsten Lebensjahr versichert sie immer wieder, ihr Vater habe sie vielfach missbraucht. Der hatte schon vor dem Eklat die richterliche Auflage, sich wegen seines "unangemessenen Verhaltens" gegenüber seiner Tochter therapieren zu lassen sowie ein eingeschränktes Umgangsrecht: Er durfte mit dem Kind nicht allein sein. Es ist trotzdem passiert.

Damals war es nicht - wie vielfach kolportiert - Ihre Mutter, die Woody Allen angezeigt hat, sondern der Kinderarzt. Der war alarmiert über die "offensichtlichen Anzeichen für Missbrauch". Es gibt in den USA ein Gesetz, das Ärzte verpflichtet anzuzeigen. Es gab auch Augenzeugen, darunter der Babysitter. Und der ermittelnde Staatsanwalt erklärte, es gäbe einen "hinreichenden Verdacht zur Anklage", doch er wolle dem "zerbrechlichen, kindlichen Opfer" den Stress eines Prozesses ersparen.

Trotzalledem haben die Medien, manche bis heute, so getan, als könne man die Wahrheit nicht wissen.

Sie, der einzige leibliche Sohn unter den zehn Kindern des Paares, haben sich früh und öffentlich von Ihrem Vater losgesagt. Doch Sie haben gleichzeitig Ihrer Schwester Dylan, die beinahe an den Folgen zerbrochen wäre, lange geraten, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn Sie befürchteten, dass keiner ihr glauben würde - und sie nur noch mehr zerschmettert würde. Mit Grund. Dylan ist vor zwei Jahren erstmals wieder an die Öffentlichkeit gegangen - zum Zeitpunkt Ihrer Recherche.

Sie haben einmal gesagt: "Ich schäme mich dafür, Dylan zum Schweigen geraten zu haben."

Sie müssen sich nicht mehr schämen, Ronan. Sie haben tausende Frauen in der ganzen Welt ermutigt, endlich zu reden. Sie haben die Omerta gebrochen.

Dear Ronan, dafür danken wir Ihnen.

Alice Schwarzer



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.