Demenz "Eine Scheißkrankheit"

Liebe im Pflegeheim: Luk Perceval inszenierte am Wiener Burgtheater die Geschichte eines alten Mannes, den die Gesellschaft längst abgeschrieben hat.

Schauspieler Tobias Moretti als Désiré/Romeo (vorn)
Reinhard Werner/ Burgtheater Wien

Schauspieler Tobias Moretti als Désiré/Romeo (vorn)


Meine Mutter war dement. Es begann so harmlos und eines Tages sprach sie mich mit dem Namen meines verstorbenen Vaters an. Irgendwann bevölkerten imaginäre Menschen ihre Wohnung, am Tag und nachts, mit denen sie sich ohne Furcht gut vertrug und unterhielt. Sie verirrte sich in den ihr bekannten Straßen und später im Heim wollte sie ständig nach Hause, wo immer das lag in ihrer Vorstellung, in die wir nicht blicken konnten. Dann erkannte sie mich nicht mehr. Sie war körperlich gesund und im Stuhlkreis sang sie widerspenstig die alten Volkslieder mit. An einem Morgen hatte sie keine Lust mehr auf dieses Leben, das sie nicht mehr verstand. Sie starb sehr einfach, ohne Mühe und Schmerzen. Wir waren traurig und sagten: so ist es das Beste für sie. Ob wir recht hatten, wussten wir nicht.

Solche Geschichten kennt heute jeder. Die rätselhafte Krankheit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, ist eine Volkskrankheit.

Nun hat sich der aus Belgien stammende Regisseur Luk Perceval bei seinem Debüt am Wiener Burgtheater der Geschichte eines dementen Mannes angenommen und sie in ruhige, betont würdige Bilder gefasst. Als Grundlage diente ihm ein sprachlich dürftiger schmaler Roman des flämischen Autors Dimitri Verhulst, der seine konstruierte Story gleich komplett in den Titel presste: "Der Bibliothekar, der lieber dement war als zuhause bei seiner Frau". Désiré hat eine Gattin, die ihm mächtig auf den Geist geht, also beschließt er sonderbar zu werden; er macht bewusst alles falsch, was sofort zu einer Alzheimer-Diagnose führt. Mit der vorgetäuschten Krankheit lebt er relativ zufrieden im Heim, macht sich über andere Insassen lustig, trifft auf eine alte Jugendliebe, die ihn naturgemäß nicht mehr erkennt, und stirbt schließlich, nachdem er sich beim Vogelfüttern zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Das alles soll komisch sein, verweist aber eigentlich nur auf das umfassende Unvermögen des an der Ernsthaftigkeit des Themas scheiternden Autors.

Mariia Shulga als Rosa
Reinhard Werner/ Burgtheater Wien

Mariia Shulga als Rosa

Luk Perceval geht es um unseren Umgang mit dem Alter

Zum Glück nimmt Perceval das Buch nur als Gerüst für seine Bühnenversion, die er "Rosa oder Die barmherzige Erde" nennt. Die Erzählung verschränkt er zudem mit Shakespeare, was einen ziemlich schönen und anrührenden Sinn macht: Désiré, der bei Perceval die Demenz nicht vortäuschen muss, sondern wirklich hoffnungslos krank ist, erlebt in seinem Innersten die verkorkste Liebe zu seiner Rosa noch einmal als die Tragödie von "Romeo und Julia". Über die Zeiten und die Gewissheiten hinaus, unfähig, die Figuren aus dem Traum und der Wirklichkeit zu trennen, wechselt der alte Mann zum jugendlichen Liebhaber. Das Traurige, dass sie beide nicht zusammenkommen konnten, verspinnt sich in seinen abnehmenden Sinnen mit der Schönheit der Vorstellung vom Glück im Irgendwo. Da gehen die Alltagssprache, auch das Stammeln und das entsetzlich langsame Hervorkramen letzter Wörter aus den hinteren Gehirnwindungen in die Verse des Dramas über, vermischt sich der rüde Heim-Jargon mit der Poesie. Und während Désiré gerade noch ein Häufchen Elend und Spielball der Pfleger war, ist er im nächsten Moment unendlich zart und mit der sanften Sprache des Liebenden ein fast Unberührbarer. Stolz macht ihn diese Liebe in Gedanken, und sie macht ihn stark gegen den schleichenden Niedergang seiner selbst, den er miterlebt, erleidet, nicht stoppen kann.

Es geht Luk Perceval bei diesem Zusammenspiel der zwei Stoffe auch um unseren Umgang mit dem Alter, um das Recht auf und die Sehnsucht nach echter Zuneigung, die sich nicht in pflichtschuldiger und teuer bezahlter Pflege ausdrückt. Und um die (Un-)Fähigkeit Abschied zu nehmen von einem wertvollen, schwierigen Menschen, den die funktionierende Gesellschaft längst abgeschrieben und abgeschoben hat. Der Belgier inszeniert das mit viel Zeit, mit Mut zu einer Stille, in der vielleicht das Nachdenken auch nicht mehr weiterhelfen kann, in der er aber diese Augenblicke des Ausatmens schafft: vielleicht ist ja ein Verstehen zwischen dem Kranken und seiner hilflosen Umwelt nur noch im Schweigen möglich?

Schauspielerin Sabine Haupt als Tochter Charlotte in einer Szene mit Tobias Moretti
Reinhard Werner/ Burgtheater Wien

Schauspielerin Sabine Haupt als Tochter Charlotte in einer Szene mit Tobias Moretti

Katrin Brack hat eine schlichte Arena aus hölzernen Stufen geschaffen, auf der zwölf alte Frauen den Abend über sitzen und liegen: sie sind als Insassen des Heims der "Vergißmeinnicht-Chor", der das Geschehen auf der Bühne verfolgt. Sie sind auch die Öffentlichkeit, vor der Désirés Frau den verzweifelten Kampf gegen den ihr zur Last fallenden Mann ("Inkontinenter Trottel") und gegen ihre eigene Ohnmacht austrägt (Getraud Jesserer); vor der seine Tochter Charlotte (Sabine Haupt) gegen die "Pflegefolter" und lebensverlängernde Maßnahmen poltert. Aber diese Figuren - das liegt schon auch an der dürren Vorlage, die keine Charaktere vorsieht - bleiben eher blass. Denn es ist dies die Stunde des Schauspielers Tobias Moretti.

Shakespeares Sätze lassen ihn Liebe spüren

Sein Désiré kommt schlurfend in kleinen Schritten daher, etwas nach vorn gebeugt mit der Vorsicht eines Menschen, der die Wege nicht (mehr) kennt. Versonnen fast, entrückt und entfernt in einer Welt ganz außerhalb der (be-)greifbaren, spricht er abgehackt und mit schmerzenden Pausen, wirr und mit einem verteufelt verschmitzten Lächeln; dann braust er auf, wie innerlich getroffen, empört und schreiend - sackt zusammen und verkriecht sich in seiner alten Hülle. Das Gefühl für seinen Körper mag ihm abhandengekommen sein, aber da sind diese Stimmen in seinem Kopf, die ihm noch erzählen können, die Momente, die ihn erinnern lassen, und da ist Shakespeare, aus dessen Sätzen er sich die Fragmente einer vergangenen Liebe zusammenkramen und nochmals, letztmals spüren kann - auch wenn um ihn herum niemand davon etwas ahnt.

Denn einsam ist dieser Désiré für die Ewigkeit und entsetzlich allein. Moretti spielt das mit ganz unspektakulärem Einfühlungsvermögen, sehr einfach und erschütternd. Und sehr ausweglos: "Eine Scheißkrankheit, diese Demenz", grummelt er trotzig.

Das dachte ich auch damals, als meine Mutter durch mich hindurchblickte...

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