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Rot-roter Gipfel bei "Anne Will": "Irgendein Teufel ist in Sie gefahren!"

Von Reinhard Mohr

Mal lächelt Oskar Lafontaine böse, mal gönnerhaft, mal kräuselt er staatsmännisch die Stirn. Bei Anne Will fand der Saarländer die perfekte Bühne, um das Schmierenstück von der historischen Wiederauferstehung der deutschen Linken zu inszenieren - eine Travestieshow.

Nur ganz selten wird er ein wenig lauter. Dann zündet er sein gut einstudiertes Zahlenfeuerwerk, ein politisches Zauberkunststück, dessen Clou in der immer gleichen empörungsschwangeren Mitteilung besteht: Der Staat könnte jährlich Hunderte Milliarden Euro mehr einnehmen, wenn Deutschland, das weltweit bekannte Steuerparadies, nur den europäischen Durchschnitt der Steuer- und Abgabenlast erreichen würde. Die Botschaft ist klar: Geld ist genug da, Geld für alle, es ist nur falsch verteilt.

Linke-Chef Lafontaine (l.) bei "Anne Will": Schnellkurs in Sachen Marxismus
NDR

Linke-Chef Lafontaine (l.) bei "Anne Will": Schnellkurs in Sachen Marxismus

So einfach ist das. Und es ist die flagrante Unfähigkeit der anderen Parteien, die komplizierten ökonomischen Zusammenhänge verständlich zu erklären, die es dem Chef der Linken so leicht macht, mit seinem märchenhaften Reader's-Digest-Sozialismus für Jung und Alt durchzukommen. Deshalb ist das Mantra des Dalai Lama von der Saar längst die Melodie, nach der alle anderen tanzen – selbst noch im polemischen Widerspruch. So auch gestern Abend bei Anne Will zum Thema "Alles auf rot – warum nicht mit der Linken?" Ja, warum eigentlich nicht? Wenn’s doch der Mehrheitsfindung dient ...

Dem bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein (CSU) fällt da auch nur ein, dass "Demokraten mit Extremisten nicht zusammenarbeiten" dürfen. Ansonsten verteidigt er, dass der Verfassungsschutz in allen Bundesländern außer Berlin die Linke beobachtet. Klaus Wowereit, SPD, Regierender Bürgermeister der Hauptstadt und Vorreiter des neuen sozialdemokratischen Kurses, braucht seinerseits nur zu bestätigen, was der apologetische Einspielfilm zuvor schon suggeriert hat: Niemand müsse Angst haben vor Rot-Rot, im Gegenteil: Die Linke sei alles andere als ein "Schreckgespenst" für die Wirtschaft. Sie ist ganz brav und hilft sogar noch mit bei der Sparpolitik des Senats. Außerdem "geht das Kapital sowieso nur nach Rendite, egal wer regiert".

Nach diesem Schnellkurs in Sachen Marxismus lobt selbst Lafontaine die Politik des rot-roten Senats, die er sonst schon mal als "neoliberal" kritisiert. Recht hilflos versuchte Wendelin von Boch, Aufsichtsratsmitglied von Villeroy & Boch, die rot-rote Erfolgsgeschichte in Sachen Haushaltskonsolidierung ein wenig zu trüben – doch sein allgemeiner Verweis auf den Schuldenberg Berlins in Höhe von 60 Milliarden Euro verpuffte in der Tiefe des Raumes.

Schon an diesem Punkt dürften viele Zuschauer erste Vorbereitungen fürs Zubettgehen getroffen haben, denn wieder einmal zeigte sich, wie schwach und konfus, wie plan- und ziellos Anne Wills sonntägliche Gesprächsrunden inzwischen über die vermeintlich schicke Showbühne gehen.

Galoppierender Verfall der SPD

Seltsam flach erscheint das alles, ohne Leidenschaft, Witz und Brillanz, ohne Pfeffer und ohne eine einzige, gar überraschende Einsicht. Nicht einmal ein roter Faden wird sichtbar, auch kein "rot-roter", und schon gar kein Versuch einer wirklichen Analyse.

Das politische Erdbeben, das sich derzeit vor allem innerhalb der deutschen Sozialdemokratie abspielt – keine Spur davon gestern Abend im Ersten. Das Drama des galoppierenden Verfalls der SPD, die der hemmungslos populistisch agierenden Linken mal hinterherhechelt, mal sich zwanghaft von ihr abgrenzt, geht in der lauen Dramaturgie der Talkshow unter, die vor lauter Einspielfilmchen, Umfragen und Sofagästen die entscheidende Sache verpasst.

Denn offensichtlich sind es gerade die historischen Erfolge der 125 Jahre alten SPD, die sie derart gnadenlos schrumpfen lassen, während ihre heroische – wer will: "revolutionäre" – Vergangenheit als historisch kostümierte Farce in Form der Linken wiederaufersteht. Eine ebenso tragische wie absurde Konstellation, die bittere Dialektik von Sieg und Niederlage. Geschichtsphilosophie, die weh tut.

Da hilft es auch nicht, ein Opfer der DDR-Diktatur aufs weiße Sofa zu bitten. Eva-Maria Neumann, 1977 nach einem Fluchtversuch im Kofferraum eines Autos zu eineinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, erinnerte noch einmal an jenen real existierenden Sozialismus, der weder etwas mit Freiheit noch mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hatte und dessen Verklärung heute noch in weiten Teilen der Linken betrieben wird.

"Jungkommunistin Angela Merkel"

Kein Problem für die Politprofis: Wowereit bedauert das "individuelle Schicksal" und verweist auf die "Realität" von heute, während Oskar Lafontaine, demagogisch versiert, die "Jungkommunistin Angela Merkel" aus dem Hut zaubert, die man ja inzwischen im Bundeskanzleramt auch wunderbar integriert habe.

Dass jeder zehnte Bundestagsabgeordnete der Linken mit akuten Stasi-Vorwürfen konfrontiert sei, bestreitet Lafontaine nicht einmal. Doch andere Parteien, namentlich die CDU, die die alten Blockparteien der DDR aufgenommen haben, hätten dieses Problem auch. Mehr noch: Die eigentlichen Verfassungsfeinde seien doch Innenminister Schäuble und Verteidigungsminister Jung, beide CDU: "Die werden wir im Saarland beobachten müssen, wenn wir die Wahl gewinnen."

Darauf freuen wir uns aber, und Günther Beckstein platzte dann doch noch der fränkische Stehkragen: "Reden's net so saudumm daher!" polterte er los und erinnerte an die alten DKPisten in der Linken. Der eine oder die andere dieser poststalinistischen Fossile träumt sogar schon wieder von einer neuen Stasi. Wie praktisch: Manch einer der alten Mielke-Leute befindet sich ja offensichtlich sowieso noch in der Telekom-Warteschleife.

Zur Abrundung des Ganzen wurde noch ein ehemaliges CSU-Mitglied vorgeführt, das jetzt für die Linke trommelt: ein echter Schweinfurter Bayern-Bazi, der im schwergängigen fränkischen Dialekt vom "großen Unrecht" spricht und die Abschaffung der Pendlerpauschale meint. Ansonsten ist er führendes Mitglied des örtlichen Haus- und Grundbesitzervereins. Auf die Frage, ob er Kommunist sei, fällt ihm lange nichts ein. Darüber müsste er wahrscheinlich noch einmal gründlich nachdenken.

Den grellen Schlusspunkt setzte dann doch noch Wendelin von Boch. Vehement attackierte er die derzeit vorherrschende "Larmoyanz auf hohem Niveau", die die "ungeheuerlichen" Erfolge der letzten zwei Jahre gar nicht zur Kenntnis nehmen will: steigendes Wirtschaftswachstum, sinkende Arbeitslosenzahlen und Deutschlands Entwicklung vom statistischen Schlusslicht zur ökonomischen Lokomotive Europas: "Lafontaine als saarländischer Ministerpräsident? Gott behüte!", lautete sein christliches Stoßgebet. An den Gottseibeiuns direkt gewandt fügte er hinzu: "Irgendein Teufel ist in Sie gefahren!"

Da konnte der Teufel nicht anders. Er musste wieder lächeln.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 591 Beiträge
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1. Die Jungkommuinisten Merkel
kellitom, 02.06.2008
Herr Lafontaine hat ganz richtig festgestellt, dass Frau Mekel früher Kasner ) in Moskau studierte, was nur Linientreuen vorbehalten war. Über Frau Merkel hört man wenig aus der Bithler Behörde gar nichts, obwohl es Fotos geben soll, die sie bei einer der zahlreichen Observationen des Anwesens von Havemann zeigt. Neu war auch die Information, dass der thüringische Ministerpräident Althaus Mitglied der SED war. Im Gegensatz zu Herrn Mohr fand ich die Sendung Anne Wills vom 1.6.08 sehr lebendig und informativ.
2. Persönliche Diffamierungen
Baikal 02.06.2008
Zitat von sysopMal lächelt Oskar Lafontaine böse, mal gönnerhaft, mal kräuselt er staatsmännisch die Stirn. Bei Anne Will fand der Saarländer die perfekte Bühne, um das Schmierenstück von der historischen Wiederauferstehung der deutschen Linken zu inszenieren - eine Travestieshow. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,557048,00.html
Wer journalistisch nicht mehr wechseln kann, muß eben seine Zuflucht in persönlichen Diffamierungen suchen. SWenn Lafontaine sich als mit Zahlen gut präpariert zeigt, ist das natürlich ein "politisches Zauberkunststück" und wenn die 60-Milliarden-Berlin-Schulden erwähnt werden, weiß der Autor natürlich nicht, daß zumindest die Hälfte davon aus der Garantie für die Berliner Landesbank resultiert, also von Diepgen und Landowsky stammen. Gut, daß >SPON dem Autor eine finanzielle Heimat bietet, sonst müßte der Steuerzahler für ihn aufkommen.
3. Ich weise mal wieder daruf
misterbighh, 02.06.2008
hin, das Oskar mehrmals darauf hingewiesen hat, dass eine Übernahme der Ex-DDR aus der Portokasse nicht möglich ist. Für diese Binsenweisheit wurde er dann nicht zum Bundeskanzler gewählt. Diese Weitsicht hatten führende Wirtschaftsexperten nicht. Es war Ihnen auch egal. Schließlich hatten einige mal wieder Super Geschäfte gemacht, die Allgemeinheit zahlt immer noch daran. z.B durch leere Rentenkassen. Schließlich wurde damit auch die Einheit bezahlt. Die Anpassung der Ostrenten mal eben auf so schnell wie möglich 1:1 bezahlten ja auch die Allgemeinheit und nicht die Konzerne. Aber niemand interessierte sich für diese Wahrheit. Die Gewinne blieben bei den Unternehmern, die Flops bei den Steuerzahlern. Vielleicht hören die Menschen Oskar jetzt mehr zu, denn seine Aussagen sind nicht dumm, sondern unbequem. Aber viel zu oft ungeliebt. Das Land in dem Mich und Honig fließt eben nicht für alle.
4. Blöd für Anne Will
lebowski, 02.06.2008
Pech, Frau Will! Dass Talkshowformat ist mit der Regierung Schröder gestorben. Sie haben aufs falsche Pferd gesetzt. Schröder ließ jede Woche eine politische Sau durchs Dorf treiben, über die dann bei Christiansen brav diskutiert wurde. Jetzt regiert Frau Merkel und die hält sich freundlicherweise aus der Tagespolitik heraus. Da gibt es keine Aufreger mehr. Dass übrigens niemand einem Mann wie Lafontaine Paroli bieten kann, sagt einiges über die Qualität unserer Politiker. Kein Esprit, kein Witz und vor allem keine Argumente. Nichts als armselige Verlautbarungsprosa.
5. was ...
performance22, 02.06.2008
Zitat von sysopMal lächelt Oskar Lafontaine böse, mal gönnerhaft, mal kräuselt er staatsmännisch die Stirn. Bei Anne Will fand der Saarländer die perfekte Bühne, um das Schmierenstück von der historischen Wiederauferstehung der deutschen Linken zu inszenieren - eine Travestieshow. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,557048,00.html
... genau meinen sie mit "schmierenstück" ...
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