S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Täter sind Täter sind Täter

Sind eigentlich alle verrückt geworden? Oder warum haben viele Angst davor, aus Gründen der politischen Korrektheit die Wahrheit zu sagen? Vergewaltiger sind Vergewaltiger - egal welche Religion sie haben.

Eine Kolumne von


Wo waren denn all die Kinderliebhaber zuerst, die "Kinder!"-Schreier, die Kinderüberwacher? Warum waren keine Reporterrudel vor Ort in Rotherham, warum stand der Bericht in meiner Zeitung auf Seite 12 und war zunächst nur eine kleine Nachricht in der Tagesschau?

Warum gab es nicht von Anfang an einen weithin vernehmlichen Aufschrei?

So unfassbare viele furchtbar versaute Leben, so viel Hilflosigkeit, dass sich eine dunkle Wolke über Rotherham bilden müsste, kein Hilferuf, keine Hilfe. Unfassbar die Unfähigkeit der vom Volk bezahlten Behörden, der MitarbeiterInnen in diesem mittelgroßen englischen Ort. Wie kann zum Beispiel die Angst, rassistisch zu gelten, größer sein als die Sorge um Kinder und Jugendliche, die natürlich nicht wichtiger sind als ältere Menschen, aber ausgelieferter.

Das Studium der Boshaftigkeit

Sind die Regierungen in Europa schon so gelähmt vor Angst vor bürgerkriegsähnlichen Unruhen, dass ihnen außer der ständigen Beschwörung der anzustrebenden Integration nichts einfällt? Sind alle verrückt geworden? Ich inklusive - und die Welt, die keiner mehr kontrollieren kann, die Welt, die aus Kriegsnachrichten und Terrormeldungen besteht, und auch in Europa wird es ungemütlich, das Grauen rückt näher, betrifft einen plötzlich.

Muss die Regierung in einer Demokratie ihre Bürger schützen oder sich aus politisch korrekten Gründen einnässen? Muss eine Regierung nicht ihre Bürger, gleich welcher Gruppe, welcher Religion, welcher Herkunft, schützen? Warum provozieren Juden mit einer Kippa, warum provoziert eine israelische Flagge, warum provozieren Frauen, die sich westlich kleiden? Warum und wann ist alles so in eine Schieflage geraten, und wie heißt die Schieflage genau?

Wann immer eine Kritik an Salafisten oder anderen Fundamentalisten in Europa erfolgt, kommt die Rede auf die Schuld des Westens. Und dann geißeln sie sich, teeren und federn sich. Warum kann man nicht sagen: Vergewaltiger sind Vergewaltiger, und Mörder sind Mörder, Terroristen sind Terroristen, egal welche Bullshit-Religion dafür verantwortlich gemacht wird? Oder die Hoffnungslosigkeit. Oder das Ausgestoßensein.

Täter verstehen, entschuldigen, ihnen verzeihen. Wer sind wir denn? Dass wir verzeihen können? Sind wir die Eltern Ermordeter? Das lange Studium der Boshaftigkeit hat zur Erkenntnis geführt, dass es Menschen gibt, deren eigene moralische Instanz so stark ist, dass sie nicht töten, anderen keinen Schaden zufügen - und Menschen, die keine Schranken kennen. Es ist vollkommen egal, ob sie Fundamentalisten, Nazis oder Irre sind.

Die Aufgabe des Staates ist, seine Bewohner vor den Irren zu schützen, und nicht, mit ihnen zu diskutieren. Hören wir auf, Menschen in seltsame Gruppen zu teilen, ihnen Eigenschaften aufgrund ihrer Religion oder ihres Hintergrundes, ihrer Sozialisation zuzuschreiben. Wir müssen lernen zu unterscheiden, wer seine Mitmenschen in Ruhe lässt - und wer sie tyrannisiert. Der wird bestraft. Ausgeschlossen, ausgelacht.

Dieser Plan ist noch verbesserungswürdig. Regierung, übernehmen Sie.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.