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RTL-"Dschungelcamp: Die Qual der Exe

Von Peer Schader

Das RTL-Dschungelcamp ist mit altbewährtem Rezept gestartet: Ex-Promis als Kandidaten, viel Schleimgetier und Lästereien - oft jenseits der Grenze des guten Geschmacks. Doch welche andere Sendung im Privatfernsehen legt schon so viel Wert auf Humor und Selbstironie?

Mitte der Woche ist der Schauspieler Günther Kaufmann gefragt worden, ob er sich jetzt noch mal was beweisen wolle, wenn er für zwei Wochen in den Dschungel gehe. Und Kaufmann antwortete fast empört: "Ich beweise mir gar nix. Ich war vier Jahre lang bei der Marine, auf der 'Gorch Fock', einem der härtesten Kommandos in der Ausbildung. Dann war ich drei Jahre unschuldig im Knast – ich weiß nicht, was Sie noch von mir wollen!"

Was sie noch von ihm wollten, das war: ein Abendessen.

Also ist Kaufmann gleich am ersten Tag von seinen neuen Teamkollegen zur Dschungelprüfung nominiert, am "Unglücksrad" festgeschnallt und durch Bottiche mit Krokodilen, beißwütigen Ameisen und stinkenden Fischabfällen gezogen worden. Darin sollte er nach den begehrten Sternen suchen, die symbolisch für eine Essensration stehen. Er hat sich nicht beschwert, seinen Job gut gemacht, nicht mal gejammert.

RTL kann nur hoffen, dass ihn die Zuschauer so schnell nicht mehr für Prüfungen auswählen. Was bringt denn ein Kandidat, der tapfer über sich ergehen lässt, was man ihm zumutet und dabei auch noch Witzchen macht? Das Publikum will Tränen! Streit! Eskalation! Oder etwa nicht?

Nun ja, im vergangenen Jahr hat es bei der dritten Staffel von "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" eigentlich auch ganz gut ohne ständige Rivalitäten funktioniert. Und dass das Moderations-Traumpärchen Sonja Zietlow und Dirk Bach sich jetzt, da die vierte Staffel angelaufen ist, darüber ein bisschen lustig macht, gehört dazu. Weil sich die beiden über alles lustig machen. Das ist der Job.

Exe in der Wald-WG

RTL hat wieder zehn Prominente überredet, zwei Wochen so zu tun, als seien sie im australischen Dschungel komplett auf sich allein gestellt – was angesichts des Personalaufwands, der für eine solche Sendung notwendig sein muss, ein bisschen albern ist. Ex-"Glücksrad"-Moderator Peter Bond ist dabei, Ex-"Marienhof"-Darsteller Michael Meziani, Ex-Millionärsgattin "Mausi" Lugner, Ex-Eisläufer Norbert Schramm – Sie wissen schon: alles Exe.

Und wenn es diesmal in der Wald-WG ein bisschen weniger zugehen würde wie in einem Pfadfinderlager, in dem alle mal am Joint gezogen haben, gäbe es vom Sender sicher keinen Einspruch. Sonst hätte zumindest die rüstige Schauspielerin Ingrid van Bergen Zuhause bleiben müssen, die sich prima mit der Kratzbürste anfreunden könnte, die Kaufmann als einen von zwei erlaubten Luxusartikel mit ins Camp nahm. Die 77-Jährige kennt ihre Stärken: "Ich weise Leute auf ihren Platz. Das ist wichtig in der Gruppe: dass jeder weiß, wo er hingehört."

Kein Wunder, immerhin hat van Bergen auch schon Knasterfahrung, aber das googeln Sie jetzt bitte wirklich mal selbst, sonst kommen wir hier zu gar nix.

Ein Heulsusenersatz für Ross Anthony, den vorjährigen Dschungelkönig, wäre auch schon gefunden: Den Job übernimmt in den kommenden 14 Tagen Lorielle London, die Dame, die bei "Deutschland sucht den Superstar" vor sechs Jahren noch als Lorenzo bekannt wurde, und sich seit einiger Zeit mit ständiger Kamerabegleitung zur Frau umoperieren lässt. Gleich zu Beginn gab es erste Reibereien, weil Lorielle Lästereien der Kandidaten untereinander ausplauderte. Dirk Bach war ganz aus dem Häuschen: "Wahnsinn. Die sind noch nicht mal aus dem Hotel raus, und es ist schon mehr passiert als in der letzten Staffel."

Über den ganzen Rest müssen wir jetzt nicht noch mal debattieren, oder? Also: dass in der Sendung ja Promis auftreten, die es offenbar bitter nötig haben. (War schon bekannt.) Und dass es ja wohl typisch für den Wertverlust in unserer Gesellschaft ist, wenn im Fernsehen Känguru-Anus verspeist wird. (Glauben wir nicht.) Oder dass das ja wohl die niederste Form der Unterhaltung sei, sich über erfolglose Ex-Stars lustig zu machen, die kaum was zu essen kriegen. (Stimmt nämlich nicht.) Die niederste Form der Unterhaltung läuft jeden Tag im regulären Programm, in Boulevardmagazinen und Doku-Soaps, nur machen die Sender dafür nicht so viel Promotion wie RTL für sein Dschungelcamp.

Strafsparschwein für Schwanz-Witze

Zugegeben: "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" ist die Show, für die man zwei Augen braucht: eines, mit dem man empört wegsehen kann, und das andere, um doch mal kurz hin zu spähen, was da Interessantes auf dem Bildschirm passiert. Denn dass da was passiert, steht außer Frage. (Und das ist gar nicht so selbstverständlich, wenn Sie schon mal drei Stunden "Chart-Show" mit Oliver Geißen in nüchternem Zustand miterlebt haben.)

So sehr es sich allerdings darüber streiten lässt, ob RTL mit seinen Ekelprüfungen die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet – dass er sich dabei größte Mühe gibt, ist unübersehbar: Kaum eine andere Sendung im deutschen Privatfernsehen ist so gut ausgestattet, keine andere Show legt so viel Wert auf Humor und Selbstironie, keine andere Sendung hat Moderatoren, die ihre Texte so schön auswendig können, dass sie sich jedes Mal wieder spontan anhören – selbst wenn nicht jeder Gag ins Schwarze trifft.

Witze über den Nachnamen von Model Nico Schwanz, der jetzt auch im Dschungel sitzt, sind in den vergangenen Tagen schon alle mögliche gemacht worden. Und weil RTL das weiß, machen Bach und Zietlow jetzt auch noch die unmöglichen. Und haben ein "Strafsparschwein" eingerichtet, um sich selbst auf die Finger zu klopfen.

Es ist herrlich zu sehen, dass sich das Fernsehen noch Mühe geben kann, ein Programm zu machen, über das am anderen Tag alle sprechen – und zwar nicht bloß, um festzustellen, wer als Erster in der Runde davor weggedöst ist. Dass das nur dann möglich zu sein scheint, wenn Kakerlaken und allerlei Schleimgetier involviert sind, diskutieren wir besser ein andermal.

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Forum - 25 Jahre Privatfernsehen - was waren die Höhe- und Tiefpunkte?
insgesamt 488 Beiträge
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1.
Taubenus 09.01.2009
Zitat von sysopMit RTLs neuer "Dschungelcamp"-Staffel und Kati Witts Diät-Casting zeigt sich das deutsche Privat-TV derzeit erneut von seiner miesesten Seite. Doch nicht alles war nur trashig in den letzten 25 Jahren: Was hat Ihnen von den Privaten gefallen?
Yeah! „Trashig“... . Tja, Generation VIVA :)
2.
DJ Doena 09.01.2009
Das letzte Mal, dass ich mit Begeisterung ÖRs geguckt habe, da liefen noch "Ein Colt für alle Fälle" und "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert" auf ihnen. Als ich über Weihnachten bei meiner Oma zu Besuch war, wusste ich dann auch wieder, warum ich keine ÖRs mehr gucke. Und seit ich mit DVDs und "Sturzbach TV" mein eigenes Programm machen kann, gucke ich auch die Privaten nur noch sehr selten. Wobei die Privaten immer noch als Trailermaschine funktionieren. Auf ihnen habe ich "24", "Lost" und "Smallville" kennengelernt und besitze diese jetzt auf DVD. Auch von "Dr. House" hab ich in den letzten Wochen mal ein paar Folgen gesehen, die mir gefallen haben, was mich verleitet hat, die erste Staffel vom Amazon UK für 13 Pfund (was ja nur noch 14 Euro sind) zu betsellen. Oftmals hängt das deutsche Fernsehen aber generell nur noch hinterher. Die "Battlestar Galactica"-Miniserie hatte ich schon zwei Jahre auf DVD, bevor RTL2 sie mal ausstrahlte. Von zwei meiner Lieblingsserien "Chuck" und "The Big Bang Theory" ist hier in Deutschland noch weit und breit nichts zu sehen.
3.
Peter Werner 09.01.2009
Ein Tiefpunkt sind die Auswirkungen auf den ÖR-Rundfunk. Dort hat man sich zumindest bei den beiden Hauptsendern das Erste und ZDF in der Hauptsendezeit dem Niveau der Privaten angepasst und sendet ebenfalls nur noch Seichtheiten. Höhepunkte? Nun, jeder nach seinem Geschmack. Eine solch herrlich politisch unkorrekte und selbstdemaskierende Sendung wie jetzt aktuelle mal wieder das Dschungelcamp hätte es ohne die Privaten nie gegeben.
4.
Peter Werner 09.01.2009
Zitat von DJ DoenaDas letzte Mal, dass ich mit Begeisterung ÖRs geguckt habe, da liefen noch "Ein Colt für alle Fälle" und "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert" auf ihnen. Als ich über Weihnachten bei meiner Oma zu Besuch war, wusste ich dann auch wieder, warum ich keine ÖRs mehr gucke. Und seit ich mit DVDs und "Sturzbach TV" mein eigenes Programm machen kann, gucke ich auch die Privaten nur noch sehr selten. Wobei die Privaten immer noch als Trailermaschine funktionieren. Auf ihnen habe ich "24", "Lost" und "Smallville" kennengelernt und besitze diese jetzt auf DVD. Auch von "Dr. House" hab ich in den letzten Wochen mal ein paar Folgen gesehen, die mir gefallen haben, was mich verleitet hat, die erste Staffel vom Amazon UK für 13 Pfund (was ja nur noch 14 Euro sind) zu betsellen. Oftmals hängt das deutsche Fernsehen aber generell nur noch hinterher. Die "Battlestar Galactica"-Miniserie hatte ich schon zwei Jahre auf DVD, bevor RTL2 sie mal ausstrahlte. Von zwei meiner Lieblingsserien "Chuck" und "The Big Bang Theory" ist hier in Deutschland noch weit und breit nichts zu sehen.
Ging mir über Weihnachten Ähnlich als ich bei meinen Eltern zu Besuch war... ... einfach nur grauenhaft was da zur besten Sendezeit präsentiert wird.
5. Monty Python bei SAT1
Der Markt, 09.01.2009
Die Privaten sind eigentlich durchweg unerträglich. Dankbar war ich allerdings, als in den frühen 90ern - ich glaube von SAT1 - die original Monty Pythons-Episoden mit deutschen Untertiteln ausgestrahlt wurden. Ansonsten sind derzeit eigentlich nur "Switch Reloaded" und "Doktor House" sehenswert. Ich habe jedenfalls das Gefühl, daß die Massenverblödung gezielt von oben gesteuert wird.
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