RTL-Dschungelcamp: Quotenfest der Quotenleichen

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Willkommen im RTL-Dschungelcamp: Das B-Promi-Spiel um Fressen und Gefressenwerden hat begonnen. Millionen sahen zu, als Barbara Herzsprung Lisa Bund bemutterte, Eike Immel alle Schmerzen unterdrückte und Gina Wild endlich mal Nein sagen lernen wollte - TV-Trash auf Spitzenniveau.

Bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz zeigte man sich besorgt um die Umwelt. Der erfolgreiche Schauspieler Michael Mendl forderte in Sabines Christiansens Show "Mein 2008" in der ARD mehr ökologisches Bewusstsein und erzählte von eigenen Erweckungserlebnissen im Regenwald, die ihn die Schönheit unserer Erde hätten spüren lassen.

Zeitgleich konnte man Zeuge werden, wie bei RTL eine Reihe von Mendls weniger erfolgreichen Kollegen in den australischen Dschungel eskortiert wurde.

Dass den zehn Aussätzigen ähnlich erbauliche Naturereignisse zuteil werden, ist eher unwahrscheinlich. Trotzdem, die Macher der Lagershow demonstrieren auf ganz eigene Weise ein erstaunlich hohes ökologisches Bewusstsein: RTL sammelt den zum Großteil selbst produzierten Medienmüll ein – und führt ihn der televisionären Wiederverwertung zu. Schon in den ersten beiden Staffeln klappte das ganz gut.

Denn so wie aus einem alten Joghurt-Becher nach dem Recycling eine schicke Parkbank wird, so verwandelte sich etwa die abgehalfterte Moderatorin Caroline Beil durch den Dschungeleinsatz vorübergehend zum Medienstar. Zugegeben, Beil flogen bei ihren Urwald-Intrigen nicht ungedingt die Herzen der Zuschauer zu. Aber dafür gab es riesige Resonanz.

Das ist für einen Medienmenschen ein wunderbarer Liebesersatz.

Mutter-Rolle und deutsche Tugenden

Und nach Liebesersatz, nach Anerkennung um jeden Preis, nach Wiedereingliederung in den Fernsehbetrieb gierten auch die meisten der zehn Kandidaten, die RTL gestern Abend im Dschungelcamp einquartierte. Die ruhmreichen Tage, wenn es sie denn je gab, liegen bei den meisten schon etwas länger zurück. Vor dem Einzug ins TV-Camp sinnierten sie zu ihrer Ankunft in Australien im Luxushotel bei Sekt und Fingerfood noch einmal über ihre Hoffnungen und Sehnsüchte.

Der 68-jährige Gelegenheitsbarde Bata Illic zum Beispiel äußerte in seinem wunderbaren serbischen Dialekt den Wunsch, "deutsche Tugenden" im Lager zu Entfaltung bringen zu können. Die ehemalige Schauspielerin Barbara Herzsprung indes, die sich gerade unter viel öffentlichem Bohai von ihrem Mann getrennt hat, sucht im Urwald nach neuen familiären Herausforderungen: "Ich liebe die Mama-Rolle."

Das Ziel ihrer mütterlichen Fürsorge gab Herzsprung denn auch gleich an: Lisa Bund, einstige "Deutschland sucht den Superstar"-Teilnehmerin. Die hatte ihrerseits noch etwas in der Öffentlichkeit richtig zu rücken: "Ich bin gar nicht die Superzicke, für die mich alle bei 'DSDS' gehalten haben", sagte die erfolglose Sängerin - die mit ihren Ambitionen nicht hinterm Berg hält. "Ich hoffe natürlich auch, dass die ganze Sache meiner Karriere gut tut."

Das ist ja das Erstaunliche an "Ich bin ein Star – holt mich hier raus": Obwohl hier ausschließlich Ex-Prominente versammelt werden, scheint keiner der Beteiligten Probleme mit dem Selbstbewusstsein zu haben – am allerwenigsten natürlich DJ Tomekk. Der "Bravo"-B-Boy stellte sich dem Publikum mit den Worten vor: "Ich bin gerade 30 geworden und habe zweieinhalb Millionen Platten verkauft." Im Moment aber, das verschwieg DJ Tomekk bei seiner Hymne auf sich selbst, läuft das Geschäft ein wenig schleppend.

Zynische Späße

Mit "Ich bin ein Star – holt mich hier raus" beginnt für alle Kandidaten ein Hoffen und Sehnen. Das grün umflorte Pritschenlager von RTL ist ja längst so was wie ein Paradies der Ungeliebten. Ein Quotenfest der Quotenleichen. 4,6 Millionen Menschen sahen zu, Marktanteil: 22,6 Prozent - ein besserer Start als in den beiden ersten Staffeln.

So bringt der zu den beiden ersten Staffeln als zynisch gebrandmarkte TV-Hit nur denkbar brutal die Aufmerksamkeitsökonomie des Fernsehens auf den Punkt. Wer hier mitmacht, kennt die Medienmühle und hat vorher für sich eine knallharte Kalkulation aufgestellt. Mitleid ist unangebracht, Häme erlaubt.

"Ich bin ein Star – holt mich hier raus" ist insofern TV-Trash auf Spitzenniveau. Das Spiel ums Fressen und Gefressenwerden folgt Regeln, die allen Teilnehmern ersichtlich sind – anders als bei der Container-Show "Big Brother" oder der Kuppel-Parade "Bauer sucht Frau", wo fernsehunerfahrene Mitmenschen vor der Kamera ausgestellt und verheizt werden.

Man muss die beiden Gastgeber Dirk Bach und Sonja Zietlow wirklich nicht mögen, um ihnen eine Professionalität zu bescheinigen, die man bei fast allen anderen RTL-Moderatoren vergeblich sucht. Sie heucheln nicht etwa auf sprachlich erbärmlichem Niveau Anteilnahme, sondern reflektieren mit bösem Witz den medialen Überlebenskampf der Öffentlichkeits-Profis. Gestern, als nur DJ Tomekk eine erste Übung zu absolvieren hatte, kommentierten sie den Einzug der Kandidaten, die vor dem Abflug ins schlammige Lager wie Knackis auf Schmuggelware untersucht wurden.

Geläuterte Gina

Dass es dabei recht abwechslungsreich zuging, dafür sorgte schon das Casting: Mit dem Boy-Group-Überlebenden Ross Antony hat man den hysterischen Jungspund in die Gruppe geholt, der bei jeder Gelegenheit irre rumkichert und mit seinem Teddybär Konversation macht, und mit dem Ex-Torhüter Eike Immel einen vernarbten Kerl, der jeden Schmerz schweigend wegdrückt. Von Schmerzen blieben die zehn Camper am ersten Tag verschont, aber das wird sich ändern in den nächsten Tagen. Wer weiß, welche Ekelspielchen sich die Zyniker hinter der Show diesmal ausgedacht haben.

A propos Spielchen: Natürlich fehlt auch nicht die Ex-Porno-Aktrice. Michaela Schaffrath erklärte vor der Abführung in den Dschungel, dass sie hier lernen wolle, auch mal nein zu sagen. Eine Fähigkeit, die ihr in den Filmen, die sie unter dem Künstler-Namen Gina Wild gedreht hat, immer fehlte, möchte man hinzufügen. Tatsächlich soll Schaffrath gerade das Angebot abgelehnt haben, für eine Gage von einer Million Euro einen letzten Porno zu drehen. Das spricht doch für Willensstärke.

Vergessen wir also in den kommenden 15 Tagen, wenn in der ökologisch unbedenklichen Recycling-Show vor laufender Kamera wieder reichlich Gewürm gekaut wird, bloß nicht: Hier speisen Menschen mit Prinzipien.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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1. Tv Trash
trafficante 12.01.2008
ständig regen sich die online redakteuere über niveaulose und abgrundtief schlechte fernsehshows auf.(zurecht) sei es über irgendwelche raabshows auf pro sieben,oder eben noch primitivere formate auf rtl (ich bin ein star...) dennoch sind sie immer wieder bereit sich diese shows anzutun,um dann auch noch ausführliche berichte darüber zu verfassen. mir ist es ein rätsel warum sie diesen schwachsinn nicht einfach ignorieren können und sich auf ihrer seite weitaus wichtigeren und interessanten themen widmen können. lächerliche und völlig belanglose boulevard themen sind nun wirklich keine SPIEGEL sache. schade,dass Sie sich trotzdem immer wieder auf dieses niveau begeben und sich die mühe machen darüber kommentare zu schreiben
2. B-Promis?
lage:egal 12.01.2008
Die angelichen "Promis" haben allenfalls den Status eines C- oder D-Promis. Das zeigt wie schwer es für RTL war für diesen Schwachfug ein paar (halbwegs) bekannte Namen zusammen zu bekommen. Zum Glück geht das Schauspiel maximal 2-3 Wochen und dann sind wir erlöst. Lustig bis albern fand ich schon die gestellten Fotografen vor dem Hotel als die "Promis" mit einer Stretch-Limousine vorgekarrt wurden. Nunja RTL eben...
3. Intetessant
twister, 12.01.2008
ist diese Sendung doch vor allem aus soziologischer Sicht. Man lotet die Grenze aus die Kandidaten, Zuschauer und am wichtigsten Werbekunden noch mitmachen. Und die ist noch lange nicht erreicht. Es wird immer wieder Menschen geben die für Geld alles machen. Zuschauer schalten immer ein wenn es um Tabubruch geht und Werbekunden schauen nur auf die Quote. Also Weg frei für pervers, perverser am perversesten.... Hätte man sich vor 10 Jahren vorstellen können dass die Telekom eine Sendung sponsort die Menschen auffordert Sachen zu essen die normalerweise nach einem Kammerjäger verlangen? Big Brother, und darüber hat man sich schon erzürnt als ginge die Welt unter, ist doch heute ein müder Witz in der Abstellkammer der Fernsehgeschichte. Die Grenze wurde verschoben. Der Kandidat wird an seine psychische und Ekel-grenze gechoben. Das hat schon was von Selbstverstümmelung. Die wird rein physisch wahrscheinlich auch noch folgen. Zieht einer in einer Prüfung nicht schnell genug die Hand zurück ist der Finger ab. Das wäre dann eine weitere Steigerung. Bild zeigt dann den Finger und eine Schöhnheitsklinik darf ihn dann unter viel Bohei wieder annähen. Sie halten das für Quatsch? Die Niederlande sind uns mal wieder voraus. Hier hat es schon eine Show von 3 nierenkranken Kandidaten gegeben die um eine Spenderniere buhlen mussten. Die Grenze ist dann wahrscheinlich dann in einem ultimativen Spiel auf Leben und Tod zu suchen. Am besten in einem Land das keine Rechtspflege kennt wie z.B. Afghanistan. 10 treten an und nur Einer überlebt. Sie glauben das nicht? Dann fragen Sie sich doch ob das Quote generieren würde und sie haben die Antwort.
4. Sehr unterhaltsam!
Günther_Glamsch 12.01.2008
RTL ist nicht mein bevorzugter TV-Sender, und das meiste Zeugs lehne ich dort ab. Aber beim "Dschungelcamp" bin ich immer wieder gerne dabei! Das ist Unterhaltung vom Feinsten! Es ist mir völlig egal, wer sich dort im Dreck wälzen oder Maden essen muß - das ist geniale Unterhaltung. Selbstverständlich werde ich auch die weiteren Folgen genießen.
5. Toll
der_durden 12.01.2008
Da gibt es nicht viel zu diskutieren. Ja, ich habe reingeschaut in die Abgrund der Unterhaltung. Und ja, ich habe recht schnell wieder ausgeschaltet. Ganz klar ist, ich habe mich über jede Werbeunterbrechung freuen können. Grottenschlechtes Quoten-TV - sollte das ein Spiegelbild des Niveaus unsere Gesellschaft darstellen, bin ich dafür, jedem Deutschen das Wahlrecht zu entziehen!
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