Von Christian Buß
Bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz zeigte man sich besorgt um die Umwelt. Der erfolgreiche Schauspieler Michael Mendl forderte in Sabines Christiansens Show "Mein 2008" in der ARD mehr ökologisches Bewusstsein und erzählte von eigenen Erweckungserlebnissen im Regenwald, die ihn die Schönheit unserer Erde hätten spüren lassen.
Zeitgleich konnte man Zeuge werden, wie bei RTL eine Reihe von Mendls weniger erfolgreichen Kollegen in den australischen Dschungel eskortiert wurde.
Dass den zehn Aussätzigen ähnlich erbauliche Naturereignisse zuteil werden, ist eher unwahrscheinlich. Trotzdem, die Macher der Lagershow demonstrieren auf ganz eigene Weise ein erstaunlich hohes ökologisches Bewusstsein: RTL sammelt den zum Großteil selbst produzierten Medienmüll ein – und führt ihn der televisionären Wiederverwertung zu. Schon in den ersten beiden Staffeln klappte das ganz gut.
Denn so wie aus einem alten Joghurt-Becher nach dem Recycling eine schicke Parkbank wird, so verwandelte sich etwa die abgehalfterte Moderatorin Caroline Beil durch den Dschungeleinsatz vorübergehend zum Medienstar. Zugegeben, Beil flogen bei ihren Urwald-Intrigen nicht ungedingt die Herzen der Zuschauer zu. Aber dafür gab es riesige Resonanz.
Das ist für einen Medienmenschen ein wunderbarer Liebesersatz.
Mutter-Rolle und deutsche Tugenden
Und nach Liebesersatz, nach Anerkennung um jeden Preis, nach Wiedereingliederung in den Fernsehbetrieb gierten auch die meisten der zehn Kandidaten, die RTL gestern Abend im Dschungelcamp einquartierte. Die ruhmreichen Tage, wenn es sie denn je gab, liegen bei den meisten schon etwas länger zurück. Vor dem Einzug ins TV-Camp sinnierten sie zu ihrer Ankunft in Australien im Luxushotel bei Sekt und Fingerfood noch einmal über ihre Hoffnungen und Sehnsüchte.
Der 68-jährige Gelegenheitsbarde Bata Illic zum Beispiel äußerte in seinem wunderbaren serbischen Dialekt den Wunsch, "deutsche Tugenden" im Lager zu Entfaltung bringen zu können. Die ehemalige Schauspielerin Barbara Herzsprung indes, die sich gerade unter viel öffentlichem Bohai von ihrem Mann getrennt hat, sucht im Urwald nach neuen familiären Herausforderungen: "Ich liebe die Mama-Rolle."
Das Ziel ihrer mütterlichen Fürsorge gab Herzsprung denn auch gleich an: Lisa Bund, einstige "Deutschland sucht den Superstar"-Teilnehmerin. Die hatte ihrerseits noch etwas in der Öffentlichkeit richtig zu rücken: "Ich bin gar nicht die Superzicke, für die mich alle bei 'DSDS' gehalten haben", sagte die erfolglose Sängerin - die mit ihren Ambitionen nicht hinterm Berg hält. "Ich hoffe natürlich auch, dass die ganze Sache meiner Karriere gut tut."
Das ist ja das Erstaunliche an "Ich bin ein Star – holt mich hier raus": Obwohl hier ausschließlich Ex-Prominente versammelt werden, scheint keiner der Beteiligten Probleme mit dem Selbstbewusstsein zu haben – am allerwenigsten natürlich DJ Tomekk. Der "Bravo"-B-Boy stellte sich dem Publikum mit den Worten vor: "Ich bin gerade 30 geworden und habe zweieinhalb Millionen Platten verkauft." Im Moment aber, das verschwieg DJ Tomekk bei seiner Hymne auf sich selbst, läuft das Geschäft ein wenig schleppend.
Zynische Späße
Mit "Ich bin ein Star – holt mich hier raus" beginnt für alle Kandidaten ein Hoffen und Sehnen. Das grün umflorte Pritschenlager von RTL ist ja längst so was wie ein Paradies der Ungeliebten. Ein Quotenfest der Quotenleichen. 4,6 Millionen Menschen sahen zu, Marktanteil: 22,6 Prozent - ein besserer Start als in den beiden ersten Staffeln.
So bringt der zu den beiden ersten Staffeln als zynisch gebrandmarkte TV-Hit nur denkbar brutal die Aufmerksamkeitsökonomie des Fernsehens auf den Punkt. Wer hier mitmacht, kennt die Medienmühle und hat vorher für sich eine knallharte Kalkulation aufgestellt. Mitleid ist unangebracht, Häme erlaubt.
"Ich bin ein Star – holt mich hier raus" ist insofern TV-Trash auf Spitzenniveau. Das Spiel ums Fressen und Gefressenwerden folgt Regeln, die allen Teilnehmern ersichtlich sind – anders als bei der Container-Show "Big Brother" oder der Kuppel-Parade "Bauer sucht Frau", wo fernsehunerfahrene Mitmenschen vor der Kamera ausgestellt und verheizt werden.
Man muss die beiden Gastgeber Dirk Bach und Sonja Zietlow wirklich nicht mögen, um ihnen eine Professionalität zu bescheinigen, die man bei fast allen anderen RTL-Moderatoren vergeblich sucht. Sie heucheln nicht etwa auf sprachlich erbärmlichem Niveau Anteilnahme, sondern reflektieren mit bösem Witz den medialen Überlebenskampf der Öffentlichkeits-Profis. Gestern, als nur DJ Tomekk eine erste Übung zu absolvieren hatte, kommentierten sie den Einzug der Kandidaten, die vor dem Abflug ins schlammige Lager wie Knackis auf Schmuggelware untersucht wurden.
Geläuterte Gina
Dass es dabei recht abwechslungsreich zuging, dafür sorgte schon das Casting: Mit dem Boy-Group-Überlebenden Ross Antony hat man den hysterischen Jungspund in die Gruppe geholt, der bei jeder Gelegenheit irre rumkichert und mit seinem Teddybär Konversation macht, und mit dem Ex-Torhüter Eike Immel einen vernarbten Kerl, der jeden Schmerz schweigend wegdrückt. Von Schmerzen blieben die zehn Camper am ersten Tag verschont, aber das wird sich ändern in den nächsten Tagen. Wer weiß, welche Ekelspielchen sich die Zyniker hinter der Show diesmal ausgedacht haben.
A propos Spielchen: Natürlich fehlt auch nicht die Ex-Porno-Aktrice. Michaela Schaffrath erklärte vor der Abführung in den Dschungel, dass sie hier lernen wolle, auch mal nein zu sagen. Eine Fähigkeit, die ihr in den Filmen, die sie unter dem Künstler-Namen Gina Wild gedreht hat, immer fehlte, möchte man hinzufügen. Tatsächlich soll Schaffrath gerade das Angebot abgelehnt haben, für eine Gage von einer Million Euro einen letzten Porno zu drehen. Das spricht doch für Willensstärke.
Vergessen wir also in den kommenden 15 Tagen, wenn in der ökologisch unbedenklichen Recycling-Show vor laufender Kamera wieder reichlich Gewürm gekaut wird, bloß nicht: Hier speisen Menschen mit Prinzipien.
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