RTL-Reporterin Rados in Bagdad Der Star ist die Story

RTL-Reporterin Antonia Rados durfte pünktlich zur Veröffentlichung ihres Buches noch einmal für die halbstündige Dokumentation "Mein Bagdad" in den Irak reisen. Bei so viel Personenkult geriet das Drama der Iraker leider zur bloßen Staffage.


Reporterin Rados in "Mein Bagdad": Halbgöttin in Weiß
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Reporterin Rados in "Mein Bagdad": Halbgöttin in Weiß

Nie, so heißt es im kritischen Volksmund, werde so viel gelogen wie vor der Hochzeitsnacht, während des Krieges und nach der Jagd. Das mag sein. Doch in diesen Tagen wird die alte Weisheit auf erfrischende Weise aktualisiert: Gern wird nun auch vor dem Krieg gelogen, dass sich die Geheimdossiers biegen. Dafür werden nach dem Krieg umso mehr Bücher geschrieben, die alles wieder gerade rücken sollen.

Kein deutscher TV-Kriegsreporter aus dem Journalisten-Unterstand des "Hotel Palestine" in Bagdad, der seine Erlebnisse aus dem jüngsten Irak-Krieg nicht in Buchform festgehalten hätte. Nach dem neuesten Kanzler-Motto "Deutschland bewegt sich" wurden sogar absolute Rekordgeschwindigkeiten beim Verfassen des gebundenen Schrifttums aufgestellt.

ARD-Mann Christoph Maria Fröhder etwa erledigte seine schriftstellerische Nachbetrachtung des Waffengangs am Golf mit vielen Seitenhieben auf Kollegen in gerade mal vier Wochen. Damit war er fast so schnell wie der große Ernst Huberty beim mörderischen Wettlauf um den ersten Bildband zur Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter der zwanziger und dreißiger Jahre, wirkt da im historischen Zeitvergleich geradezu wie eine lahme Ente.

Auch RTL-Korrespondentin Antonia Rados, die sie die "Reporterin mit dem Löwenherz" nennen (Löwenmähne inklusive), hat ein Buch geschrieben: "Live aus Bagdad". Pünktlich zum Erscheinen lieferte sie gestern Abend eine gut halbstündige TV-Reportage in ihrem Haussender unter dem Titel "Antonia Rados: Mein Bagdad. 100 Tage nach dem Krieg."

"Noch einmal" kehrte sie an den Ort des Geschehens zurück, um Menschen zu treffen, die sie nun, ohne Zensur und kriegsbedingte Beschränkungen, frank und frei befragen konnte. "Eine Stadt bricht ihr Schweigen", kommentiert Antonia Rados nicht ohne Pathos, und tatsächlich, nun bekennt auch der Hoteldirektor des "Palestine", dass es "jetzt besser" sei: "Es gibt Freiheit".

Journalistin Rados: "Reporterin mit Löwenherz"
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Journalistin Rados: "Reporterin mit Löwenherz"

Aber eben auch jede Menge Unsicherheit. Deshalb variiert die RTL-Reporterin ein wenig den Titel: "Mein unruhiges Bagdad heute". Die Zuschauer lernen den zehnjährigen, fußballbegeisterten Hassan kennen, der bald nicht mehr Schuhe putzen muss, sondern in die Schule gehen kann, weil sein Vater endlich wieder Arbeit hat. Noch einmal sehen wir den Verwaltungschef jenes Krankenhauses, in dem der kleine Ali, der beide Arme verloren hat, zuerst behandelt wurde. Die Bilder des hilflosen, halbverbrannten Kindes gingen um die Welt. Heute sagt sein Arzt: "Ich war für den Krieg der Amerikaner."

Wir sehen ausgebrannte irakische Panzer am Straßenrand, aufgeworfene Massengräber und überlebende Menschen, die der Reporterin aus dem Westen ihre schrecklichen Geschichten von Terror, Folter und Mord erzählen. Und wir sehen ausgebombte Bauern auf dem Land, die nicht verstehen konnten, warum die US-Luftwaffe sie angriff. Nun zeigt sich, dass in ihrer unmittelbaren Nähe Luftabwehrstellungen der irakischen Armee eingegraben waren.

In der Nachbarschaft einer ebenfalls getroffenen Palästinensersiedlung befand sich eine riesige Geheimdienst- und Folterzentrale des Irak. Jetzt rächen sich viele Iraker an den Saddam-treuen Palästinensern und werfen sie aus ihren Wohnungen. Wir sehen noch einmal die Bilder der amerikanischen Bombenangriffe und die unübertroffenen Kommentare des irakischen Informationsministers, der als "Comical Ali" weltweite Berühmtheit erlangte. Mit Staunen hören wir vom Chaos der letzten Tage des Saddam-Regimes, als die Leibwache des Diktators ohne Kartenmaterial angeblich nicht einmal mehr den Weg zum Flughafen fand.

Vor allem aber sehen und hören wir Antonia Rados. Sie sagt "Ich", "meine", "mir". In blütenweißer Bluse läuft sie treppauf treppab, in dunkle Flure hinein und auf sonnenverbrannte Felder. Wir sehen sie im Range Rover und an der Hotel-Reception des "Palestine", im Hof des Krankenhauses und bei der innigen Umarmung mit Hassan, dem kleinen Schuhputzer von Bagdad.

Antonia Rados ist eine gute und durchaus mutige, dazu preisgekrönte Journalistin, doch diese Form der Personalisierung einer noch qualmenden Zeitgeschichte vermittelt am Ende den Endruck von der flotten Stipp-Visite einer Halbgöttin in Weiß: "Na, wie geht's uns denn heute?" Der Star ist die Story und die Story ist der Star. "Antonia Rados: Mein Bagdad" - schon die Verbindung des Eigennamens mit dem aufdringlichen Possessiv-Pronomen signalisiert, dass die TV-Heldin im Vordergrund stehen soll. Das irakische Drama wird so, trotz aller Informationen, zur Staffage.



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