RTL-Serie "Post Mortem" CSI-Klon aus Köln

Nach langer Kreativpause hebt RTL mit "Post Mortem" mal wieder eine eigenproduzierte Serie ins Programm. Von Wagemut zeugt das Rechtsmediziner-Format mit Hannes Jaenicke aber nur bedingt – es adaptiert vor allem das Erfolgsschema eines US-Imports.


Den Männern vom Kampfmittelräumdienst ist die Sache nicht geheuer, dem Dienst habenden Kriminalkommissar genauso wenig. Eigentlich galt es, auf dem brachliegenden Baugrundstück eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschärfen. Weil aber dabei das Skelett eines Mannes gefunden wurde, musste ein Rechtsmediziner hinzugerufen werden – und nun turnt dieser Dr. Daniel Koch (Hannes Jaenicke) ganz unbeeindruckt auf dem verminten Gelände rum. "Graben Sie noch mal da drüben", ruft er, als er an zwei Stellen Pflanzen bemerkt: "Auf dem Boden hier wächst nichts, es sei denn, irgendetwas dient als Dünger." Wenig später sind zwei weitere Skelette geborgen, das einer Frau und das eines Babys, und Koch ist endgültig in seinem Element.

Szene aus "Post Mortem" (mit Hannes Jaenicke, l.): "Eintritt linker Unterbauch, Austritt Kreuzbein"
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Szene aus "Post Mortem" (mit Hannes Jaenicke, l.): "Eintritt linker Unterbauch, Austritt Kreuzbein"

"Wir müssen herausfinden, mit wem wir es bei unseren drei Neuzugängen zu tun haben", erklärt er am Institut seinen Mitarbeitern. Die lassen sich nicht lange bitten: Flugs werden die Handschuhe übergestreift und die Knochen mit Pinzetten und Mikroskopen erforscht. Nach diversen Analysen und Computersimulationen ist klar: Die Erwachsenen wurden mit sechs Schüssen aus einer Kaliber 38, aus einem 55-Grad-Winkel von oben abgefeuert, regelrecht hingerichtet; der Säugling starb wohl den Erstickungstod. Die Schambeinfuge des Männerskeletts lässt darüber hinaus nur einen Schluss zu: Das Mordopfer muss zwischen 30 und 39 Jahre alt gewesen sein. Und dann diese Rückstände im Knochenmark: Die Tat kann nicht länger als drei Jahre her sein.

"Familiengrab", die Auftaktfolge der vorerst neunteiligen neuen RTL-Serie "Post Mortem" (lateinisch: "nach dem Tod"), lässt von Beginn an keine Zweifel aufkommen, worum es hier geht: um eine möglichst ähnliche Adaption des US-Erfolgsformats "CSI". Nicht nur das Handwerk teilen die Spurensicherer aus Köln mit ihren Vorbildern von der Crime Scene Investigation aus Übersee, bis in die Bauart und die dramaturgischen Abläufe hinein wurde das amerikanische Erfolgsschema übernommen.

Schnibbeleien am Seziertisch

So steht Hannes Jaenicke alias Dr. Koch wie seine Kollegen Grissom (William L. Petersen, "CSI – Den Tätern auf der Spur"), Caine (David Caruso, "CSI: Miami") und Taylor (Gary Sinise, "CSI: NY") als cooler, arbeitsbesessener Chef einem Team von mehr oder weniger schrulligen Spezialisten vor – in diesem Fall der fachlich brillanten, im Umgang schwierigen DNA- und Gewebe-Expertin Dr. Carolin Moritz (Therese Hämer), der Kette rauchenden und also offensichtlich problembeladenen Osteologin Dr. Vera Bergmann (Anne Cathrin Buhtz), dem kumpelig-kompakten Hieb- und Stichwunden-Fachmann Dr. Thomas Renner (Charly Hübner) und dem hochbegabten Assistenzarzt Frederick Peyn (Mirko Lang), dessen Einstandsmeeting geschickt zur Vorstellung der Protagonisten genutzt wird.

Auch in der deutschen Variante genießt jedoch das Vorantreiben des jeweils aktuellen Falles Priorität vor der Schilderung menschlicher Marotten; die Schnibbeleien am Seziertisch werden mit gebührender Freude an der Materie ins Bild gerückt, sind ihrerseits sehr flott geschnitten und gern mit Musik unterlegt; und über allem liegt die Aura unfehlbarer Wissenschaft, die noch das verschüttetste Geheimnis ans Licht bringen wird.

Augenscheinlich hat RTL, seit langem eher als Nummer-sicher-Sender ("Wer wird Millionär?", "DSDS") bekannt und zuletzt durch die Absetzung selbstproduzierter Serien ("Abschnitt 40", "Hinter Gittern") aufgefallen, für seine erste Eigenproduktion seit langem die klare Losung ausgegeben, die Sehgewohnheiten der "CSI"-Gemeinde zu bedienen. Und die Macher haben ihre Lektion gelernt: Der "Tatort"-erprobte Regisseur Thomas Jauch (verantwortlich für die ersten fünf Folgen) hat tempomäßig sozusagen eine Schippe draufgelegt, die Produktionsfirma Sony Pictures hat es verstanden, "Post Mortem" trotz vergleichsweise schmalen Budgets einen wertigen Look zu verpassen.

"Learning bei Säging"

Und sogar eine gewisse Freude am Genre-Spiel ist ab und an zu spüren: Wenn etwa Koch mit lässiger Selbstverständlichkeit Knochen durchsägt, um die Schnittkanten verschiedener Sägeblätter zu vergleichen, während Kollegin Bergmann sein Tun erst mit "Na, Schwiegermutter zu Besuch?" und dann mit einem lakonischen "Learning by Säging" kommentiert, wirken die deutschen Adepten schon angemessen abgebrüht und gar nicht wie Novizen im "CSI"-Metier.

Zu den Charakteristika des Genres gehört es freilich auch, dass der eigentliche Plot eher egal ist – zu wenig Zeit bleibt für die Figurenzeichnung, als dass der Zuschauer die Verdächtigen selbst evaluieren könnte; zu unvorhersehbar sind die immer neuen Wendungen, die sich durch veränderte medizinische Beweislagen ergeben. Und sogar diesen Grundsatz haben die "Post Mortem"-Macher beherzigt: Zwar ist ihr Fall mit den drei Skeletten, hinter dem sich eine unaufgeklärte Kindesentführung auftut, hochkomplex und keineswegs beim Bügeln zu konsumieren – aber letztlich eben nur Aufhänger für all die schönen Schnibbel- und Kombinierereien. "Komm schon, erzähl mir was", seufzt Jaenicke einmal das Skelett vor ihm an – und genau dieses Phänomen des "Tote-zum-Sprechen-Bringens" ist es ja, das die "CSI"-Gefolgschaft fasziniert. Sätze wie "(Kugel-)Eintritt linker Unterbauch, Austritt Kreuzbein" sind da wohl einfach als die aktuell angesagte TV-Folklore zu betrachten.

Kopie geglückt, Klassenziel also erreicht? Die Antwort auf diese Frage gibt beim privaten Platzhirsch RTL naturgemäß erst die Quote – und da wird sich zeigen müssen, ob das Publikum auf einen "CSI"-Klon aus Köln anspringt, wo es doch das Original haben kann. Den Machern ist für ihre professionelle Umsetzung der Vorgaben Respekt zu zollen, sicherlich verdienen im Kontext spektakulär gefloppter Experimente wie der Sat-1-Reihe "Blackout" auch die Auftraggeber ein gewisses Verständnis für ihren Wunsch nach Reproduktion des Bewährten. Im Sinne der Vielfalt aber wäre mehr Wagemut zu originären Stoffen wünschenswert – erst recht, wenn man bedenkt, dass auch Sat.1 zurzeit an einem Abklatsch bastelt: Die Serie "RIS" (Rechtsmedizinische Investigative Sonderkommission) soll noch dieses Frühjahr an den Start gehen.


"Post Mortem": ab heute immer donnerstags, 20.15 Uhr, RTL



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