RTL-Show "Entern oder kentern" Demütigungen für zweitklassige Schatzsucher

RTL hat nach dem "Dschungelcamp" endlich wieder eine amtliche Demütigungsshow im Programm: In dem Nonsens-Spektakel "Entern oder kentern" kämpfen Ex-Promis und Extremsportfans unter entwürdigenden Bedingungen um einen Piratenschatz.

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Die Menschen geben viel Geld dafür aus, sich während sogenannter Aktivurlaube den Frust der modernen Welt aus ihren Körpern prügeln zu lassen. Ferien vom Ich auf die harte Tour, so könnte man solche Auszeiten auch nennen. RTL bietet so ein Selbstüberwindungsprogramm nun kostenfrei an: Drei Teams aus jeweils 30 Leuten quälen sich pro Ausgabe von "Entern oder kentern" durch eine Matschlandschaft, die mit Hindernisparcours allzu schönfärberisch beschrieben wäre. Dazu werden ihnen unentwegt und ohne ersichtlichen Grund riesige Plastikfische ins Gesicht geschlagen.

RTL-Frau Zietlow: Versierte Sadistin
DDP

RTL-Frau Zietlow: Versierte Sadistin

Da man sich aber auch bei RTL nicht ganz sinnfrei geben will und außerdem auf der durch "Fluch der Karibik" hochgespülten Piratenwelle mitschwimmen möchte, wird der Nonsens-Gewaltakt als Seeräuberspektakel aufbereitet. Sonja Zietlow, seit ihrer Gastgeberinnenrolle beim Dschungelcamp des gleichen Senders als versierte Sadistin bekannt, gibt die "Comtessa"; der eher zweitklassige Schauspieler Götz Otto grimassiert sich als böser "Käpt'n Raff" durch die Show.

Die jeweils drei Teams pro Sendung müssen nun den Schatz zurückerobern, den "Käpt' Raff" der "Comtessa" geraubt hat. Bei den gemeingefährlichen Übungen werden die 30-köpfigen Teams rasant dezimiert. Wer am Ende noch über genug Mitglieder verfügt, kann mit einem Ruderboot zum Piratenschiff übersetzen, um den Schatz einzusacken. Zehn Folgen lang soll das so gehen, und die Zuschauer in der fernsehschlappen Ferienzeit in großer Zahl von ihren Grillstationen weglocken.

Gestern gab es nun die erste Ausstrahlung dieser vorzivilen Variante des Fernsehklassikers "Spiel ohne Grenzen". Und wenn man irgendetwas loben möchte an dieser Sendung, dann bietet sich der Sinn der Fernsehmacher für die Reduktion an. Ein halbes Dutzend unterschiedlicher Übungen hatten die Schatzjäger Freitagabend zu absolvieren, doch ob diese nun "Mörderische Felslawine" oder "Fischefangen im Kokosnusskostüm" hießen - eigentlich lief es immer auf dasselbe hinaus: In schweren Holzverkleidungen mussten die Teilnehmer mörderische Strapazen überstehen, während ihnen immer und immer wieder Plastiktiere ins Gesicht geschlagen wurden. Nach dem Motto: Immer wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Fischlein her.

Zwischen Extremsportereignis und Vatertagstour

Natürlich funktioniert so eine RTL-Demütigungs-Show nicht ohne zu allem bereite Ex- und Fast-Prominente. Gestern nun standen der Boxer Axel Schulz sowie die Moderatorinnen Andrea Göpel und Miriam Pielhau als Kommandanten den Teams vor, die kämpferische Namen trugen wie "Bushfood Killer", "Biersekte Jena" oder "Remscheid Amboss". Die Mischung aus Brachialität und Bierlaune, die da durchklang, veranschaulichte auch ganz schön den Schwebezustand der Veranstaltung: Man bewegte sich irgendwo zwischen Extremsportereignis und Vatertagstour.

So brannten sich dem Zuschauer Bilder grausamster Selbstentblößung ein: Nach einem aufreibendem Wasserspiel lag zum Beispiel die pummelige Göpel wie ein gestrandeter Wal am Strand. Schulz wurde in einem großen drehenden Fass durchgewalkt, bis er sich nach dieser erneuten würdelosen Niederlage nur noch durch den Schlamm robbend in Sicherheit bringen konnte. Doch auch die Etappengewinner machten hier keine gute Figur: Mario vom Team "Remscheid Amboss" rutschte nach erfolgreicher Absolvierung der Übung "Mörderische Felslawine" traurig die nasse Hose vom leichenbleichen Popo. RTL hielt natürlich drauf und kostete den feuchten Triumph in Zeitlupe aus.

Zuvor hatte sich Mario von dem schweren Fass befreit, mit dem er sich eine glitschige Felswand hoch kämpfen musste. So wurde man irgendwie das Gefühl nicht los, die Macher von "Entern oder kentern" seien von den runden Holzbehältern besessen: Ständig hängten sie ihren gepeinigten Kandidaten schwere Bottiche um den Hals - oder schickten sie eben in eine rotierende Tonne, in der die Probanden gemeingefährlich durchgerührt wurden.

Hat dieser massive Einsatz des Holzwerkes eine tiefere Bedeutung? Handelt es sich gar um eine Art geistesgeschichtlicher Negation? Immerhin gab es da doch mal den Philosophen Diogenes, der sich in eine Tonne zurückgezogen haben soll, um sich in aller Ruhe seinem Denken hingeben zu können. Bei RTL ist das anders herum: Das hölzerne Rund fungiert hier als Ort, wo einem der letzte Krümel Verstand herausgeprügelt wird. Ferien vom Ich auf die harte Tour eben.



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