RTL-"Super Nanny" Saalfrank "Koch hat keine Ahnung"

Deutschlands oberste Fernseherzieherin ist böse. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview schimpft Katharina Saalfrank über die Unions-Debatte zum Thema Jugendgewalt - und erklärt, warum bei ihr nie ausländische Problembälger auftreten.


SPIEGEL ONLINE: Frau Saalfrank, der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) macht Stimmung für eine erleichterte Abschiebung krimineller Ausländer und für ein verschärftes Jugendstrafrecht, dem selbst unter 14-Jährige unterliegen sollen. Was halten Sie davon?

Saalfrank: Gar nichts. Herr Koch betreibt Wahlkampf auf dem Rücken der Jugendlichen. Was er fordert, ist für meine Begriffe eine reine Katastrophe - vor allem für die Jugendlichen. Offensichtlich hat Koch überhaupt keine Ahnung davon, was die Jugend für eine sensible Lebensphase ist und dass es mit Wegsperren nicht getan ist. Rechtliche Sanktionen setzen nicht an den Ursachen, sondern nur an den Symptomen an - das kann keine Lösung sein.

"Super Nanny" Saalfrank mit Schützlingen: "Wer schützt die Kinder, wenn niemand hinguckt?"
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"Super Nanny" Saalfrank mit Schützlingen: "Wer schützt die Kinder, wenn niemand hinguckt?"

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie noch Mitglied in der SPD?

Saalfrank: Ja, noch bin ich nicht ausgetreten. Und das habe ich auch nicht vor.

SPIEGEL ONLINE: Also vertreten Sie jetzt brav die Parteilinie.

Saalfrank: Darum geht es nicht. Ich schaue mir die Debatte aus der Distanz an und bin ganz Pädagogin bei dem Thema, teile aber die Haltung der SPD. Was gerade passiert, ist klar: Es ist Wahlkampf, der Ton ist relativ scharf geworden. Und das finde ich auch richtig. Aber ich erwarte, dass die Politiker - gerade bei diesem Thema - trotz aller Schärfe differenziert formulieren und inhaltlich argumentieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie denn der Jugendgewalt begegnen?

Saalfrank: Die Situation wird sicherlich nicht dadurch entschärft, dass Leute weggesperrt werden. Die entscheidende Frage ist, warum Menschen aggressiv und straffällig werden. Und was die Herkunft angeht: Es schlagen genauso viele deutsche Jugendliche. Die Debatte wäre sicherlich nicht im doppelten Sinne so hochgekocht worden, wenn deutsche Jugendliche die letzten Überfälle begangen hätten. Mir ist der ethnische Hintergrund erst einmal egal. Als Pädagogin setze ich bei den Eltern an und betreibe Ursachenforschung - und gerade bei Kindern unter 14 Jahren hat man noch gute Chancen die Eltern zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Nette Idee. Nur: Wie wollen Sie zum Beispiel an eine türkische Problemfamilie in Berlin-Neukölln rankommen?

Saalfrank: Problemfamilien gibt es nicht. Es gibt aber schwierige Situationen und ungünstige Voraussetzungen. Wichtig ist, immer wieder Angebote zu machen - auch wenn das für uns Pädagogen anstrengend ist. Und wir müssen uns kritisch fragen, wie es im Umfeld von solchen Kindern aussieht. Ich habe oft Schulen erlebt, die es gerade diesen Kindern schwer machen, Erfolge zu erzielen. Der Kontakt zwischen Lehrer und Eltern ist grundlegend. Oft fehlen den Lehrern hierzu leider Zeit, Kraft und manchmal auch Feingefühl.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir mal an, Sie dürften eine einzige politische Maßnahme durchdrücken. Welche wäre das?

Saalfrank: Es muss gut ausgestattete Beratungsstellen geben und gut ausgebildete Pädagogen, die sich um Eltern und Kinder kümmern. Das heißt: Es geht ums Geld, nicht nur - aber auch! Und nicht nur um mehr, sondern das Geld muss anders verteilt werden. Und es muss ein wertschätzender Umgang mit den Menschen stattfinden - keine staatliche Kontrolle. In der derzeitigen Debatte fühlen sich viele Migranten sicherlich angegriffen. Das ist respektlos, kontraproduktiv und nicht zielführend.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Sendung hält die Kamera auch beim schlimmsten Familienkrach respektlos drauf und baut so gesellschaftliche Hemmschwellen ab.

Saalfrank: Finden Sie? Ich bin etwas überrascht, weil mir diese Frage so noch nie gestellt wurde. Die gängige Kritik lautet ja eher: Wer schützt eigentlich die Kinder, wenn die Eltern das Verhalten der Kinder einer breiten Öffentlichkeit zeigen?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Saalfrank: Ich antworte mit einer Gegenfrage: Wer schützt die Kinder, wenn niemand hinguckt? Und ich meine nicht die Fernsehöffentlichkeit, sondern Nachbarn, Lehrer, die Gesellschaft insgesamt. Ich verstehe, wenn sich der Zuschauer auch mal unwohl fühlt und denkt: Das ist mir zu intim. Und dennoch: In vielen Familien geschieht tagtäglich Gewalt. Ich möchte mit meiner Arbeit enttabuisieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Sendung stellt Familien mit extremen Problemen hemmungslos bloß. Glauben Sie nicht, dass Sie so die öffentliche Wahrnehmung verzerren und Populismus befördern?

Saalfrank: Sie haben Recht, das ist eine Gratwanderung. Dennoch empfinde ich das nicht mehr so. Wir sind im vierten Jahr und die ersten Sendungen haben mit den heutigen nichts mehr zu tun. Ich habe nur bedingt Einfluss auf den Schnitt, aber ich kann zunehmend authentischer werden. Und umso deutlicher wird meine Botschaft: Es gibt nie einfache Lösungen! Zu Anfang war das anders. Es gab die Vorgabe, sich an das englische Originalformat zu halten. Da konnte man der Sendung sicherlich vorwerfen, sie propagiere simple Lösungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen für sich in Anspruch, dahin zu gehen, wo es pädagogisch weh tut. Haben Sie schon mal mit Migrantenfamilien gearbeitet?

Saalfrank: Natürlich! In meiner Zeit in der Familienberatung hatte ich viele Eltern und Kinder mit einem solchen Hintergrund. Im Rahmen der Sendung noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ich sage Ihnen auch warum: Es bewerben sich zwar viele Familien, aber RTL nimmt davon Abstand. Der Sender hat uns mitgeteilt, dass er die Sendung nicht mit Untertiteln versehen will.

Saalfrank: Ja, ich kenne die Begründung und bedauere das. Es wäre spannend zu sehen, dass es auch in diesen Familien teilweise nicht anders aussieht als bei uns! Aber das ist nicht meine Entscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Manche Publizisten vertreten jetzt die Meinung, dass ausländische Jugendliche aus rassistischen Motiven Gewalt gegen Deutsche ausüben. Ein Rentner wird nicht mehr angegriffen, weil er ein leichtes Opfer ist, sondern weil er ein deutsches Opfer ist.

Saalfrank: Ich stelle mir umgekehrt die Frage, warum wir uns der rechten Gewalt nicht genauso zuwenden. Vielfach werden Ausländer in Deutschland überfallen. Und außerdem: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück. Diese Jugendlichen werden allen möglichen Diskriminierungen ausgesetzt gewesen sein - was die Tatsache an sich natürlich nicht besser macht.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden diskriminiert, also schlagen sie zurück: Kann man ernsthaft so eine simple Rechnung machen?

Saalfrank: Das ist keine simple Rechnung, das ist ein psychischer Mechanismus. Wer Gewalt erlebt, gibt erstmal auch Gewalt weiter. Ich glaube schon, dass auch diese Generation der Jugendlichen genügend Diskriminierungen erlebt hat - selbst wenn sie aus Vierteln stammen, wo sie vielleicht sogar in der Mehrzahl sind.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie eigentlich mit so einem 17-Jährigen Gewalttäter machen?

Saalfrank: In welcher Funktion?

SPIEGEL ONLINE: Suchen Sie sich eine aus.

Saalfrank: Dann wähle ich die der Pädagogin, denn wenn ich richten wollte, hätte ich Jura studiert. Als Pädagogin schaue ich, warum etwas passiert, welche Ursache zu Grunde liegt. Ich würde versuchen wertfrei daran zu gehen, um an die Ursachen zu kommen: War der Täter allein oder in einer Gruppe, war Alkohol im Spiel, wie sind die Familienverhältnisse? Ich würde versuchen zu verstehen, warum jemand so reagiert? Mich fragen: Wofür steht diese Tat?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich in Problemvierteln wie etwa Neukölln Angst?

Saalfrank: Nein. Und zumindest bei der Arbeit habe ich ja ein Team dabei. Obwohl es auch manchmal Situationen gab, in denen die Polizei kommen musste.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Lust, sich als Politikerin zu versuchen? Sie hätten gute Chancen.

Saalfrank: Mag sein, aber das ist nicht meine Berufung. Politik ist theoretisch und abstrakt; ich will Menschen verstehen und dadurch etwas verändern, Kinder bestärken, politische Denkanstöße geben. Und ich habe momentan das Medium Fernsehen, mit dem ich indirekt an der politischen Diskussion teilhaben kann.


Das Interview führte Thorsten Dörting



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