RTLs Supertalente: Die Bohlen-Show, die keine ist

Von Peer Schader

Sechsjährige Trompeter, elfjährige Rapper, eine Frau, die im Hühnerkostüm über die Bühne trippelt. Bei der RTL-Show "Das Supertalent" bekommt jeder seine Chance. Und Dieter Bohlen ist ausnahmsweise handzahm. Ein Erfolgsrezept?

Fast ein halbes Jahr hat RTL seine Zuschauer auf Entzug gesetzt. Mühsam mussten sich Fans Fernsehschnipsel ihres TV-Idols im Programm zusammen klauben – aber wer hat schon die Zeit, ständig "Punkt 12" und "Explosiv" anzusehen, nur um ein paar Neuigkeiten von Dieter Bohlen aufzuschnappen. Zu Zeiten von "Deutschland sucht den Superstar" sind die ja quasi täglich auf einen hereingeprasselt. Aber der Herr aus Tötensen hat sich im Sommer rar gemacht: hier ein müder Auftritt bei "Wetten dass…?", dort eine knappe Aussage vor Gericht wegen des Überfalls auf seine Villa.

Suchen das "Supertalent": Zirkusdirektor Andre Sarrasani (l-r), Comedy-Star Ruth Moschner und der Erfolgsproduzent Dieter Bohlen
DPA

Suchen das "Supertalent": Zirkusdirektor Andre Sarrasani (l-r), Comedy-Star Ruth Moschner und der Erfolgsproduzent Dieter Bohlen

Jetzt hat RTL ein Einsehen und gibt seinem Publikum, wenige Wochen bevor "DSDS" in die nächste Runde geht, wieder die volle Ladung Bohlen: In der neuen Castingshow des Senders sitzt er in der Jury und soll diesmal beurteilen, ob Bauchtänzer, Kinderakrobaten, Seniorenturner und Hundedresseure das Zeug dazu haben, einen Titel abzuräumen, von dem bis gestern noch niemand wusste, dass es ihn überhaupt gibt: "Das Supertalent".

Zum Auftakt am Samstag wartete RTL allerdings mit einer dicken Überraschung auf: Die befürchtete Bohlen-Show war gar keine. Man bekam stattdessen einen eigentlich unterhaltsam-skurrilen Eindruck von den Deutschen und von dem, was sie in ihrer Freizeit machen, wenn ausnahmsweise mal nicht ferngesehen wird.

Die Regeln des Wettbewerbs sind noch einfacher als bei "DSDS": Wenn der Jury ein Auftritt gefällt, darf das Talent im Finale noch mal wiederkommen. Ist die Darbietung unzumutbar, können die Juroren – neben Bohlen die Comedy-Frau Ruth Moschner und Zirkus-Experte André Sarrasani – mit einem Klaps auf den roten Buzzer vor ihnen einen vorzeitigen Abbruch einfordern.

So viele Talente gibt es gar nicht

Dass RTL jetzt sein "Supertalent" sucht, liegt natürlich daran, dass die Show bereits in den USA und Großbritannien, wo das junge Stimmwunder Bianca Ryan und der Operetten singende Handyverkäufer Paul Potts siegten, erfolgreich war. Allerdings hat man sich entschieden, bis aufs Finale alle Shows vorab im Berliner Schiller-Theater aufzuzeichnen. Das ist für das Publikum vor allem deshalb von Vorteil, weil es sich keine furchtbar langweiligen Darbietungen ansehen muss. Die hat RTL im Schneideraum einfach rausgeworfen. Andererseits wirkte der "Supertalent"-Auftakt wegen der vielen Zusammenschnitte anfangs doch arg hektisch. Und dass RTL sich entschieden hat, sich auf gerade einmal zwei Shows plus Endrunde zu beschränken, wird auch seinen Grund haben. Der lautet ziemlich sicher: Ganz so viele Talente wird die Produktionsfirma Grundy Light Entertainment bei ihren Castings nicht aufgetrieben haben.

Die Deutschen sind eben ein bisschen langweiliger als die verrückten Amerikaner und die ehrgeizigen Briten. Wenn in Berlin mal eine Frau im Hühnerkostüm über die Bühne trippelt, ist das beinahe schon das Höchste der Gefühle. Alle, die wirklich was Ulkiges können, sind ja schon bei Gottschalk aufgetreten. Trotzdem ist es sympathisch, wenn zwei ältere Damen jenseits der 60 mit Tanzturnen und Spagat überraschen und von sich behaupten: "Einzeln sind wir nichts, zusammen sind wir ein Feuerwerk."

Der Rest sind – natürlich: Kinder! Sechsjährige Trompetenspieler, zehnjährige Akrobaten, elfjährige Rapper. Alle stehen sie nachher strahlend auf der Bühne, denn soviel Lob und Applaus bekommt man zuhause von den Omas und Opas selten. Und welcher herzlose Erwachsene würde es schon wagen, so süße kleine Talente einfach aus dem Wettbewerb zu werfen? Niemand. Eben. Das dürfte eine Finalshow mit sehr, sehr jungen Teilnehmern werden.

"Das Supertalent" eignet sich dennoch bestens als Samstagabend-Unterhaltung. Das könnte in erster Linie an der beschriebenen Talent-Not liegen, wegen der RTL sich zwangsläufig entschließen musste, keine Mammutsendung zu produzieren. Die Show dauert gerade einmal 75 Minuten und gipfelt ausnahmsweise nicht in einem nervigen Telefon-Voting, durch das die Bekanntgabe des Gewinners ewig in die Länge gezogen wird. RTL ist einfach eine kleine, heitere Show gelungen, bei der man ab und an staunen kann, mit welchen "Begabungen" sich manche Leute trauen, vor ein Publikum zu treten. Und mal ehrlich: Wer den Sieg holt, ist ja schon bei "Deutschland sucht den Superstar" immer egal gewesen.

Bei RTL kriegt jeder seine Chance

Dass sich der Sender – sogar bei der spärlichen Bühnendeko – so pingelig ans Original hält, hat einen praktischen Nebeneffekt: Marco Schreyl, offiziell als "Moderator" eingesetzt, steht nicht auf der Bühne und muss wie sonst seine Texte von Kärtchen ablesen. Er gibt hinter den Kulissen mit aufgestülpten Hemdsärmeln und drüber gezogenem Pullunder den mitfiebernden Kandidatenbetreuer - und das macht seine Präsenz deutlich erträglicher als sonst.

Am Ende hat natürlich doch Bohlen das Zepter in die Hand genommen und seinen "DSDS"-Schützling Mark Medlock auf die Bühne gestupst. Dieser durfte schon wieder einen neuen Song aus einem neuen Album vorstellen, das die beiden produziert haben. Man mag da ja gar nicht mehr mitzählen. Bohlen jedenfalls saß am Klavier und Medlock raunte mit sanfter Stimme irgendeinen völlig austauschbaren Kuschelsong ins Mikro, bei dem man gerne vor sich auf einen roten Buzzer geschlagen hätte, um ihn vorzeitig zu beenden. Den gab es leider nicht. Also durfte an diesem Abend ausgerechnet das Talent mit der schwächsten Darbietung am längsten auf der Bühne stehen. Bei RTL bekommt eben jeder seine Chance.

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