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Rückkehr zur klassischen Rechtschreibung: "Beendigung der staatlich verordneten Legasthenie"

Von Dominik Baur

Fünf Jahre nach ihrer Einführung steht die Rechtschreibreform vor dem Aus. Der SPIEGEL-Verlag und die Springer-Gruppe haben sich entschieden, zur klassischen Rechtschreibung zurückzukehren, andere Verlage wollen sich anschließen. Während Sprachliebhaber sich freuen, protestieren Kultusminister energisch.

"Unausgegorene Reform": Besucher der Frankfurter Buchmesse vor einem überdimensionalen Duden
DDP

"Unausgegorene Reform": Besucher der Frankfurter Buchmesse vor einem überdimensionalen Duden

Hamburg - "Titanic" reagierte prompt. "TITANICK kehrt zurück zur ganz, ganz alten Rechtschreybung", verkündete das Satire-Magazin auf seiner Homepage. "Sie habent eyn Eynsehen: Der SPIEGEL-Verlag und Springer kehren zurück zur alten Rechtschreybung. Doch TITANICK gehet noch eyn Schrittleyn weyter und schreybet ab dem heutiglichen Tage im würklich klassischen Teutsch. Bitte schnallet Ihro Gnaden sich an für den Witze, wou Neidhart zum Artzte kümmet und das Häsigline zur Frouwe saget, dies seye ja auch gar keyne Mohrrübe."

Die Entscheidung, die den Spott der Frankfurter Satiriker auf sich zog und von vielen Kritikern lediglich als wenig origineller Eigenbeitrag der Verlage zum Sommerloch betrachtet wird, wurde um 11 Uhr bekannt gegeben - und löste bei Redaktionen, Politikern und Lesern ein gewaltiges, wenn auch keineswegs einheitliches Echo aus. Allein im Agentursystem des SPIEGEL-Verlags gingen in den ersten fünf Stunden nach Bekanntgabe des Schritts mehr als 80 Agenturmeldungen zu dem Thema ein.

Jahrelang erhitzte die umstrittene Reform die Gemüter in der deutschsprachigen Welt. Jüngst flammte die Diskussion erneut auf, als das Regelwerk verabredetermaßen auf dem Prüfstand stand und sich echte und vermeintliche Experten daran machten, die Reform zu reformieren. Zwei bedeutende deutsche Verlage - gemeinsam erreichen sie mit ihren Titeln 60 Prozent der deutschen Bevölkerung - entschlossen sich jetzt jedoch die Notbremse zu ziehen und sich von den neuen Orthografieregeln zu verabschieden. SPIEGEL und Springer folgen dem Beispiel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die denselben Schritt schon ein Jahr nach der Einführung der Reform gegangen war.

"Rückschritt - keine Reform"

In naher Zukunft wollen die Publikationen der beiden Verlage nun zur Rechtschreibung zurückkehren, wie sie vor dem August 1999 in Deutschland gepflegt wurde. Die Begründung: Die Reform werde von der Bevölkerung nicht angenommen und führe zu einer zunehmenden Verunsicherung. Weder für professionell Schreibende noch für Schüler hätten die neuen Rechtschreibregeln eine Erleichterung gebracht.

Dem Vorwurf mangelnder Reformwilligkeit begegnen SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner bereits vorweg: "Wir befürworten sehr dringend notwendige und sinnvolle Reformen in unserer Gesellschaft", betonen sie in einer gemeinsamen Erklärung. "Doch die Rechtschreibreform ist keine Reform, sondern ein Rückschritt. Die deutsche Sprache braucht keine kultusbürokratische Überregulierung. Spätestens die neuerliche Reform einer ohnehin unausgegorenen Reform führt ins völlige Chaos."

SPIEGEL und Springer erhoffen sich von ihrer Initiative die Wiederherstellung einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung: "Aus Verantwortung für die nachfolgenden Generationen empfehlen wir auch anderen die Beendigung der staatlich verordneten Legasthenie und die Rückkehr zur klassischen deutschen Rechtschreibung", hieß es in der gemeinsamen Erklärung der Verlage. Positive Reaktionen anderer Verlagshäuser ließen nicht lange auf sich warten. Die "Süddeutsche Zeitung" kündigte an, ebenfalls zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Die grundsätzliche Entscheidung sei getroffen. Die Zeitung war an den Gesprächen von SPIEGEL und Springer zunächst ebenfalls beteiligt, will sich jedoch noch etwas Zeit lassen. Zeitpunkt und Modalitäten müssten schließlich noch gründlich vorbereitet werden, erklärte heute ein Sprecher.

"Stern" und "Focus" bleiben neuen Regeln treu

Auch der Bauer-Verlag, der mit Zeitschriften wie "Bravo" und "Neue Revue" Millionen von Lesern erreicht, begrüßte die Initiative. Bevor man sich anschließe, wolle man aber abwarten, ob sich eine breite Mehrheit der Verlage hinter SPIEGEL, Springer und "Süddeutsche" stelle. Es sei schließlich nicht sinnvoll, umzustellen, wenn es dann künftig zwei Arten von Rechtschreibung gebe.

Der Intendant des Südwestrundfunks, Peter Voß, sprach sich auch für eine Umkehr der Reform aus und appellierte an die ARD, sich dem Beispiel anzuschließen. Renommierte Buchverlage wie Suhrkamp zeigten sich ebenfalls erfreut. Literaturhäuser hatten sich der Reform ohnehin oft verweigert, da auch viele deutsche Schriftsteller wie Günter Grass und Hans-Magnus Enzensberger sie vehement ablehnten.

Natürlich gab es auch andere Reaktionen: "Stern", "Focus", "Frankfurter Rundschau" und "taz" lehnten den Vorstoß ab. Allesamt wollen sie den neuen Regeln weiter treu bleiben. "Focus"-Chef Helmut Markwort argumentierte mit dem pathetischen Totschlagargument, Deutschland habe derzeit wichtigere Probleme.

Kopfschütteln in den Alpen

Ohnehin wesentlich lockerer scheinen die deutschsprachigen Nachbarn der Bundesrepublik das Thema Rechtschreibung zu nehmen. Was soll das ganze Theater, fragt man sich in der dreisprachigen Schweiz. Die dortigen Zeitungen sehen zunächst keinen Handlungsbedarf, allerdings haben die dortigen Redaktionen die Reform ohnehin nicht einheitlich umgesetzt, sondern verfahren ganz nach eigenem Gusto. Geradezu belustigt schaut man in Schweizer Redaktionen ins deutsche Nachbarland. Bei den gesetzeshörigen Deutschen müssten eben auch Sprachregeln im wahrsten Sinne des Wortes buchstabengetreu eingehalten werden. Ähnlich ist die Reaktion in Österreich. Alle überregionalen und Wiener Zeitungen kündigten an, an der Reform festzuhalten.

Am heftigsten fiel die Kritik an der SPIEGEL-Springer-Aktion erwartungsgemäß auf Seiten der Kultusminister und der Duden-Redaktion aus. "Wenn ständig von anderen von Verunsicherung gesprochen wird", schimpfte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Doris Ahnen, "stellt sich doch nun die Frage: Wer verunsichert hier?" Auch die Duden-Redaktion behauptete, die Rücknahme der Reform werde zu noch größerer Verwirrung führen.

Der Ärger der rheinland-pfälzischen Ministerin ist verständlich. Erst vor zwei Monaten hatte Ahnen mit ihren Länderkollegen beschlossen, die Reform zum 1. August 2005 endgültig in Kraft treten zu lassen. "Hier werden Fakten in die Welt gesetzt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie es weitergeht", kritisiert Ahnen. Ihr Kabinettschef Kurt Beck war nicht weniger erbost. Von "einfältigem Populismus" sprach der Ministerpräsident und warnte vor einem erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden bei einer Rücknahme der Reform.

Machtwort der Ministerpräsidenten?

Viele seiner Kollegen sehen das jedoch anders. Der Niedersachse Christian Wulff zum Beispiel, seit langem ein vehementer Gegner der Rechtschreibreform, lobte die Entscheidung. Sie sei ein gewichtiger Schritt in Richtung der Korrektur der total gescheiterten Rechtschreibreform. "Die eingerissene völlige Beliebigkeit beim Schreiben, die immer krasser werdenden Unterschiede zwischen gelernten und gelesenem Deutsch" müssten schnellst möglich beendet werden. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zeigte sich zumindest einer Rücknahme von Teilen der Reform gegenüber offen.

Der Deutsche Lehrerverband (DL), dessen Mitglieder, sollte man denken, zu den Hauptleidtragenden einer erneuten Änderung des Regelwerks zählen, forderte die Ministerpräsidenten auf, die Rechtschreibreform jetzt zur Chefsache zu machen, damit die Schulen nicht ins "orthografische Abseits" gerieten. Es werde kaum etwas anderes übrig bleiben, als die herkömmliche Rechtschreibung wieder für verbindlich zu erklären.

Entscheidend wird nun die Reaktion der Nachrichtenagenturen sein. Die "Deutsche Presseagentur" und der deutsche Dienst der Associated Press kündigten bereits an, sich wie bei Inkrafttreten der Reform vor fünf Jahren, nach den Wünschen ihrer Kunden zu richten. "Ich rechne mit der Rückkehr zur alten Rechtschreibung", erklärte Michael Konken, der Chef des Deutschen Journalistenverbands. "Wenn sich, wie geschehen, innerhalb weniger Stunden etliche Zeitungs- und Zeitschriftenverlage von der neuen Rechtschreibung abwenden, sind damit überdeutliche Fakten geschaffen." Die Alternative sei, offiziell an der neuen Schreibweise festzuhalten und wieder nach den alten Regeln zu schreiben. "Das wäre absurd."

Ob die Reform jetzt tatsächlich komplett zurückgenommen wird? Nötig dafür wäre dafür nach dem heutigen Stand immerhin ein einstimmiger Beschluss der Kultus- wie der Ministerpräsidentenkonferenz, die KMK müsste also ihren vor zwei Monaten gefassten Beschluss komplett revidieren. Wahrscheinlicher erscheint da schon fast eine Entmachtung der Kultusminister durch ihre Ministerpräsidenten.

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