Rüge wegen Pranger  "Bild" hetzt Leser auf Presserat

Die "Bild"-Redaktion stört sich daran, dass der Presserat sie wegen der Verletzung der Persönlichkeitsrechte von mutmaßlichen Straftätern öffentlich rügt. Jetzt hat die Redaktion zur Gegenattacke geblasen und Leser dazu angestachelt, bei dem Gremium anzurufen und sich zu beschweren.

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Die "Bild"-Zeitung auf dem Feldzug gegen Presserats-Rügen und Kindes-Entführer (Unkenntlichmachung von SPIEGEL ONLINE)

Die "Bild"-Zeitung auf dem Feldzug gegen Presserats-Rügen und Kindes-Entführer (Unkenntlichmachung von SPIEGEL ONLINE)


Hamburg - Kein Durchkommen mehr beim Deutschen Presserat. Wer am Dienstagnachmittag die Berliner Zentrale anwählte, bekam einen Anrufbeantworter zu hören: "Sollten Sie wegen der 'Bild'-Zeitungs-Meldung von heute anrufen, bitten wir Sie, uns Ihre Meinung schriftlich mitzuteilen." Die Mitarbeiter waren mit den hunderten von Anrufern, die auf Aufforderung der "Bild"-Zeitung dem Presserat den Marsch blasen wollten, ganz offensichtlich überfordert.

In riesigen Lettern hatte die "Bild" den angeblichen Presserat-Skandal thematisiert: "Diesen Kindes-Entführer soll 'Bild' nicht mehr zeigen dürfen" empörte sich die Zeitung und setzt daneben ein Foto eines 45-jährigen Mannes, der laut Bericht geständig ist, ein vierjähriges Kind seiner Mutter entrissen und es über 13 Stunden lang festgehalten zu haben, um 60.000 Euro Lösegeld zu erpressen. Das Blatt druckte Telefon- und Faxnummer sowie die E-Mailadresse des Presserates ab, dazu heißt es: "Ist der Schutz des Täters wichtiger als die Berichterstattung über eine schwere Straftat? Sagen Sie dem Presserat Ihre Meinung."

Aus dem Zusammenhang gerissen

Die Vorgeschichte: Am 9. Juni hatte der Presserat einstimmig beschlossen, "Bild" wegen der Verletzung der Persönlichkeitsrechte des Mannes eine Rüge zu erteilen. Die Zeitung hatte am 12. Februar über den Entführungsfall berichtet und dabei ein Foto des mutmaßlichen Täters gezeigt. "Die Mitglieder des Beschwerdeausschusses sind der Meinung, dass dem Artikel in der Printausgabe der 'Bild'-Zeitung nicht zuletzt aufgrund der Größe des Fotos eines Prangerwirkung zukomme", hatte der Presserat die Rüge begründet. "Die identifizierende Berichterstattung sei geeignet, dem Abgebildeten in seinem sozialen Umfeld langfristigen Schaden zuzufügen." Gleichzeitig hatte der Beschwerderat darauf verzichtet, die "Bild" zum Abdruck der Rüge zu verpflichten.

Dafür nahm das Blatt nun selbst offensiv Bezug auf die Rüge und zitiert den Presserat mit folgendem Satz: "Die Identität eines Straftäters ist grundsätzlich zu schützen."

Bloß: Dieser Satz ist aus dem Zusammenhang gerissen. Im Original - eine Pressemitteilung des Rates - heißt es: "Die Identität eines Straftäters ist grundsätzlich zu schützen. Nur in Ausnahmefällen darf die Identität eines mutmaßlichen Täters in der Berichterstattung preisgegeben werden. Dabei ist zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen."

In diesem Zusammenhang ist "grundsätzlich" eindeutig im Sinne von "in der Regel" zu verstehen. In dem isolierten Zitat, wie von der "Bild" abgedruckt, klingt es so, als wolle der Presserat immer die Identität von Straftätern schützen - was der Aufforderung, die Institution mit Anrufen und Mails zu bombardieren, erst die nötige Schärfe gibt.

Immer wieder Rügen eingefangen

Die Strategie ist aufgegangen: Am frühen Nachmittag hatte der Presserat bereits 400 bis 500 Anrufe erhalten sowie einige hundert Faxe und E-Mails. "Darunter sind allerdings auch rund ein Viertel von Äußerungen, die unsere Arbeit unterstützen und uns ermutigen", so Tillmanns.

Mit der Anruf-Kampagne forciert die "Bild"-Zeitung einen seit langem schwelenden Konflikt: Immer wieder hat das Blatt sich Rügen des Presserates eingefangen, weil es Bilder von Tätern oder mutmaßlichen Tätern gezeigt hat. Und des öfteren nutzte die "Bild" diese Rügen für scharfe Gegenattacken.

Allerdings habe auch die Abbildung beziehungsweise Namensnennung von Verbrechensopfern in der "Bild" schon zu Rügen geführt, so Tillmanns: "Wenn unsere Beschwerden die Opfer betroffen haben, reagiert die Redaktion allerdings deutlich einsichtiger", erklärt der Geschäftsführer des Presserats.

Trotz der scharfen Gegenattacken habe es seitens der "Bild" und des Axel-Springer-Verlages bis dato keinen Vorschlag gegeben, ob oder wie der Pressekodex zu ändern wäre. "Ich habe keine Informationen, dass sich die 'Bild' grundsätzlich am Kodex stößt", so Tillmanns.

Dies sei auch nicht der Fall, hieß es am Dienstagnachmittag aus dem Hause "Bild": "Mit dem Pressekodex sind wir zufrieden - unzufrieden sind wir mit der mangelhaften Auslegung" so ein Sprecher der Redaktion zu SPIEGEL ONLINE. Der Presserat, so der Vorwurf, wäge zu wenig zwischen öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrechten ab. Wenn selbst über schwerste Straftaten, die in der Berichterstattung breiten Raum eingenommen haben, "nicht mehr identifizierend berichtet werden darf, kastriert der Presserat die Freiheit der Berichterstattung in Wort und Bild", so der Vorwurf von Seiten der "Bild"-Redaktion.

"Wir werden unsere Berichterstattung nicht weichspülen."

Die Grenzen dessen, was eine "schwere Straftat" ausmacht, werden von der "Bild"-Zeitung allerdings recht großzügig ausgelegt. So zeigte das Blatt im Jahre 2007 auch ein Bild von Khaled Al-Masri und fing sich dafür eine Rüge ein. Der Deutsch-Libanese, der von der CIA entführt worden war und sich öffentlich als "psychisches Wrack" bezeichnet hatte, hatte mehrere kleinere Delikte begangen und war danach in psychiatrische Behandlung gekommen. Für die "Bild" allerdings war Al-Masri ein "islamistischer Terrorist" und "irre". Der Presserats-Rüge begegnete die Redaktion mit folgenden Worten: "Wir werden unsere Berichterstattung nicht weichspülen - so wenig wie bei Hasspredigern, Nazis oder sonstigem durchgeknallten Gesindel".

Der Pressekodex ist eine vom Deutschen Presserat und somit von den großen deutschen Verlagen und Journalistenverbänden getragene Selbstverpflichtung auf publizistische Grundsätze und Regeln, die "als Grundlage für die Beurteilung von Fällen dienen, zum anderen das Ansehen der deutschen Presse wahren und die Berufsethik der Journalisten widerspiegeln" sollen, so der Presserat.

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