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"Die Franzosen" bei der Ruhrtriennale: Odyssee im Zeitraum

Von Andreas Wilink

Premiere bei der Ruhrtriennale: Proust auf der Bühne Fotos
Tal Bitton/ Ruhrtriennale

Krzysztof Warlikowski inszeniert mit seinem Warschauer Nowy Teatr Marcel Prousts monumentalen "Recherche"-Zyklus: eine bildstarke Abrechnung mit dem heutigen Europa.

Die Ein- und die Ausgeschlossenen von Paris. Die einen befinden sich im Inneren. Die anderen bleiben draußen oder erhalten nur gelegentlich Zutritt zur Audienz. Eine riesige gläserne Vitrine, rollend wie ein Salonwagen, ist das Vehikel, um eine gespaltene Gesellschaft ins Bild zu fassen. Der Schaukasten wird auf die Bühne der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel gefahren. Einen Tanzsaal mit Bar-Theke hat die Bühnenbildnerin Malgorzata Szczesniak dort installiert.

"Ball Room - Dark Room" kombiniert und assoziiert das Programmheft. Man könnte als drittes "War Room" hinzufügen und hätte die Elemente beisammen für Krzysztof Warlikowskis freie Annäherung an Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" bei der Ruhrtriennale. Fünf Stunden. Drei Teile. Zwei Pausen.

Prousts Riesenwerk für eine andere Kunstgattung zu adaptieren, ist ein Wahnwitz. Der polnische Regisseur spricht lieber von "Inspiration". Und lässt in der polnischen (Deutsch und Englisch untertitelten) Fassung mit seinem Warschauer Nowy Teatr den Originaltitel beiseite. Personalisiert ihn zu "Die Franzosen", ohne dass der Abend daraus Impulse bezöge.

Die kultivierte Zweideutigkeit

Das erste und das letzte Wort des kommentierenden, reflektierenden Memoiren-Romanwerks heißt: Zeit. Zeitströme fließen, vom Kindheitsduft in Combray zur Matratzengruft in Paris, von den mondänen Salons ins Seebad Balbec. Gesten, Gerüche, Geräusche, Gesichter erzeugen bei Proust eine Aura. Dekors enthüllen das Phantomhafte der Dinge und kommen dabei deren Wesen nahe. Konversation schafft Leerflächen und füllt diese zugleich raffiniert.

Proust, homosexuell und zur Hälfte Jude, führte ein Leben der kultivierten Zweideutigkeit und der Camouflage. Er setzte das Versteckspiel auch literarisch fort. Auch sein Roman-Erzähler gehört nie richtig dazu. Er hospitiert als Spion, Chronist, heimlicher Spielmacher. In der Aufführung sitzt er in Gestalt des dandyhaften Schauspielers Bartosz Gelner am Rande. Blut tropft von seinen Lippen. Ein sanfter Vampir, der zwar am blasierten Hochadel leidet, sich aber vom Lebenssaft der Society nährt. Ihr Zentrum ist die exquisite Oriane de Guermantes (Magdalena Cielecka als Mischung aus Catherine Deneuve und Veruschka).

In Warlikowskis Geisterbeschwörung, Totenklage und Hassgesang bekommt der Hauptmann Alfred Dreyfus, dessen Verurteilung wegen angeblichem Geheimnisverrats in Frankreich eine Staatsaffäre auslöste, einen Auftritt: Der Jude Dreyfus und der für den Offizier Partei nehmende Jude Swann, eine Hauptfigur im Roman, sind hier Brüder. Zu ihnen gesellt sich der schwule Baron de Charlus (Jacek Poniedzialek) - schwarz kostümiert wie Karl Lagerfeld mit Sonnenbrille und Zopf. Allesamt sind sie erfahren mit Mimikry, List, "Meineid und Lüge" als Strategien. Virulent in Zeiten von Antisemitismus und Homophobie.

Grenzgängertum zwischen Geschlechtern, Klassen, Rassen

Aber Warlikowski inszeniert kein Thesen-Theater, auch wenn das polemisch verwendete Textmaterial es suggeriert. Er ist ein Bildererzähler, ästhetischer Brandstifter und gegenüber Kitsch und Pathos nicht ungefährdeter Verstörungskünstler. Ein Tänzer bestäubt eine Plastikblume wie für eine Mapplethorpe-Fantasie. Videos zeigen sich küssende männliche Paare, sich paarende Seepferdchen, die Befruchtung einer Orchidee, später einen suggestiven Kameralauf durch Wald und Wiese. Die gedankenlose Natur bildet den Gegenentwurf zur geistvollen Spezies Mensch und der "Physiologie des Geschwätzes" (Walter Benjamin).

Der zweite Teil choreografiert das erotische Grenzgängertum zwischen den Geschlechtern, Klassen und Rassen. Gier des Leibes und Eifersucht des Herzens wie in einem Tennessee-Williams-Drama: Swann und Odette, Marcel und Albertine, Charlus und Robert de Saint-Loup und Charles Morel. In die Amour-fou-Parade hinein stößt Richard Strauss' "Zarathustra"-Fanfare für das Solo einer Dame mit Affen-Maske, die ihre Körperkrise performt.

Teil drei führt das Strauss-Zitat aus Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" weiter und variiert die berühmte Filmszene mit dem ermatteten Astronauten nach Ankunft auf dem Jupiter. Warlikowski macht ihn - mit einem Text von Fernando Pessoa - zum Chefankläger, der Gerichtstag hält über den "Bankrott" Europas und kulturpessimistisch die Verkommenheit der Epoche verdammt. Eine erbitterte Attacke, unangemessen von Celans "Todesfuge" begleitet und tote Repräsentanten wie Thomas Mann, Kafka, Canetti und Co. aufrufend, mündet ins Defilee des gealterten Proust-Personals und endet mit einem mythischen Gesangsaufschrei nach "Liebe". Totale Erschöpfung!


"Die Franzosen". Zeche Zweckel, Gladbeck, im Rahmen der Ruhrtriennale. Weitere Vorstellungen am 28., 29., 30. August. Start jeweils um 20.00 Uhr. Tickets unter www.ruhrtriennale.de

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