Rundfunkstreit in München Katholisches Fundi-Radio erhält den Zuschlag

Edmund Stoibers frommer Medienminister Erwin Huber freut sich: Der katholische Sender Radio Horeb darf künftig ganz München mit dem Wort Gottes beschallen - obwohl Kritiker dem Sender Rassismus, Fundamentalismus und Frauenfeindlichkeit vorwerfen.

Von Dominik Baur


Das Wort Gottes will Radio Horeb künftig auch in München über den Äther verbreiten
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Das Wort Gottes will Radio Horeb künftig auch in München über den Äther verbreiten

Hamburg - Auf dem Berg Sinai, so steht es in der Bibel, hat Moses von Gott die Zehn Gebote erhalten. Gebote, die Moses daraufhin zu den Menschen brachte. "Horeb" heißt der Berg im Alten Testament, und Horeb ist auch der Name eines Allgäuer Rundfunksenders mit einem missionarischen Anliegen. "Wir leben in einer Welt, die nach Orientierung sucht und erleben zusehends den Verfall sittlicher Werte", warnt der Sender auf seiner Homepage. "Radio Horeb bringt das Wort Gottes dahin, wohin es gehört: in die Häuser, auf die Straßen, auf die Plätze, zu den Menschen."

In der bayerischen Landeshauptstadt war das Wort Horebs bislang nur über Kabel oder Satellit zu hören. Doch heute folgte die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) einer Empfehlung ihres Hörfunkausschusses und sprach den Allgäuern etliche freiwerdende Sendeplätze auf der Frequenz 92,4 zu. Der Sender kann nun künftig jeden Werktag von 0 bis 15 Uhr die Münchner Haushalte über Antenne erreichen. Das Nachsehen hatten Horebs Mitbewerber, darunter ein Sender der sich an die Türken in München richtet. Dieser wollte seinen Hörern lokale und internationale Nachrichten plus Service-Tipps bieten.

Doch die Vergabe der Lizenz an Radio Horeb, für die sich auch der für Medien zuständige bayerische Superminister Erwin Huber stark machte, ist keineswegs unumstritten. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete unter Berufung auf einen internen Bericht der BLM, dass der Sender Hörern eine Plattform für rassistische und homophobe Äußerungen biete. Im Vorfeld der Frequenzvergabe nahm die BLM die jeweiligen Sender unter die Lupe. Obwohl bei Radio Horeb nur zwei Tage ausgewertet wurden, stellten die Medienwächter fest, dass sich das Radioprogramm keineswegs auf die Übertragung von Gottesdiensten und Rosenkränzen beschränkte. Mehrfach, so wurde bemängelt, hätten sich Hörer "offen rassistisch" geäußert, ohne dass die Moderatoren eingeschritten seien.

So rief ein Anrufer zur Umkehr mit Gottes Hilfe auf, bevor "wir als weiße Rasse abgedankt haben". Ein anderer schimpfte auf die "Zigeuner", für die Diebstahl ein Sport sei, "so wie der Jäger auf die Jagd geht". Eine Referentin soll Schwule verunglimpft haben. On Air schimpfte sie: "Unsere Kinder lernen an den Schulen, dass Homosexualität normal sei." Die Menschheit, forderte sie, müsse sich von der "Tyrannei der Sexualität" befreien.

Pädagogisch wenig wertvoll fanden die Horeb-Beobachter auch die Kindersendung "Bambambini". In einem Gebet forderte Radio Horeb Grundschüler in der Sendung dazu auf, sich der heiligen Maria Mutter Gottes "ganz und gar" hinzugeben - als "dein Gut und Eigentum".

Kirche hält sich zurück

Auch bei Kirchenvertretern stößt der Rundfunksender auf Kritik. In der "Süddeutschen Zeitung" beklagt sich Klaus Mucha, ein Münchner Pfarrer, der seit Jahrzehnten die Hörfunkbeiträge der katholischen Kirche im Bayerischen Rundfunk betreut, über die "fundamentalistische" Art von Radio Horeb. Das sei kein Programm für München. "Ich mag da nichts mit zu tun haben." Und Anke Geiger, die protestantische Vorsitzende des Hörfunkausschusses der BLM, betrachtet das aus dem Allgäu verbreitete Frauenbild mit großer Skepsis.

Horeb-Unterstützer Huber
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Horeb-Unterstützer Huber

Der Radiosender freilich will von solchen Vorwürfen nichts wissen. Seit acht Jahren sende man nun schon beschwerdefrei, behauptet Pfarrer Richard Kocher, der den Sender in Balderschwang betreibt. Na gut, ein einziges Mal habe die BLM eine Beanstandung geäußert. Trotzdem: Die Kritik sei "blödsinnig". Von fundamentalistischen, frauenfeindlichen oder rassistischen Tendenzen könne überhaupt keine Rede sein. Allenfalls erzählten Hörer manchmal etwas Unsinn.

So sah es jetzt offenbar auch die BLM. Zufor hatte noch Erwin Huber, Staatskanzleichef und Stoibers Superminister im Bundesrat, die Werbetrommel für Radio Horeb gerührt. Wieso, fragte Huber, solle "ein religiös orientierter, katholischer Sender im christlichen Bayern keinen Platz finden"? In vielen Briefen hätten sich "ältere, teils kranke Gläubige" für den Sender ausgesprochen. Und die Aussagen der Zuhörer könne man ja nicht so ohne weiteres dem Sender ankreiden. Eine Ansicht, die nicht ganz der Rechtslage entspricht: Medienrechtlich liegt die Verantwortung sehr wohl beim Programmanbieter.

Die Kirche selbst hielt sich raus aus dem Streit. Der Sender sei keine offizielle Einrichtung der katholischen Kirche, deshalb habe man zwar keine Berührungsängste, werde jedoch auch nicht Partei für Radio Horeb ergreifen.

Partei ergriff dagegen die "Tagespost" und bot auch gleich eine Verschwörungstheorie an. Das konservative katholische Wochenblatt aus Würzburg vermutete eine Kampagne der "Süddeutschen Zeitung": Neben Radio Horeb bewürben sich der Sender für türkischstämmige Münchner und ein Messe- und Flughafensender um die Frequenz 92,4. Bei Letzterem wirke auch ein gewisser Karl-Otto Sauer mit, der in den Achtzigern das Medienressort der "Süddeutschen" geleitet habe, stellte die Zeitung vielsagend fest. Warum sich die "SZ" dann jedoch in einem Kommentar für den türkischen Sender stark gemacht hat, kann die "Tagespost" auch nicht erklären.



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