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01. Mai 2012, 14:37 Uhr

Abhörskandal

Abgeordnete nennen Konzernchef Murdoch ungeeignet

Von , London

Rupert Murdoch ist einer der bekanntesten Medienunternehmer der Welt. Doch wegen des Abhörskandals bei seiner Zeitung "News of the World" sprach ihm nun ein britischer Untersuchungsausschuss die Eignung ab, einen internationalen Konzern zu führen. Das Urteil könnte die Firma empfindlich treffen.

Rupert Murdoch hat über den Zeitraum von sechs Jahrzehnten ein globales Medienimperium aufgebaut. Das hinderte den Medienausschuss des britischen Unterhauses nun jedoch nicht daran, dem 81-jährigen Australier die Eignung als Konzernlenker abzusprechen.

Der Chef des US-Konzerns News Corp. sei "keine geeignete Person, um ein internationales Unternehmen zu führen", heißt es in dem Abschlussbericht zum Abhörskandal, der am Dienstag in London vorgelegt wurde. Die Abgeordneten untersuchen seit drei Jahren die illegalen Recherchemethoden bei der inzwischen eingestellten Boulevardzeitung "News of the World" aus dem Murdoch-Konzern.

Murdoch habe "absichtlich weggeschaut" statt den Skandal aufzuklären, steht in dem 120-seitigen Bericht. In seinem Unternehmen News Corp. und bei der britischen Tochter News International habe es eine Kultur des Vertuschens gegeben, für die Rupert und James Murdoch letztlich die Verantwortung übernehmen müssten.

Das vernichtende Urteil über Murdoch fiel allerdings nicht einstimmig. Die fünf Labour-Abgeordneten und der einzige Liberaldemokrat in dem elfköpfigen Ausschuss stimmten dafür, die vier konservativen Mitglieder geschlossen dagegen. Der konservative Ausschussvorsitzende John Whittingdale stimmte nicht ab.

"Eine große Schande"

Die vier Tories machten in einer Pressekonferenz deutlich, dass sie die Schlussfolgerungen zu Rupert Murdoch nicht teilten. Es gebe "absolut keine Beweise", dass der Firmenchef etwas von den Vorgängen bei der "News of the World" wusste, sagte die Abgeordnete Louise Mensch. Es sei eine "große Schande", dass die Labour-Kollegen ihre persönliche Meinung in den Abschlussbericht geschrieben hätten. Dies beschädige die Glaubwürdigkeit des Berichts.

Einig waren sich die Ausschussmitglieder hingegen darin, dass drei frühere Führungsfiguren von News International den Ausschuss belogen hätten: Colin Myler, der Chefredakteur der "News of the World", Tom Crone, der Hausjurist des Verlags, und Les Hinton, der Verlagschef. Alle drei waren in den vergangenen Jahren von dem Ausschuss befragt worden. Über mögliche Sanktionen gegen das Trio muss nun das Unterhaus entscheiden.

James Murdoch, Ruperts Sohn und von 2007 bis 2010 Aufsichtsratschef von News International, kam hingegen glimpflich davon. Es gebe keine ausreichenden Beweise, dass er den Ausschuss in die Irre geführt habe, heißt es in dem Bericht. Es sei aber "erstaunlich", dass er nicht früher auf das wahre Ausmaß des Abhörskandals in seinem Haus aufmerksam geworden ist. Murdoch hatte bei zwei Auftritten vor dem Ausschuss ausgesagt, er habe erst Ende 2010 davon erfahren.

Der Abhörskandal ist der größte Medienskandal in Großbritannien seit Jahrzehnten. Mitarbeiter der "News of the World" hatten zwischen 2002 und 2006 die Handy-Mailboxen Hunderter Prominenter, Politiker und Verbrechensopfer heimlich abgehört. Von 2007 bis 2010 war die Affäre von der Unternehmensleitung aktiv vertuscht worden.

Der Medienausschuss ist eins von mehreren Gremien, die den Skandal aufarbeiten. Er hat keine Macht, Schuldige zu bestrafen. Das Verdikt über Rupert Murdochs Eignung als Konzernchef könnte aber Auswirkungen auf dessen Engagement beim britischen Fernsehsender BSkyB haben. Die Worte, Murdoch sei "keine geeignete Person", um ein Medienunternehmen zu führen, sind sehr bewusst gewählt. Denn die Medienaufsicht Ofcom untersucht gerade, ob Murdoch seinen 39-prozentigen Anteil an dem Fernsehsender auch künftig behalten darf.

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