Von Carsten Volkery, London
Es war ein vielversprechender Anfang: "Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit" werde er sagen, schwor Rupert Murdoch, eine hellblaue Krawatte um den Hals und die Bibel in der rechten Hand.
Der Chef des US-Medienkonzerns News Corp. sollte am Mittwoch in London vor der Untersuchungskommission des Lordrichters Brian Leveson Auskunft über das Verhältnis zwischen Zeitungsverlegern und Premierministern geben. Um das heikle Thema ranken sich unzählige Gerüchte und Spekulationen. Es erschien daher spannend, die Wahrheit aus dem Munde des wichtigsten Players zu erfahren.
Seit Jahrzehnten dominieren Murdochs Medien die britische Politik. Seine Zeitungen "Sun", "Times" und "Sunday Times" haben einen Marktanteil von 40 Prozent, sein Fernsehsender Sky ist der Hauptrivale der öffentlich-rechtlichen BBC. Die Tür zum Premierminister stand Murdoch stets weit offen, er erhielt Einladungen in die Downing Street und den Landsitz Chequers.
Doch zur Enttäuschung der Zuschauer war der Zeuge recht einsilbig. Nein, er habe nie einen Premierminister um einen Gefallen gebeten und auch nie einen erhalten. Nein, er habe nie Politiker unterstützt, um seine eigenen kommerziellen Interessen zu fördern. Und nein, er sei nicht die "Macht hinter Thatchers Thron" gewesen. So ging es stundenlang.
"So läuft das Spiel"
Murdoch spielte seinen Einfluss herunter, wo er konnte. Er wollte den Eindruck zerstreuen, dass er Großbritanniens heimlicher Herrscher ist. Er sei nur einer von mehreren Verlegern, mit denen sich Politiker treffen, sagte er. "Politiker suchen immer die Unterstützung der Zeitungen, das ist Teil der Demokratie." Auf die Frage, ob er es normal finde, dass Premierminister David Cameron auf seinem Weg in den Urlaub auf Murdochs Yacht im Mittelmeer vorbeischaue, antwortete er: "Ja. Politiker machen alles, um die Leute der Presse zu beeindrucken. So läuft das Spiel."
Der Fragesteller Robert Jay von der Leveson-Kommission suchte die These zu beweisen, dass Murdoch beim Aufbau seiner marktbeherrschenden Position von der jeweiligen Regierung unterstützt wurde, weil er den Premierminister zuvor mit Hilfe seiner Blätter ins Amt gehievt hatte.
Tatsächlich war Murdoch oft vom Wohlwollen der Regierung abhängig: Premierministerin Margaret Thatcher hatte 1981 darauf verzichtet, den Kauf der "Times"-Gruppe an das Kartellamt zu überweisen. 1990 wurde die Fusion der Fernsehsender Sky und BSB genehmigt. 2002 änderte die Regierung von Tony Blair das Mediengesetz, so dass britische Fernsehsender fortan in den Händen ausländischer Eigentümer sein durften. Und vergangenes Jahr stand die Regierung von David Cameron kurz davor, Murdoch die komplette Übernahme des Fernsehsenders BSkyB zu gestatten - bevor der Abhörskandal bei der "News of the World" diese Pläne zerschlug.
Murdoch bestritt jedoch, irgendwelche geheimen Absprachen mit den Regierungschefs getroffen zu haben. Auch habe die "Sun" nicht die Macht, Wahlen zu entscheiden. Er wolle mit diesen "Mythen" endlich aufräumen, sagte er. Cameron habe er bei Familien-Picknicks in der Grafschaft Oxfordshire kennengelernt. Der Tory sei ein echter "Family Man", es habe ihn beeindruckt, wie er sich um seinen behinderten Sohn kümmerte. Er habe mit Cameron nie über die BBC, die Medienaufsichtsbehörde Ofcom oder sonstige Regulierungsfragen geredet.
"Herzliche Beziehungen" mit Blair und Brown - bis zur Kriegserklärung
Mit den Labour-Premierministern Tony Blair und Gordon Brown habe er "herzliche Beziehungen" unterhalten. Auch hier habe es aber keine Absprachen gegeben. Mit Brown überwarf er sich, als die "Sun" im Herbst 2009 ankündigte, bei der nächsten Unterhauswahl nicht Labour, sondern die Tories zu unterstützen. Brown habe ihn damals angerufen, erzählte Murdoch. "Er sagte: Dein Unternehmen hat meiner Regierung den Krieg erklärt, nun habe ich keine andere Wahl, als Deinem Unternehmen auch den Krieg zu erklären." Brown sei in dem Moment "nicht ganz bei Sinnen" gewesen, sagte Murdoch.
Murdochs Beteuerungen, keinen Einfluss auf die Regierung zu nehmen, wirkten jedoch unglaubwürdig. Gerade am Dienstag war eine Reihe von E-Mails aufgetaucht, die zeigen, wie gut News Corp. in der Regierung vernetzt ist. Während das Kulturministerium im vergangenen Jahr die Übernahme von BSkyB prüfte, hatte ein enger Vertrauter des Kulturministers Jeremy Hunt den Chef-Lobbyisten von News Corp. über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten. Der Berater ist inzwischen zurückgetreten, die Opposition fordert auch den Rücktritt des Ministers.
Dies sind jedoch alles Schlachten der Vergangenheit. Denn inzwischen ist Murdochs Einfluss tatsächlich stark geschrumpft. Der Abhörskandal bei der "News of the World" im vergangenen Jahr hat das Kuscheln zwischen Premierminister und Murdoch vorerst beendet. Sein Nimbus als allmächtiger Medienfürst ist dahin. Die Angst vor Murdoch, die Generationen von Politikern angetrieben hat, ist in Verachtung umgeschlagen. Heute wird er gemieden.
Den Rest seines Lebens, so scheint es, wird der 81-Jährige damit verbringen, sein Lebenswerk zu verteidigen. Am Donnerstag muss er sich noch einmal vor Leveson rechtfertigen: Der Zeitplan sieht bis zu drei Stunden vor.
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