Von Carsten Volkery, London
Seinen letzten Auftritt vor einem britischen Untersuchungsausschuss dürfte Rupert Murdoch noch gut in Erinnerung haben. Als "demütigendsten Tag meines Lebens" beschrieb er das Ereignis schon zu Beginn der Befragung. Und dann stand auch noch ein Zuschauer plötzlich auf und klatschte dem Chef des Medienkonzerns News Corp. eine Torte aus Rasierschaum ins Gesicht. Das Foto des bekleckerten Milliardärs ging um die Welt.
Das war im Juli 2011, und die Sicherheitsleute werden besondere Sorgfalt walten lassen, wenn Murdoch am Mittwoch erneut zur Aussage in London erscheint. Wieder wird er zum Abhörskandal bei der "News of the World" Stellung nehmen müssen, der die britische Medienbranche, Politik und Polizei in eine tiefe Krise gestürzt hat.
Diesmal stellen allerdings nicht Parlamentarier die Fragen, sondern die Anwälte der unabhängigen Untersuchungskommission des Lordrichters Brian Leveson. Es wird weniger politische Theatralik geben. Dafür fragen die Juristen umso präziser.
Das Imperium wankt
Und die Juristen haben Zeit - viel Zeit. Fünfeinhalb Stunden sind für Murdochs Befragung angesetzt, und wenn das nicht reichen sollte, noch einmal drei Stunden am Folgetag. Obendrein kann Murdoch Senior sich nicht auf den Beistand seines Sohnes James verlassen wie im vergangenen Juli. Damals hatten sie nebeneinander gesessen, der Sohn half dem Vater aus. Diesmal werden sie getrennt befragt: James ist schon heute dran, Rupert am Mittwoch.
Es soll um alles gehen: Wie der ruppige Australier seinen britischen Zeitungsverlag News International seit 1969 aufgebaut hat, wie er die Fleet Street verändert hat, mit welchen Methoden seine Zeitungen und Fernsehsender arbeiten und - ganz wichtig - wie er Premierminister und Wahlen beeinflusst hat. Es soll ein möglichst umfassendes Bild des Imperiums entstehen, das einst Medien und Politik in Großbritannien dominierte, seit dem Abhörskandal jedoch in seinen Grundfesten erschüttert ist.
Im Parlamentsviertel Westminster wird bereits eifrig spekuliert, was der Medienboss über Politiker und Konkurrenten ausplaudern wird. Welcher Premierminister kommt am Mittwoch am schlechtesten weg: Tony Blair oder David Cameron? Murdoch ist Medienprofi, er weiß, wie man Schlagzeilen macht. Eine Anekdote hier, eine Indiskretion da, und schon debattiert die Öffentlichkeit nicht mehr über den Skandal bei News Corp., sondern über die rückgratlosen Politiker, die jahrzehntelang um Murdochs Gunst buhlten.
Große Nähe zu Murdochs Vertrauten
Tony Blair flog einst um die halbe Welt nach Australien, um seinen Antrittsbesuch als Oppositionsführer bei dem Mogul zu machen. Dafür unterstützen Murdochs Blätter ihn in drei Wahlkämpfen und im Irak-Krieg. Der frühere Labour-Premier ist sogar Patenonkel von Murdochs jüngster Tochter.
Gefährlicher könnte Murdoch jedoch dem amtierenden Regierungschef David Cameron werden. Der Konservative hatte sich nach seiner Wahl zum Parteivorsitzenden 2005 zunächst von Murdoch ferngehalten - vor allem, weil er nicht Blair nachahmen wollte. Später aber holte er sich Murdochs früheren "News of the World"-Chefredakteur Andy Coulson als Regierungssprecher und vergnügte sich mit seiner Nachbarin, der Murdoch-Vertrauten Rebekah Brooks, bei Dinner-Partys und gemeinsamen Ausritten. Seit dem Skandal hält Cameron Distanz zu News International - und Murdoch lässt im Gegenzug seine Abneigung gegen den Tory-Chef immer wieder aufblitzen.
Zum Abhörskandal selbst wird man wohl wenig Neues erfahren. Beide Murdochs beharren darauf, von den illegalen Machenschaften ihrer Untergebenen nichts gewusst zu haben. Zwischen 2002 und 2006 hatte die Sonntagszeitung "News of the World" die Handy-Mailboxen von Hunderten Prominenten, Politikern, entführten Kindern und Terroropfern heimlich abgehört, um sie für Schlagzeilen auszuschlachten. Von 2007 bis 2010 war der Skandal von der Geschäftsführung aktiv vertuscht worden. Beauftragte von Regierung, Parlament und Polizei versuchen seit Monaten, die Vorgänge zu rekonstruieren.
Cameron ist gewarnt
Schon zweimal wurde James Murdoch von dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss gegrillt - ohne Ergebnis. Für heute wird nichts anderes erwartet. Dabei war er als Aufsichtsratschef von News International ab 2007 direkt für die "News of the World" verantwortlich, als der Skandal vertuscht wurde. Zwei seiner Untergebenen haben ihn direkt belastet, und es gibt E-Mails, die sein Mitwissen nahelegen.
Aber aller Augen sind auf den Auftritt von Murdoch Senior am Mittwoch gerichtet. Die stundenlange Befragung dürfte die Konzentrationsfähigkeit des 81-Jährigen auf eine harte Probe stellen. Er ist seit vergangener Woche in London, um sich auf den Showdown vorzubereiten. Am Wochenende kritisierte er bereits via Twitter mehrere Regierungsprojekte als "wahnsinnig". Premier Cameron ist also gewarnt.
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