Während mir in meiner Jugend die Uferstraße an der Admiralität genau das von Zar Peter beschworene Fenster nach Europa zu sein schien, so kam es mir jetzt vor, als ob hinter den Petersburger Palastfassaden schon Asien winkt. Und wenn man das alles zu begreifen beginnt, stellt sich heraus, dass das die Werke meiner Freunde und Bekannten sind. Eben jener, die mich gerade gebeten haben, ihre Stadt gegen die Gazprom-Aggression zu verteidigen.
Dabei sind sie aufrichtig überzeugt, im Recht zu sein. Sergei Oreschkin, einer der bekanntesten Petersburger Architekten, versuchte zu erklären: "Selbst wenn man sagen kann, dass moderne Architekten manchmal Fehler machen, so denke ich, dass die Fehler nicht die Schuld der Architekten sind. Die Investoren und die Behörden diktieren der Stadt ihre Sicht. Aber wir, die Architekten, vertreten in erster Linie die Interessen der Stadt, unseres Sankt Petersburg."
Ich hatte großes Mitleid mit ihm. Und dann bin ich losgegangen, um mir seine Sachen anzusehen. Was für Sachen! In der Chersoner Straße - sie verläuft parallel zum Newski-Prospekt und führt zur Uferstraße am Alexander-Newski-Kloster - hat Oreschkin den Mehrzweckkomplex "Olymp" gebaut, eine schiefe Kiste aus Glas, in deren Mitte eine ebenfalls gläserne Konservenbüchse hineingepfropft wurde, aber keine stumpfe, sondern eine bereits geöffnete und oben romantisch entkernte.
Und auf der Kreuzinsel gibt es ein ganzes Viertel, das "Olympisches Dorf" heißt. Dort findet man ein Legespiel mit verschiedenen Glas- und Plastikoberflächen, die sich gegenseitig überlappen. Sogar eine feine Paraphrase vom Palastplatz gibt es, eine sehr spitze Ecke, fast wie die Ecke bei Carlo Rossi, die auf die Kapelle hinausgeht, nur ist sie aus Glas, und auch hier ist eine Konservenbüchse eingelassen. Es ist schade, dass es dort irgendwie gar nicht nach Palast oder überhaupt städtisch aussieht. Einfach viele Häuser, und dennoch hat man das Gefühl, dass das keine Stadt ist, sondern eine Siedlung, rings umzäunt zum Schutz vor sozialer Empörung.
Angriff des vertrauten Feindes
Nikita Jawejn, das eingangs erwähnte Akademiemitglied, das mich zum Kampf gegen den Turm herbeirief, hat selbst ein Bauprojekt für fünf Wolkenkratzer im Bereich des Ladoga-Bahnhofs vorgeschlagen: 130 Meter hohe, geneigte Glasquader, dramatisch eingearbeitet in Glaspyramiden, nicht in der Mitte, sondern in einer interessanten Dynamik verschoben - als würden bei weiblichen Robotern pyramidenförmige Glasröcke im Wind flattern.
Ein anderes Akademiemitglied und ebenfalls ein guter Bekannter von mir, Michail Mamoschin, hat den Mehrzweckkomplex "Avenue" am Aptekarskaja-Ufer gebaut, sechs identisch schräge Glasquader, gekrönt von Metallwürfeln. Erstaunt hat mich das Haus des Architekten Oleg Romanow auf dem Maly-Prospekt auf der Petrograder Seite, wo aus der an der Oberfläche etwas gefliesten Fassade kantige gläserne Innereien hervortreten, als hätte das Haus einen gläsernen Erker gehabt und jemand hätte lange, sagen wir, mit einem Montierhebel darauf eingeschlagen, oder womit man in Petersburg eben üblicherweise schlägt.
Immer wieder Schläge in die Magengrube. Es sind keine namenlosen Barbaren vom Meer oder aus den Sümpfen, die Petersburg angreifen, sondern die eigenen Bekannten, Architekten, Akademiemitglieder, Kämpfer für die Erhaltung der Petersburger Kultur. Sie waren es, die gegen Eric Moss gekämpft haben, der das erste Projekt für das Mariinski-Theater mitbrachte, sie waren es, die Dominique Perrault mit seinem Projekt für eben dieses Theater aus der Stadt getrieben haben, und sie sind es, die gegen den Bau des Gazprom-Wolkenkratzers Sturm laufen. Und gerade sie bauen all das andere.
Sie planen keine Häuser mehr, das ist veraltet. Sie planen jetzt Volumina. Wenn sich diese Volumina an einer Straße befinden, müssen sie auf jeden Fall die Fluchtlinie brechen, eingerückt sein oder hervortreten. Befinden sie sich auf der grünen Wiese, müssen sie durch ihre Rechteckigkeit beeindrucken, die wiederum auf jeden Fall durch etwas in sie hinein Getriebenes gestört sein muss.
Ein Fall für Freud
Und natürlich kann so ein Volumen niemals dieselbe Höhe haben wie die Nachbarhäuser, es muss unbedingt, wenigstens ein ganz kleines bisschen, höher sein als diese und ihnen mit einer gläsernen Kruste aus Mansarden und Penthäusern zu Leibe rücken. Sie können gar nicht mehr Wände mit Fenstern darin projektieren - nein, es muss auf jeden Fall eine Projektionsfläche sein, irgendeine Applikation, die nicht mit den Begrenzungen der Fassade übereinstimmt.
Und dann die Spitzen, die Türme, die Zylinder! Oh, wie sie sie lieben! Noch mehr lieben sie wahrscheinlich nur Schlitze und Löcher. Das ist kein Fall für einen Architekturkritiker, sondern für einen Psychoanalytiker. Das berühmte Gedicht "Warten auf die Barbaren" des griechischen Dichters Konstantinos Kavafis endet mit den Worten: "Was soll denn nun aus uns werden ohne die Barbaren. / Eine Art Lösung waren diese Menschen."
Irgendwann in meiner Jugend bin ich lange den Obwodny-Kanal entlanggegangen und habe mir ausgemalt, wie 1917 aus den hiesigen Industriebezirken die Arbeiter und vom Hafen her die Matrosen zum Schlossplatz aufbrachen, um die Paläste einzureißen und in die Porzellanvasen zu scheißen. Die Fabriken erhoben sich, der Hafen auch, und genau diese Bezirke werden jetzt rekonstruiert und umzingeln als "asiatischer" Gürtel das Stadtzentrum. Territorien haben anscheinend ihr eigenes Gedächtnis.
Auf in die asiatische Provinz!
Das Problem liegt nicht bei Gazprom, jedenfalls nicht nur. Zwischen den Architekten, den Bauträgern und den Machthabern hat sich ein Konsens darüber herausgebildet, wie "ihre" Stadt werden soll. Zwischen ihnen und der RMJM tobt kein Streit zwischen ideologischen Gegnern, sondern ein Streit zwischen Konkurrenten um einen lukrativen Auftrag.
In der Hauptsache sind sie sich einig: Auf keinen Fall darf Sankt Petersburg jenes Museum bleiben, in dem alles Moderne verachtet wird. Sie kämpfen gegen dieses Museum wie damals die revolutionären Arbeiter gegen das Schloss. Und sie werden siegen. Sie werden deshalb siegen, weil diese Stadt lange Leningrad war, die Stadt des militärisch-industriellen Komplexes und des KGB. Und ihre Elite - das ist nicht das Akademiemitglied Dmitri Lichatschow, sondern Wladimir Putin. Für sie ist das Antlitz des neuen, leistungsfähigen Russland unendlich wertvoller als das Antlitz des zaristischen Russland, und die größte Leistungsfähigkeit, die sie kennen, gibt es in China.
Nun möchten sie gern, dass hier, an der Newa, alles so schön aussehen möge wie am Gelben Fluss: Glas, Wolkenkratzer, Shopping Malls. Wie in China wird es nicht werden, eher spärlicher, aber wenigstens ein bisschen ähnlich. Das ist ihr Lebensziel, das halten sie für das einzig Wahre. Und die Architekten sind Teil dieser großen Bewegung Russlands in Richtung einer asiatischen Provinz.
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