Russische Operndiva Wischnewskaja "Wir brauchen einen Zar"

Das Moskauer Bolschoi-Theater wird nach sechs Jahren Renovierung wiedereröffnet. Die als "sowjetische Callas" gefeierte Operndiva Galina Wischnewskaja, 85, spricht im Interview über ihre Liebe zu dem Traditionshaus, ihren Hass auf Kommunisten und die Tragödie Russlands.

AP

SPIEGEL ONLINE: Galina Pawlowna Wischnewskaja, gehen Sie zur Wiedereröffnung des Bolschoi-Theaters?

Wischnewskaja: Das ist mein Theater. In den Steinen klingt noch immer meine Stimme. Notfalls würde ich mir mit einer Pistole den Zugang erzwingen...

SPIEGEL ONLINE: ...obwohl Sie 2004 aus Protest gegen eine moderne Inszenierung von Tschaikowskis "Eugen Onegin" angekündigt hatten, nie mehr einen Fuß in Ihr geliebtes Theater zu setzen?

Wischnewskaja: Wenn's mir nicht gefällt, dann gehe ich eben wieder.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gegen moderne Inszenierungen?

Wischnewskaja: Keiner hat das Recht, ein Meisterwerk mit Füßen zu treten. Nehmen sie Verdis "Maskenball" in Barcelona, wo der Tenor auf einer Kloschlüssel sitzt, wenn er seine Arie singt. Das raubt den Menschen ihre Seele. So wird unser Leben zu einer Müllhalde.

SPIEGEL ONLINE: Wir können nichts Schlimmes darin sehen, die Handlung einer Oper in die Gegenwart zu verlegen.

Wischnewskaja: Wer das will, soll eine neue Oper schreiben, eine neue Musik, ein neues Libretto. "Onegin" ohne die Duell-Szene, ohne den Winter dort - das geht nicht. Viele sogenannte experimentelle Regisseure kaschieren doch bloß ihr mangelndes Talent. Emporkömmlinge sind das, Lumpen! Es wird noch so weit kommen, dass man Rafaels "Madonna" die Haare abschneidet und den "Schwanensee" im Hühnerstall aufführt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein konservatives Kunstverständnis, waren aber zu Sowjetzeiten Star und Dissidentin zugleich. Wie passt das zusammen?

Wischnewskaja: Ich mag die Kommunisten nicht, weil auch sie Experimente machten. Einen neuen Menschen wollten sie schaffen, sieben Jahrzehnte lang. An diesem Erbe trägt Russland noch heute. Diese aufgedunsenen Gesichter der Säufer in den Dörfern, junge Männer, Frauen ...

SPIEGEL ONLINE: Wann wurden Sie zur Antikommunistin?

Wischnewskaja: Als Kind. Mein Vater hatte ständig all diese kommunistischen Losungen im Mund, und er soff. Widerlich! Das hat etwas in mir getötet.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Ihr Mann, der berühmte Cellist Mstislaw Rostropowitsch, haben in den Siebzigern dem Schriftsteller Alexander Solschenizyn Asyl auf ihrer Datscha gewährt. Wie war das Leben mit ihm?

Wischnewskaja: Wie soll's schon gewesen sein? Er schrieb seinen Roman "Der erste Kreis der Hölle". Und ansonsten habe ich zum Tee eben nicht nur Mstislaw gerufen, sondern auch Alexander. Fünf Jahre lang.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagierte die Staatsmacht?

Wischnewskaja: Mein Mann durfte nicht mehr in Moskau und Leningrad spielen. Man schickte ihn in die Provinz, damit er dort vor Bären auftritt. Dann hat man mir verboten, Puccinis "Tosca" auf Schallplatte aufzunehmen. 1974 wanderten wir aus. Mein Mann hätte sich sonst aufgehängt oder wäre zum Alkoholiker geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheiden sich die russische und die westliche Oper?

Wischnewskaja: Bei uns sind die Stimmen tiefer, das kommt von der Kirchen- und Volksmusik. Heute gibt es in Russland kaum noch tiefe Bässe. Alle wollen sie im Westen singen. Die Frauen haben in unseren Volksliedern oft ganz tiefe Stimmen, die Männer oft helle.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt das über Russland?

Wischnewskaja: Dass Frauen bei uns einfach das stärkere Geschlecht sind. Das war schon immer so.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich Stalin noch im Theater erlebt?

Wischnewskaja: Gott sei Dank starb er einige Monate zuvor, im März 1953. Wer weiß, was passiert wäre? Er hat während seines Terrors so viele ins Gefängnis gebracht, so viele erschießen lassen. Spione und Banditen sollen das gewesen sein. Ach, mein Gott, das war die Blüte unseres Volkes! Das Bolschoi aber hat er geschützt. Er liebte Oper. Er war der neue Zar.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie das post-sowjetische Russland und den demokratischen Aufbruch der neunziger Jahre?

Wischnewskaja: Wir brauchen einen Zar. Wir leben heute in einem freien Land. Wir Russen aber verstehen Freiheit als "wolja", als Freibrief, alles tun dürfen. Wir sind ein Volk der Extreme.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet Russen und Deutsche?

Wischnewskaja: Nach Deutschland fahre ich zu meinem Arzt. Da ist jeder Garten gepflegt, jede Blume umsorgt, jedes Fenster geputzt. Bei uns ist es wie in Gogols "Die toten Seelen". Wir treten aus dem Haus heraus, sehen diese unendliche Weite und sagen, wie bei Gogol: "Schau bis zum Wald, alles meins! Und auch dahinter. Alles meins!" Mit der Muttermilch saugen wir auf, dass unser Land unendlich ist und unendlich reich. Und dann legen wir unsere Hände in den Schoß. Wir werden geboren mit einer ungerechtfertigten Hoffnung auf ein einfaches Leben. Das ist unsere Tragödie.

Das Interview führten Susanne Beyer und Matthias Schepp



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friedenspfeife 28.10.2011
1. Wo sie Recht hat
hat sie Recht. "Wir legen die Haende in den Schoss und hoffen....". Wirklich treffend gesagt. Ich kann es zur Zeit nachvollziehen, da ich derzeit in Russland arbeite.
AlexN, 28.10.2011
2. Respektvolle Anrede
Eine respektvolle Anrede besteht in Russland aus dem Vornamen und dem Vatersnamen, d.h. Galina Pavlovna. Und nicht aus Vorname+Vatersname+Nachname. Der Interviewer braucht wohl noch etwas Nachhilfe in der Landeskultur.
brasilpe 28.10.2011
3. Wie Recht diese Frau hat ...
Zitat von sysopDas Moskauer Bolschoi-Theater*wird*nach sechs Jahren Renovierung wiedereröffnet. Die als "sowjetische Callas" gefeierte Operndiva Galina Wischnewskaja, 85, spricht im Interview über ihre Liebe zu dem Traditionshaus, ihren Hass auf Kommunisten und die Tragödie Russlands. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,794050,00.html
"Kloschüssel" gleich Oper(-ninszenierungen) in der Gegenwart - interessant, wie Sie das gleichsetzen. Aber durchaus zutreffend. Skandalös nur, daß dieses Banausentum, basierend auf geheim gehaltener Übereinkunft zwischen vor allem Kritikern, Komponisten, Intendanten und Regisseuren - ich nenne das immer "Kulturmafia" - vom Staat finanziert wird. Dank an Madame Wischnewskaja für ihre unabhängigen, klaren Worte!
seroquel 28.10.2011
4. Sinn für Tradition
Es ist grundsätzlich falsch, jemandem, der dem Ereignismüll der Gegenwart kritisch gegenübersteht, gleich ein konservatives Kulturverständnis unterzuschieben, wenn beispielshalber allein auf dem Sinn der Tradition bestanden wird. Zukunft braucht Herkunft. Gerade in der Kunst. Sonst ist alles nur noch beliebig und billig. Keiner glaubt etwa daran, daß Größe dann etwas dazugewinnt, wenn sie sich selbst als die Größe ausgibt. Star und Dissident gehen übrigens genauso zusammen wie Erfolg und Anstand.
Koltschak 28.10.2011
5. Die "sowjetische Callas" steht für den hartnäckigen russischen Kulturkonservatismus.
"Die "sowjetische Callas" steht für den hartnäckigen russischen Kulturkonservatismus." Auf arte läuft gerade der "hartnäckige russische Kulturkonservatismus", will sagen die Eröffnung des Bolschoi-Theaters. Und mir gefällt dieser hartnäckige russische Kulturkonservatismus.
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