Russischer Actionfilm Propagandaschlacht zur besten Sendezeit

Die Propagandamaschine brummt: Knapp sechs Monate sind seit dem Krieg um Südossetien vergangen, schon strahlt das russische Staatsfernsehen den Actionfilm "Olympius Inferno" aus. Darin zu sehen: Georgier als Faschisten, verlogene westliche Medien - und Russen als Friedensstifter.


Tod und Zerstörung bringen die Soldaten, als sie in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali einrücken. Die georgische Flagge auf den Panzern aufgesteckt, walzen sie alles nieder, was ihnen in den Weg kommt, schießen fliehenden Zivilisten in den Rücken und werfen Handgranaten in die Fenster der Wohnhäuser.

Die ganze Stadt brennt, in den Kellern sitzen zitternde Osseten, doch Rettung naht - in Form des russischen Präsidenten. "Wir werden den Tod unserer Landsleute nicht ungesühnt lassen", verspricht Staatspräsident Dmitrij Medwedew vom Fernseher in der Zimmerecke. Das ist die russische Lesart des Krieges, die der Film "Olympius Inferno" den Bürgern des Landes im Staatsfernsehen präsentiert, am Sonntagabend, zur besten Sendezeit. Olympische Hölle heißt der Film wohl deshalb, weil der Krieg während der Olympischen Spiele stattfand.

Ein gutes halbes Jahr ist der Krieg um Südossetien her, und bis heute werfen sich Georgier und Russen gegenseitig vor, für den Konflikt verantwortlich zu sein. Dokumentarfilme mit der jeweiligen Version des Krieges haben beide Länder ihren Bürgern schon vorgeführt, aber die Russen haben keine Zeit verloren, noch einen Spielfilm hinterherzuschieben: Nach Angaben des Regisseurs gab es im Dezember die Zustimmung des staatlichen "Ersten Kanals", für die Dreharbeiten, die Anfang Januar begannen, hatte man nur einen Monat Zeit.

Der Film des 34 Jahre alten Regisseurs Igor Woloschin erzählt in Hollywood-Manier die Geschichte des jungen amerikanischen Artenforschers Michael (David Henry), der nach Südossetien reist, um seltene Schmetterlingsarten zu erkunden. Unterstützt wird er dabei von der Fotografin Schenja (Polina Filonenko), mit der ihn eine alte Freundschaft verbindet, denn Michael ist in Russland aufgewachsen.

Statt der nachtaktiven Schmetterlinge zeichnen seine Kameras dann jedoch Granatenabschüsse und Panzerkolonnen auf - der Angriff der georgischen Armee auf Zchinwali. "Um der Welt die Wahrheit zu bringen", versuchen die beiden daraufhin, sich in Zchinwali durchzuschlagen. Aber die Georgier haben Wind davon bekommen, und der abgrundtief böse Offizier Wacho versucht, die Forscher mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen.

Die georgischen Soldaten werden als siegestrunkene Brutalos dargestellt, ihren Präsidenten Saakaschwili nennt Schenja einen Faschisten. Und auch die Amerikaner, die nach russischer Sicht die Drahtzieher des Krieges waren, bekommen ihr Fett weg. "Capitan Adams", ein schwarzer Militärberater, der den Angriff der Georgier überwacht, erklärt dem fassungslosen Michael: "Das ist eine Operation zur Wiederherstellung der konstitutionellen Ordnung." Die Russen dagegen werden den ganzen Film über nur als "Friedensstifter" (so das russische Wort für Soldaten von Friedenstruppen) bezeichnet.

Der Film ist gleichzeitig ein Generalangriff auf die westlichen Medien, die von russischen Politikern bis heute beschuldigt werden, den Krieg in den ersten Wochen verzerrt dargestellt zu haben. Michael und Schenja beobachten einen BBC-Reporter, der vor einem von Georgiern zerstörten Haus in die Kamera spricht: "Hier sehen Sie die Folgen russischer Luft-Bombardements." Als Michael dem Reporter sein Beweisvideo vorführt, erklärt der ihm nur zynisch, dass es zu spät sei, denn alle Medien würden doch schon erzählen, dass Russland den Krieg angefangen hat: "Panzer und Flugzeuge sind egal. Wichtig ist, was Journalisten erzählen. Das ist ein Informationskrieg!"

Regisseur Woloschin zeigt sich verwundert, dass "Olympius Inferno" eine so große Resonanz hervorruft. Der Film sei nicht politisch, im Vordergrund stehe vielmehr der Konflikt der beiden Hauptakteure. "Die EU hat ja inzwischen anerkannt, dass Georgien den Krieg angefangen hat", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Deshalb würde er den Film auch gerne im Westen zeigen.

Ganz so einfach wie sich der junge Regisseur die politische Lage wünscht, ist sie allerdings nicht: Zwar hat eine EU-Kommission schwerwiegende Indizien dafür gefunden, dass Georgien tatsächlich den Krieg begonnen hat, gleichzeitig kritisiert der Bericht jedoch auch die russische Armee, unter anderem dafür, dass deren Soldaten die ossetischen Kämpfer nicht daran hinderten, bei ihrem Vormarsch georgische Dörfer zu plündern und niederzubrennen. Diesen Teil des Krieges verschweigt der Film wohlweislich: Er endet mit dem triumphalen Einmarsch der russischen Panzer und einer wehenden russischen Flagge vor malerischer kaukasischer Bergkulisse.

In russischen Filmforen wird "Olympius Inferno" bereits jetzt heftig diskutiert - denn schon Tage vor der Ausstrahlung konnte man den Film illegal aus dem Internet herunterladen. Kaum jemand bezweifelt, dass es sich dabei um einen vom Staat beauftragten Propagandafilm handelt - auch wenn Regisseur Woloschin das dementiert.

Gleichzeitig finden viele Kommentatoren nichts Verwerfliches daran, dass der Krieg so einseitig dargestellt wird: "In amerikanischen Kriegsfilmen wird ja auch totale Propaganda für die eigene Armee gemacht", meint beispielweise User "Hexagen". Am wenigsten Begeisterung für "Olympius Inferno" kommt in ossetischen Foren auf. Forumsteilnehmer "Geor Al-Alani" schreibt. "Mir wird kalt ums Herz, wenn ich sehe, dass man aus unserer Tragödie Show-Business macht."

"Olympius Inferno" wird vermutlich nicht der einzige Versuch bleiben, die Deutungshoheit über den Krieg um Südossetien mit filmischen Mitteln zu erringen: Laut russischen Medien plant auch der aus Bosnien stammende Kultregisseur Emir Kusturica ("Schwarze Katze, weißer Kater"), einen Film über den Konflikt.



insgesamt 198 Beiträge
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Seite 1
pi_nutzer 29.03.2009
1. zu uns ins Kino!
Wäre schön, wenn wir uns in Deutschland selbst ein Bild über den Film machen können. Also, bald synchronisieren und in die Kinos. Es gibt so viele brutale amerikanische Kriegspropaganda filme, da sollten wir uns doch mal ein Bild davon machen, wie andere Ländern derartige Themen in einem Film auf arbeiten.
Chrysop, 29.03.2009
2. Dokumentarfilm?
Zitat von sysopDie Propagandamaschine brummt: Knapp sechs sind seit dem Krieg um Süd-Ossetien vorbei, schon strahlt das russische Staatsfernsehen den Actionfilm "Olympius Inferno" aus. Darin zu sehen: Georgier als Faschisten, verlogene westliche Medien - und Russen als Friedensstifter. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,616124,00.html
Der Actionfilm scheint also mehr Doku-Charakter zu besitzen, hoffentlich kommt der Film bald auch auf westlichen Bildschirmen, aber so viel Mut werden die "verlogenen westlichen Medien" nicht haben.
Adran, 29.03.2009
3. Hollywood sucks
Zitat von pi_nutzerWäre schön, wenn wir uns in Deutschland selbst ein Bild über den Film machen können. Also, bald synchronisieren und in die Kinos. Es gibt so viele brutale amerikanische Kriegspropaganda filme, da sollten wir uns doch mal ein Bild davon machen, wie andere Ländern derartige Themen in einem Film auf arbeiten.
Richtig.. Das nervt! Wir werden quasi mit amerikanischen Müll zugekleistert, aber von anderen Staaten kommt kaum etwas in die Kinos, warum? Haben wir Europäer und Asiaten keine guten Filmschmieden, oder warum dominiert Hollywood so? Mal einer aus Russland, oder mal wieder ein Französischer oder eben einen aus Osteuropa.. Es muss nicht immer Hollywood sein.. Also her mit dem Film auf die Deustche Leihenwand, damit wir das nicht mehr aus Dritter Hand, Medien/Politcal-correct zugeschnitten bekommen, sondern uns selbst ein Bild machen können..
lwet 29.03.2009
4. Warum nicht
Klingt nach einer halbwegs realistischen Darstellung der Geschehnisse (siehe auch zB http://news.bbc.co.uk/1/hi/7692751.stm). Es ist natürlich klar, dass der Film den westlichen Medien nicht gefallen kann. Nachdem wenige Tage im Ossetien-Konflikt halbwegs neutral berichtiet wurde, sind ja alle Medien vorbehaltlos auf Pro-Saakaschwili-Kurs gegangen. Weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf, dass der böse Russe nicht böser Russe ist, sondern Zivilisten vor einem skrupellosen Diktator schützt, der für seine Macht über die Leichen seiner Bürger geht. Da stehen die Medien natürlich jetzt dumm da, als Cheerleader für einen Despoten. Es ist aber schon armselig, dass jetzt immer noch, anstatt das eigene völlige Versagen einzugestehen, hier im Artikel versucht wird die Wahrheit so zu drehen, das irgendwo doch der böse Russe der böse Russe ist und Saakaschwili eigentlich ein netter Kerl. Und der Film wird auch nur als reine Propaganda abgetan, weil er in vielen Teilen nur all zu wahr ist.
gmdl 29.03.2009
5. Normale Reaktion
Diese Reaktion aus Russland ist ja durchaus verständlich. Die westlichen Medien haben sich in dem Konflikt in der Tat nicht mir Ruhm bekleckert. In den ersten Tagen war noch von einem georgischen Einmarsch die Rede und dann nur noch von russischer Agression. Wahrscheinlich weil die westlichen Journalisten geschmeichelt waren durch die Aufmerksamkeit, die ihnen Saakaschwili zukommen lies. Manchmal fragt man sich was unsere hochgelobte Pressefreiheit bringt, wenn sich die Journalisten (inklusive die vom Spiegel) so kollektiv über den Tisch ziehen lassen.
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