Eine alte Frau sitzt auf den Holzstufen ihres Hauses und spinnt Garn. Sie trägt ein bäuerliches Gewand: Schürze, Bluse, ein ornamentiertes Kopftuch. Dessen Farben lassen sich aber schwer definieren, denn über das Bild ist ein kalter, grün-bläulicher Filter gelegt. Es wirkt, als habe jemand Ur-Omas Fotoalbum digitalisiert und mit der Bildbearbeitungs-App "Instagram" verfremdet. Tatsächlich jedoch sind die Aufnahmen über hundert Jahre alt. Sie zählen zu den ältesten Farbfotografien der Geschichte. Nun sind sie aufwendig restauriert und vom "Gestalten"-Verlag veröffentlicht worden.
Der Chemiker Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski gilt als Fotografie-Pionier. Inspiriert von Studienaufenthalten in Berlin und Paris fühlte sich der gebürtige Russe bestärkt, das Zarenreich für die neue Kunstform zu sensibilisieren, indem er besonders ihr "Potenzial für Bildungszwecke" betonte. 1905 beauftragte ihn Zar Nikolaus II. mit der Mammut-Aufgabe, sein Reich fotografisch zu erkunden. Der Monarch versprach sich von der Dokumentation eine Manifestation seiner Macht, umfasste sein Imperium doch fast ein Sechstel der Festlandfläche der Erde. Prokudin-Gorski bekam die finanzielle und behördliche Freiheit, seine Studien weiter voranzutreiben.
Die Industrialisierung beseitigte die feudalistischen Strukturen und trieb die Bevölkerung in neue Gegenden und Berufe. Prokudin-Gorskis Fotografien zeigen die Vielfalt des flächenmäßig bisher größten Reiches der Geschichte, voller verschiedender Ethnien, Religionen und Kulturen. Die Menschen teilen auf den Fotos allerdings eine Gemeinsamkeit: Richtig zufrieden guckt keiner in die Linse.
Dabei versuchte Prokudin-Gorski in seinen Fotografien bewusst eine kommentierende Bildsprache zu vermeiden, um sein Projekt nicht zu gefährden, den wissenschaftlichen Zweck seiner Arbeit stellte er allem voran. Der künstlerische Gehalt bleibt daher eher mager: Eine zur Reproduktion für Geschichtsbücher oder Postkarten gedachte Sammlung piktorialistischer Werke, in der Tradition romantischer Landschaftsmalerei und bukolischer Idyllen.
Ein doppeltes Zeitdokument
Das Werk gewinnt dennoch durch seinen selbstthematisierenden Charakter, der den Topos "Zeit" auf verschiedenen Ebenen verhandelt. Die Fotografien halten nicht nur die historische Epoche des untergehenden Zarenreiches fest, sondern konservieren auch den mühevollen Prozess ihrer eigenen Herstellung. Denn sie machen die Spuren der Zeit sichtbar, die sich auf dem langen Weg ihrer Veröffentlichung abzeichneten - und zwar auf ihnen selbst: Die "Library of Congress" in Washington verzichtete bei der Reproduktion der Fotos auf die Retusche sämtlicher Beschädigungen.
Deswegen fehlen manche Farbschichten teilweise, andere verschieben sich, und manchmal durchdringt eine Emulsion die andere. Durch negativierende oder solarisierende Effekte entstehen so abstrakte Anblicke. Wegen der umständlichen Aufnahmetechnik finden sich auf den meisten Glasplatten zudem ursprüngliche Störungen. Da die Kamera die einzelnen Farbfilter jeweils nur nacheinander aufnehmen konnte, benötigten die Bilder eine lange Verschlusszeit. Kleine Bewegungen führten unweigerlich zu Mehrfachbelichtungen. Sich stetig bewegende Objekte wie etwa Flüsse verschmelzen zu einer weichen Masse.
Sind die Fotos denn nun sehenswert? Im Vorwort des Bandes verspricht die Fotografiehistorikerin Estelle Blaschke, dass sie "unsere Sehgewohnheiten auf die Vergangenheit durchbrechen". Eine fragwürdige These. Denn wie soll die Kolorierung eine vergangene Wahrnehmung übertünchen, wenn die Aufnahmen dem Betrachter gar nicht allgegenwärtig sind, es also überhaupt keine vergangene Wahrnehmung gibt? Und auch die - ja eher zufällig entstandene - artifizielle Ästhetik verhindert, dass die Bilder die Distanz zum Dargestellten verkürzen.
Ihr Wert entsteht einzig durch den diskursiven Kontext. Und in dem sind sie umso wichtiger: Prokudin-Gorski ist eine fast vergessene Figur. Das hat viele Gründe: Einerseits brach seine Karriere mit der Exilflucht 1917 abrupt ab. Andererseits überstrahlten ihn sehr bald andere russische Künstlerbewegungen, etwa die Avantgarde in den zwanziger und dreißiger Jahren. Das vorrevolutionäre Russland - und mit ihm Prokudin-Gorski - sind gemessen daran blinde Flecken im Kunstkanon. Dieser Band bringt ein wenig Licht in das Dunkel.
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