S.P.O.N. - Der Kritiker Der deutsche West-Ekel

Politik ist mehr als Ruhe. Die deutschen Verteidiger Putins haben weniger Stabilität und Frieden im Sinn, sie interessieren sich nicht für die Ukraine - und verachten den Westen.

Eine Kolumne von


Für die Deutschen ist die Welt auch nur ein Spiegel - wohin sie schauen, sehen sie erst einmal sich selbst.

Die Ukraine zum Beispiel: Es scheint fast, als seien sie froh, die Leitartikler und Talkshow-Moderatorinnen, dass sie über Putin streiten dürfen, ihn verstehen oder verdammen, da kann man ja leicht eine gute Figur machen als Geostratege oder intellektuelles Gesamtkunstwerk - wer will sich schon mit so etwas komplizierten beschäftigen wie den Hoffnungen und Wünschen von Menschen, die bereit waren, für das zu sterben, woran sie glauben.

Aber vielleicht sollte man das erst einmal klären, bevor man vom "Westen" redet und vom Rest: Was hat dort stattgefunden, in der Ukraine?

Und wenn man zu dem Ergebnis kommt, dass es eine Revolution war, die von Menschen getragen wurde, die das Wort Freiheit nicht gleich mit persönlichen Steuervorteilen verbinden - was für Folgen hat das dann für das Denken und Handeln?

Was meint zum Beispiel der frühere SPD-Politiker Erhard Eppler im aktuellen SPIEGEL mit dem Satz: "Immerhin hat die Krise in Kiew begonnen"? Ist das seine Sicht auf die Dinge: Es ist eine Krise, wenn die Menschen sich auf dem Maidan versammeln, weil sie ein anderes Land wollen, eine andere Gesellschaft?

Dazu würde passen, dass "Ruhe" immer mehr als politisches Ideal präsentiert wird, wenn es um "Krisenländer" geht, wo Menschen gegen das protestieren, was sie als Unterdrückung erleben, von Griechenland bis Ägypten und jetzt auch in der Ukraine.

Hat also Erhard Eppler sein Herz im Kalten Krieg verloren? Mit ein paar kurzen, falschen Sätzen skizziert er die Situation der Ukraine - rein strategisch, ohne ein Wort darüber zu verlieren, was es für uns hier im "Westen" bedeuten könnte, dass da eine Bevölkerung entdeckt, dass Politik mehr sein kann als "Ruhe".

Eines immerhin machte Epplers Text klar: Das Problem der "Putin-Versteher" ist nicht, dass sie Putin verstehen wollen - das Problem ist, dass sie die Ukraine selbst nicht interessiert.

Sie ähneln damit den russischen Strategen und Planern, deren Sicht gerade Bernhard Müller-Härlin von der Berliner Körber-Stiftung so zusammengefasst hat: Die Ukraine "darf nicht selbst über ihr Schicksal entscheiden. Die ukrainische Bevölkerung ist kein Faktor, den es zu berücksichtigen gilt."

Dieser Satz ist der Nullpunkt der gegenwärtigen Debatten und brutale Realität: Er wird aber in den Diskussionen - von Westdeutschen wie von Ostdeutschen, denn es gibt jetzt wieder Kalte-Kriegs-Allianzen, fast immer ignoriert.

Und so sind auch die ewig anämischen Talkshows zu erklären: Lauter ehemalige Korrespondentinnen, ehemalige Politiker, ehemalige NATO-Soldaten - als dürften nur Ehemalige über Krieg und Frieden reden, als gebe es nicht genug Gegenwart, die hier verhandelt werden könnte.

Vom Irak-Krieg bis zur NSA-Affäre

Dabei geht es genau darum: Welche Grundlage kann eine westliche Politik haben, wenn sich die Beteiligten nicht die Mühe machen, über das zu diskutieren, was westliche Ideale sein sollten?

Ideale, die außerdem, vom Kolonialismus bis zum Irak-Krieg und der NSA-Affäre, selbst zweifelhaft sind und gerade heute, gerade in solch einer Situation, wo Menschen für diese Ideale protestieren, wieder begründet und bestätigt werden müssten.

Eine Chance, im Grunde. Diese Ideale können ein zynisches verlogenes Konstrukt sein, das eine Politik kaschiert, die die eigenen Interessen nicht mal formuliert; diese Ideale können aber auch die Basis sein für Gerechtigkeit und Frieden.

Im dauernden deutschen Selbstgespräch allerdings verschwindet all das hinter einem Wust von Worten - und das hat erstmal nichts mit der Kluft zwischen den "Medien" und den "Lesern" zu tun, wie manche sich mit dem masochistischen Gruseln einreden wollen, das sie sich angewöhnt haben und das sich so gut anfühlt, fast so, als ob man damit nicht länger Teil der Medienkrise sei, die schon auch eine Krise der Inhalte ist.

Es hat mehr damit zu tun, worüber man reden will und worüber nicht als Gesellschaft: Die Faszination für den starken Mann, der Putin ist, oder der Ekel vor dem "Westen", der ja ein altes deutsches Topos ist, das gerade wieder bildungsbürgerlich kultiviert wird - die schwache Freiheitstradition dieses Landes aber erweist sich als Hindernis für eine Politik, die mehr ist als Krisenmanagement.

Das, was in der Ukraine, auf dem Maidan, als zivilgesellschaftlicher Aufbruch passiert ist, kann auch Ansporn und Vorbild für Deutschland und Europa sein - es kann aber auch extrem negative Folgen für Politik und Gesellschaft haben, wenn diese Chance vorübergeht.

Ruhe ist an sich noch kein gesellschaftliches Ideal - das kann auch Mutlosigkeit bedeuten, Passivität und Angst.

Aber so ist das eben gerade: Die Deutschen schauen in den Spiegel der Ukraine und erschrecken vor sich selbst.

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insgesamt 239 Beiträge
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Seite 1
b42b 02.05.2014
1. Krisenmanagement
... soll das Wort dafür sein, politisch alle Möglichkeiten (bei passender Überspitzung) nutzen zu können? "schwache Freiheitstradition dieses Landes aber erweist sich als Hindernis" ... was auf Mitteleuropa zuträfe (in der Tendenz) und nicht auf die KrimAbstimmung (bei aller Kritik) MfG an die Redaktion und dann an die Leser&Innen
b42b 02.05.2014
2. Krisenmanagement
... soll das Wort dafür sein, politisch alle Möglichkeiten (bei passender Überspitzung) nutzen zu können? "schwache Freiheitstradition dieses Landes aber erweist sich als Hindernis" ... was auf Mitteleuropa zuträfe (in der Tendenz) und nicht auf die KrimAbstimmung (bei aller Kritik) MfG an die Redaktion und dann an die Leser&Innen
ich-kanns-nicht-glauben 02.05.2014
3. Herr Diez hat Recht - zur Hälfte
Na klar sollen die Ukrainer über ihr Schicksal abstimmen dürfen - allerdings sollte man das, was die Ukrainer dürfen, auch den überwiegend russisch bewohnten Gebieten zugestehen (immerhin geht es um das Selbstbestimmungsrecht der Völker, nicht der Länder). Und es ist auch richtig, daß viele Menschen, die jetzt Stellung beziehen, wenig davon wissen, was in der Ukraine gerade vor sich geht. Aber sie wissen sehr genau, was passiert, wenn die USA / NATO /BRD sich mal wieder irgendwo einmischen - das konnten wir in Jugoslavien, Irak, Lybien, Afghanistan etc. bewundern.
CAS 02.05.2014
4.
...was soll das sein? Dieses Konstrukt wurde nur erfunden um die angelsächsischen imperialistischen Bestrebungen zu kanalisieren. Die US-Einflusssphäre wird dabei angeblich durch gemeinsame "westliche" Werte definiert. In der Realität geht es den Amis nur um knallharte Interessenpolitik (analog Putin). Hier nur eben unter kapitalistischem Vorzeichen. Ekel?? Ja! Die "westliche" Verlogenheit kotzt mich einfach nur an. Und unsere Marionetten-Regierung marschiert mal wieder in Treue fest dem Hegemon hinterher...Ekelhaft!!
kopp 02.05.2014
5. Sehr geehrter Herr Diez, ich verteidige nicht die Politik
Putins, sondern verurteile die Politik der EU. Eine Politik, die von Anfang an auf ganzer Linie versagt hat. Dazu zählt als Kapitalfehler die Aufnahme Griechenlands. Das Drama mit der Ukraine ist ebenso ausgelöst worden durch grob fahrlässige Fehler bei dem Einfädeln des Assoziierungsabkommen ohne dabei auf vitale Interessen Russlands zu achten. Diese stümperhafte Politik der Brüsseler Eurokraten wird am 25. Mai die Quittung bekommen.
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