Talente-Flucht aus Russland "In Deutschland fühle ich mich zu Hause"

Auf der Suche nach besseren Karrierechancen verlassen immer mehr junge Russen ihre Heimat. Vor allem Musikstudierende zieht es in den Westen - warum?

Konstantin Jaroslawski

Von Konstantin Jaroslawski


Es ist schon mehr als fünf Jahre her, seit Muzaffer M. Russland verließ. Der 25-jährige Pianist studiert heute an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, hier will er auch seinen Master machen. Für ihn kommt eine baldige Rückkehr nicht in Frage. "In Deutschland fühle ich mich zu Hause. Der Umgang mit den Menschen ist ein bisschen anders, aber das stört mich nicht."

Daheim seien die Karriereaussichten bescheiden, die meisten Verbindungen zu Freunden und Bekannten inzwischen zerrissen. Auch an die Trennung von der Familie hat er sich gewöhnt: "Manchmal bekam ich Heimweh. Im November habe ich mich aber mit meiner Mutter und meiner Schwester in Barcelona getroffen. Da ist mir klargeworden: Russland kann ich entbehren."

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Talente-Flucht aus Russland: Auf der Suche nach einer Zukunft als Musiker

Nicht nur das Studium hat ihn zum Auswandern bewegt, auch die Lust auf Neues. Als politisch bezeichnet er sich nicht. "Es gibt junge Russen, die hierhergekommen sind, weil sie dem Kreml kritisch gegenüberstehen. Ich gehöre nicht zu dieser Gruppe."

Als Muzaffer Russland verließ, profitierte das Land von den hohen Erdölpreisen. Eine robuste Konjunktur sorgte damals für eine relativ ruhige Stimmungslage im Land. Nun sieht alles anders aus. Die anhaltende Rezession, die nur zum Teil auf die Sanktionen zurückzuführen ist, ist nur allzu deutlich: Das nominale BIP hat sich im Vergleich zu 2013 um etwa 40 Prozent verringert, das Realeinkommen sinkt das dritte Jahr in Folge. Damit ging eine rasante Verschärfung der Innenpolitik einher: die Opposition wird heute noch brachialer unterdrückt, Geheimdienste bekommen immer mehr Befugnisse, auch das Internet gerät zunehmend unter staatliche Kontrolle.

"In Russland musste ich kämpfen"

Muzaffer sieht Deutschland als Sprungbrett: Das hiesige Ausbildungssystem für Musiker biete die Möglichkeit, ein gutes Renommee in Europa zu gewinnen. Gleichzeitig fordere es harte Arbeit. "Um etwas zu erreichen, musst du schuften. Der Wirkungsgrad ist allerdings höher als bei uns. Wenn du zielbewusst bist, wirst du es weit bringen."

Ilia A., Student an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, ist derselben Ansicht. Beeindruckt ist der 23-jährige Klarinettist auch von der Chancengleichheit. "Nationalität oder Hautfarbe spielen keine Rolle, falls du ein echter Profi bist. Das schätze ich sowohl an Deutschland, als auch an Europa." Auch die Studienbedingungen bewertet Ilia positiv. Allerdings sagt er, dass die komfortable Umgebung auch persönliche Nachteile für ihn bringt. "In Russland musste ich kämpfen, um einen Proberaum zu finden. In Weimar steht er mir zu jeder Tageszeit zur Verfügung. Jetzt kann ich zwar mehr üben, mein Eifer aber hat nachgelassen."

"Keine echte Perspektive auf Erfolg"

Das größte Problem für den jungen Klarinettenspieler liegt im Mentalitätsunterschied. "Anfangs wollte ich mein Deutsch verbessern, um meine Integration zu beschleunigen. Mittlerweile habe ich dazu gar keine Lust mehr, weil ich einfach keine gemeinsamen Gesprächsthemen mit den Deutschen habe. Hier sind alle kühl und distanziert. Ich habe oft das Gefühl, dass ich allen egal bin."

Ksenija C., die klassischen Gesang an der Universität der Künste in Berlin studiert, hat einen anderen Eindruck. Kulturelle Unterschiede hält die 26-Jährige für gering. Frustriert ist sie hingegen von der hiesigen Bürokratie. "Es war neu für mich, zu jedem Anlass schriftliche Anfragen zu schreiben und seitenlange Rückantworten zu erhalten. Das gibt es in Russland nicht."

Ihre Zukunft sieht die Sängerin ohnehin nicht in Deutschland. Zurzeit bleibt ihr jedoch keine andere Wahl. "In Moskau sehe ich für mich keine echte Perspektive auf künstlerischen und beruflichen Erfolg. Aber ich liebe diese Stadt von ganzem Herzen. Dort leben meine Eltern, mein Freund. Ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, dorthin zurückzukehren."

"Es ist besserer, nach Westen zu fahren"

Die Auswanderungsstimmung unter den Musikern entspricht einer allgemeinen Trend junger Erwachsener in Russland. Laut einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM will fast jeder Dritte zwischen 18 und 24 ins Ausland. Im Vergleich zu 2016 stieg diese Zahl um zehn Prozentpunkte und beträgt nun 31 Prozent.

Experten warnen jedoch vor Panikmache. "Ich würde sagen, dass die Anzahl der Studenten, die auswandern, auf dem gleichen Niveau bleibt. Zudem verlassen nicht immer die Besten das Land", sagt etwa Wladimir Gromadin, Lehrer an der Zentralmusikschule in Moskau.

Auch der Dozent am Moskauer Konservatorium Stepan Jakowitsch sieht keinen Grund zur Sorge, weist jedoch auf erhebliche Schwierigkeiten hin, mit denen seine Schüler konfrontiert sind. "Ich glaube, es fällt ihnen schwer, eine Weltkariere zu machen, ohne Russland zu verlassen. Für Studenten, die hier keinen starken Rückhalt haben, ist es vielleicht besser, in den Westen zu gehen."

Tatsächlich lässt sich das Ausmaß aber kaum erfassen. Nach Schätzungen von Experten der Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst geht es um 100.000 Menschen pro Jahr - darunter ein wesentlicher Anteil Hochschulabsolventen. Das Präsidiumsmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, Nikolaj Dolguschkin, nennt mit 44.000 eine niedrigere Zahl. Gleichzeitig räumt er ein, dass es sich hierbei um eine Verdopplung seit 2013 handele.

Die Bekämpfung der Abwanderung wurde mehrmals auf Regierungsebene diskutiert - bisher aber ergebnislos. Dabei halten mehrere die Idee des russischen rechtspopulistischen Politikers Wladimir Schirinowski für das wirksamste Mittel gegen die Talente-Flucht: Ihm zufolge sollen alle Fremdsprachen an den Schulen gebührenpflichtig werden. Der Vorschlag wird aktiv besprochen. Ein Gesetzentwurf ist jedoch derzeit nicht in Sicht.



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