"Ryman"-Retrospektive Die Kunst des Sehens

Der amerikanische Künstler Robert Ryman gilt als "Magier des Weiß" - zu Recht, wie eine große Retrospektive in München zeigt.


Ohne Titel 1962-64: Ölfarbe auf Leinen
R. Ryman

Ohne Titel 1962-64: Ölfarbe auf Leinen

Wenn man will, kann man die Robert-Ryman-Retrospektive als eine Einstimmung auf den bevorstehenden Winter begreifen. Denn die insgesamt 50 Werke des amerikanischen Malers, die das Haus der Kunst derzeit präsentiert, sind allesamt in Weiß gehalten - lilienweiß, silberweiß, kalkweiß. Weshalb man beim Durchschreiten der Räume das Gefühl nicht los wird, man befinde sich inmitten einer Schneelandschaft. Manchmal wirken die monochromen Bildflächen aber auch wie eine Anstiftung zur Meditation.

Längst zählt der amerikanische Künstler Robert Ryman - dessen Werke in den großen Museen von New York bis Tokio hängen - zu den Klassikern der Malerei des 20. Jahrhunderts, auch wenn er nie die Popularität eines Andy Warhol, Jasper Johns oder Robert Rauschenberg erlangt hat. Als er 1952 aus Nashville nach New York kam, wollte er Jazzmusiker werden. Tagsüber hütete er im Museum of Modern Art als Aufseher Matisse, Mondrian und Rothko - bis er es selbst probierte.

Pop-Art-Künstler Ryman

Pop-Art-Künstler Ryman

Dabei entdeckt er schnell sein künstlerisches Programm: Das Malen mit der Farbe weiß. Er verwendet das Weiß aber gerade nicht als Farbe, sondern als neutrales Oberflächenelement, mit dessen Hilfe sich Licht, Bewegung und die Struktur des Materials sichtbar machen lassen. Keine Welt findet man in seinen Werken, keine Menschen, keine Gegenstände. Sein Thema, um das er manisch-monoton kreist, ist der Malprozess.

Dazu gehört auch die materielle Beschaffenheit der Bildfläche, die er immer wieder anders gestaltet. Denn Ryman malt mit Ölfarbe, Email- oder Kunststofflacken auf Leinwände, Papier, Pappe, Metall, Holz und Kunststoffe. Oft bezieht er die Befestigung an der Wand ins Bild mit ein. Mit der Folge, dass sich seine meist rahmenlosen Gemälde zur Rauminstallation weiten. Ein Effekt, der in dieser Schau besonders stark zur Geltung kommt, sind doch sämtliche Ausstellungswände frisch geweißt worden.

Nicht eine Komposition, sondern das Material und die immer wieder variierte Struktur des Farbauftrags entscheiden also, was in den Bildern passiert. Und so sieht man Flocken und Streifen, Punkte und Quadrate, die zwar allesamt einem Konzept huldigen, und trotzdem vor allem Magie verströmen.

Um zu zeigen, welch starken Einfluss der inzwischen 70-jährige Robert Ryman auf junge Künstler ausübt, wird die Retrospektive durch die Werke von Ariane Epars, Clay Ketter, Beat Zoderer und Albert Weiß ergänzt.

(Haus der Kunst, München, bis 18. Februar, danach im Kunstmuseum Bonn)



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