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23. Februar 2013, 09:44 Uhr

Selbstinszenierung von Managern

Die 70 Jungfrauen des Kapitalismus

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Seine Girls posieren in Unterwäsche vor Luxusautos, der Macker-Manager steht mittendrin: Die Selbstinszenierung der mutmaßlichen Immobilienbetrüger von S&K steht idealtypisch für eine ganze Generation junger Kapitalisten. Sie ähnelt den Phantasien radikaler Islamisten.

Die Verkürzung der Gymnasialzeit, der Studiendauer, die Hartz-Reformen, der Ausbau der Kinderbetreuung - was auch immer in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt an Reformen in die Wege geleitet wurde, folgte, anders als zuvor, nicht irgendwelchen Utopien von einer besseren Gesellschaft, sondern einem ökonomischen Zweck: die Wettbewerbsfähigkeit der bundesdeutschen Wirtschaft auf dem Weltmarkt zu erhöhen.

Angela Merkel profilierte sich als Europapolitikerin nicht, weil sie auf immaterielle Werte gesetzt hätte, sondern als Hüterin ökonomischer Stabilität. Die Bewertung einzelner Länder durch Rating-Agenturen ist dabei zu einem entscheidenden Kriterium geworden. Wenn der "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher anlässlich seines neuen Buchs "Ego" davon spricht, dass "alles ökonomisiert" sei, dürfte er damit nicht nur die deutsche Gesellschaft meinen, sondern die EU - ja, letztlich die ganze Welt.

Nun wäre es naiv zu glauben, dass Wirtschaftsbeziehungen in früheren Zeiten keinen Einfluss auf die Politik der Weltmächte gehabt hätten. Afrika wurde im 19. Jahrhundert aus Gründen des Profits unter den einflussreichsten Staaten Europas aufgeteilt; auch im 20. Jahrhundert wurden Kriege, wie der in Vietnam, nicht allein aus weltanschaulichen, sondern auch aus ökonomischen Gründen geführt.

Anders als seine hart arbeitenden Vorfahren aber kann der Mensch des frühen 21. Jahrhunderts in aller Regel keinen Trost mehr in einer Erlösungshoffnung finden, die ihm bessere Zeiten verspricht - egal ob es sich dabei um den Kommunismus, die Sozialdemokratie oder das Christentum handelt. Wie im biblischen Vergleich vom Durst, der niemals versiegt, ist beim Kampf um ökonomisches Wachstum kein Endziel erreichbar. Auch wenn die deutsche Wirtschaft im Jahr 2012 so viele Waren exportiert hat wie nie zuvor, bilanzieren Statistiker und Ökonomen am Ende eine schwache Wirtschaftsleistung.

Exzessiver Lebensstil

Für den Einzelnen sind derartige Zahlen abstrakt. Welche Motivation hat er, sich in die Maschinerie des Erwerbslebens einspannen zu lassen? Die negativen Folgen sind schließlich bekannt: Burnout ist die Krankheit einer Zeit, in der Beschleunigung alles ist. Um genug zu essen zu haben und ein Dach über dem Kopf, müsste man sich der Hochleistungsgesellschaft nicht bis zur letzten Faser ausliefern.

Mit dem Slogan "Work hard, play hard" hatte das Wirtschaftsmagazin "Business Punk" dem Hedonismus hart arbeitender Jungmanager ein einprägsames Motto verschafft. Wer heute Karriere macht, tut das in der Regel nicht mehr, damit es die Kinder einmal besser haben oder um sich bescheidenen Wohlstand zu gönnen. Der ist in der Bundesrepublik, die Einfamilienhausgürtel um die Großstädte zeigen dies auf deprimierende Weise, spätestens seit den Siebzigern selbstverständlich. Heute stehen Luxusmode-Boutiquen, der inflationäre Gebrauch des Wortes "Glamour", die Inszenierungen in Computerspielen oder Pornos, Sexskandale bei Volkswagen oder Hamburg-Mannheimer für das eskapistische Ziel schneller, rauschhafter Belohnung nach harter Arbeit.

Geradezu idealtypisch ins Bild gesetzt wurde dies nun auf Fotos, die die "Wirtschaftswoche" in ihrer jüngsten Ausgabe veröffentlicht hat. Dort sieht man die Gründer des Frankfurter Immobilienunternehmens S&K vor teuren Sportwagen, umringt von jungen Frauen in Unterwäsche. Ein exzessiver Lebensstil, der, wie die Frankfurter Staatsanwaltschaft glaubt, auf kriminelle Weise finanziert wurde: mit dem missbrauchten Geld der Anleger.

Erlösungshoffnung in Islamismus und Kapitalismus

Auf den Bildern zeigen sich die Chefs von S&K in Posen, wie man sie bislang in Gangster-Rap-Videos von Snoop Dogg oder Ice-T verortet hatte - oder in den Phantasien radikaler Islamisten: Mohammed Atta und seine Kampfgenossen sollen, als sie am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center lenkten, geglaubt haben, dass im Paradies zur Belohnung 70 Jungfrauen auf sie warten. Bei den Ermittlungen nach dem Terroranschlag schilderten Zeugen gegenüber der Bundesanwaltschaft, dass Ramzi Binalshibh, der zweite Mann hinter Mohammed Atta, in Hamburger Moscheen mit diesem Versprechen ganz offen für den Märtyrertod geworben habe. Auch Atta selbst soll Männern, die er als Kämpfer anwerben wollte, dieses Versprechen gegeben haben.

Der auf der 56. Sure des Koran fußende Mythos ist in der islamischen Welt weit verbreitet. In ihrem Buch "The Path to Paradise" (Der Pfad zum Paradies), einer Studie über Selbstmordattentäter, schreibt die israelische Kriminologin Anat Berko: "Die Vorstellung ist so erotisch und plastisch, als stünden die Frauen im nächsten Zimmer parat."

Der global agierende Kapitalismus mag eines der großen Feindbilder von al-Qaida sein und ist mit dem Terrorismus der Gefolgsleute Bin Ladens sicher nicht gleichzusetzen. Trotzdem lässt sich anhand dieser Aufnahmen feststellen: In ihren Erlösungshoffnungen überschneiden sich Islamismus und Kapitalismus mitunter auf erstaunliche Weise - auf die erfolgreich geschlagene Schlacht folgt die Erfüllung sexueller Sehnsüchte durch frei verfügbare, willige Frauen.

Die Gespielinnen von S&K allerdings warten - anders als in den Träumen Mohammed Attas - nicht im Jenseits. Sondern auf dem Parkplatz einer schnöden Villa. Ob es sich bei ihnen um Jungfrauen handelt, ist nicht bekannt.

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