S.P.O.N. - Der Kritiker: 60 Gründe, Charlotte Gainsbourg zu lieben

Eine Kolumne von Georg Diez

Sie ist die Muse für das frühe 21. Jahrhundert, für unsere neurotische, überreizte, verunsicherte Zeit - so viel ist sicher. Aber was sonst soll man sagen zu dieser Frau? Und vor allem: wie? Vielleicht hilft ja eine Liste, um sich Charlotte Gainsbourg angemessen zu nähern.

1. Sie kommt ins Zimmer, setzt sich hin und ist gleich ganz Charlotte Gainsbourg, ohne erst einmal Charlotte Gainsbourg zu sein. Wie soll man das erklären? Vielleicht am ehesten mit ihrer Stimme, die ja auch eher ein Hauch ist, ohne ein Hauch zu sein. Sie schwebt daher, ist aber irgendwie rau und dunkel und schwer, jedenfalls nach einer Weile und vor allem, wenn sie lacht.

2. So fängt übrigens auch ihr neues Album an, "Stage Whisper": aaaaahhhhhaaaaahaaaa aaaaahhhhhaaaaaa aaaaaahhhhhhaaaaaa, sehr gehaucht und fast sphärisch, dazwischen kurz irgendein Technikzirpen - und dann: Bamm, ist man mitten drin in all dem Wahnsinn und der Schönheit und dem Rausch, den die Welt für uns bereithält.

3. Wer ist denn Charlotte Gainsbourg? Das ist ja das Anmaßende an solchen Situationen: Ein Hotelzimmer im Ritz Carlton während der Berlinale, und alle Hotelzimmer sind ja auch auf eine ähnliche Weise traurig. Aber da sitzt jetzt der Journalist und darf fragen, was er will. Und da sitzt jetzt sie und wird antworten, weil sie das kann. Sehr charmant und schnell und souverän macht sie das, und mit einem Akzent, bei dem durch das Englisch wirklich nur einen Hauch von Französisch durchschimmert.

4. Geht es also um den Wahnsinn und die Schönheit und den Rausch? Warum nicht.

5. "Mein Vater", sagt sie, "war Musik. Als er weg war, fühlte es sich falsch an, überhaupt an Musik zu denken. Ich hatte nicht das Recht."

6. Charlotte Gainsbourg war 13 Jahre alt, als sie mit ihrem Vater Serge den Song "Lemon Incest" aufnahm. "Ich wusste schon, was Inzest ist", sagt sie. "Ich wusste aber nicht, was wir da tun."

7. "Als er starb", sagt sie, "wollte ich auch sterben. Mir war alles egal."

8. Damals war sie 19.

9. Sie wirkt immer noch wie unter Schock. Sie scheint immer noch zu trauern. Aber das kann auch eine Projektion sein. Genauso wie die Formulierung, dass sie aussieht wie ein Reh im Wald, das nachts von einem Licht aufgeschreckt wird.

10. Heute ist sie 40, und ihre jüngste Tochter heißt Joe.

11. Wie schön ist das denn.

12. Sie hat drei Kinder, sie ist auf angenehme Weise blass, sie hat braune Cowboystiefel an, die vorne ziemlich abgewetzt sind, und sie sagt: "Ich schaue immer zurück auf das, was mein Vater und meine Mutter gemacht haben."

13. Ihre Mutter ist Jane Birkin, der sie auch zum Verzweifeln ähnlich sieht.

14. Charlotte Gainsbourg ist so unfrei, so frei, wer will das schon beurteilen nach so einem Interview? Aber vielleicht macht gerade diese Freiheitsambivalenz einen Teil ihrer Faszination aus: die Schönheit der Fesseln im Zeitalter der totalen Freiheit?

15. Sie wird immer die Tochter ihres Vaters bleiben, als ob Freud ein Songschreiber war.

16. Anders gesagt: Sie ist so sehr Tochter, dass es weh tut, und sie ist so sehr Frau, dass es gut tut.

17. Auch das kann nur eine Projektion sein.

18. Aber dafür sind Stars ja da, dass sie den Wahnsinn, die Schönheit und den Rausch ihrer Zeit greifbar machen - und das kann Charlotte Gainsbourg sehr gut.

19. Deshalb ist sie eine Muse für das frühe 21. Jahrhundert, für diese neurotische, überreizte, verunsicherte Zeit. Weil sie eine schwere Leichtigkeit hat, weil sie von flirrender Konzentration ist, weil sie verletzt wirkt und stark und auf schöne Art müde.

20. "Ich habe doch keinen besonderen Stil", sagt sie.

21. Sie trägt enge graue Jeans und einen viel zu weiten, kurzärmligen schwarzen Wollpullover, an dem sich auf eine überhaupt nicht ausgedachte Art und Weise kleine Wollkugeln gebildet haben.

22. Beiläufige Bohème.

23. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll, wenn man mich eine Mode-Ikone nennt", sagt sie. "Ich weiß nur, dass ich mich immer sehr unwohl gefühlt habe mit meinem Aussehen. Mein Körper und all das, das war mir immer peinlich."

24. Was natürlich in dieser körperbetonten Zeit der ultimative Reiz ist, sozusagen die Sollbruchstelle unserer Gegenwart.

25. Verletzlichkeit als Schönheit.

26. Und das führt wieder zu ihrer Musik zurück. Der Schmerz, die Wunde, diese Traurigkeit, die sie auch an der Band Air so liebt und an deren Musik zum Film "The Virgin Suicides", all das ist dort immer präsent - aber nie so sehr wie auf "IRM" von 2009, gut zwei Jahre, nachdem sie wegen eines Blutgerinsels im Kopf fast gestorben wäre.

27. "Ich sollte das vielleicht nicht sagen", sagt sie, "aber die Watte von der Operation und das Blut habe ich immer noch bei mir zu Hause im Gefrierfach."

28. Diese Panik hat ihre Musik nicht mehr verlassen.

29. "Ich hatte immer gedacht, ich sei stark, wenn es um den Tod geht. Aber damals war ich wie zerstört von dem Gedanken, dass ich morgen nicht mehr da sein könnte."

30. "Terrible Angels" heißt das erste Lied auf dem großartigen neuen Album, eine dunkle Elektro-Hymne der Angst.

31. "I want release from observation", singt sie, "I want release ..."

32. Aber der Sound hält sie gefangen. Der Sound trägt sie. Eine Art "Paradisco", so heißt der zweite Song. Eine Art helle, freundliche Hölle.

33. Und so dunkel, mit diesem Beat der Ewigkeit geht es weiter. "All the Rain" ist süße Angst. "Versuche, ruhig zu sein, sie bringen deinen Kopf auf einem ..." - Teller?

34. Es klingelt an der Zimmertür. Charlotte Gainsbourg springt auf. "Ah, mein Tee!"

35. Grüner Tee.

36. Natürlich grüner Tee.

37. Dann rutscht der Deckel von der Kanne, und sie lacht.

38. "Stage Whisper" ist ein Livealbum - "Ich hatte Angst, die Leute würden kommen, um mich zu beurteilen, so wie ich mich beurteile", sagt sie.

39. Dann hat sie verstanden, dass die Leute doch eher zu Konzerten gehen von Musikern, die sie mögen.

40. Die Live-Stücke haben eine sehr eigene Magie.

41. "I am sort of shy", sagt sie, was auf Englisch schöner klingt, als auf Deutsch.

42. "I am not extrovertie", sagt sie.

43. Bewegen Sie sich auf der Bühne?

44. "No, no, I don't move at all."

45. Tanzen Sie?

46. "I don't dance, no no no." Höchstens natürlich, wenn sie betrunken ist, sagt sie.

47. Aber dabei beobachten Sie sich immer?

48. Ja, immer.

49. "Got to Let Go" ist übrigens ein sehr tröstliches Lied über Verlust.

50. Wollen wir noch über Lars von Trier reden?

51. "Es ist so ein Geschenk, mit ihm für "Antichrist" und "Melancholia" arbeiten zu dürfen. Ich bewundere ihn. Das heißt nicht, dass es nicht auch hart ist. Er führt dich an Orte, an denen du nie zuvor warst, tief in dir drinnen. Aber er war schon dort an diesen Orten. Er kennt diese Angst."

52. "Ihm kann man nichts vormachen."

53. "Nur einmal hatte ich wirklich Angst, als mich Willem Dafoe würgte, ich wollte, dass er es wirklich tut, um Mister Lars zu gefallen - und dachte plötzlich, mein Kopf platzt dort auf, wo sie ihn mir bei der Operation aufgebohrt hatten."

54. So etwas sagt sie sehr direkt. Dann sagt sie: "Ich bin sicher auch etwas masochistisch. Ich will selbst an diese dunklen Orte gehen. Es gibt etwas, das mir an psychischer und physischer Gewalt gefällt."

55. Was man halt so sagt in einem Hotelzimmer.

56. Dann erzählt sie noch kurz, dass das Haus, in dem sie mit ihrem Vater lebte, "wie ein Museum" gewesen sei, "wir durften nichts anfassen, wir schlichen durch das Wohnzimmer, in dem der Flügel stand, in unser Kinderzimmer". Dieses Zimmer gehörte zum Nachbarhaus und war nur gemietet. Als ihre Eltern sich trennten, wurde die Tür zu diesem Zimmer zugemauert.

57. Symbolisch?

58. Yeah, sagt sie schnell und fast erfreut. Yeah.

59. Ach ja, Charlotte Gainsbourg hat drei Kinder, und die jüngste Tochter heißt Joe.

60. Wie schön ist das denn?

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Sensationell
vorschau 17.02.2012
[QUOTE=sysop;9656321]Sie ist die Muse für das frühe 21. Jahrhundert, für unsere neurotische, überreizte, verunsicherte Zeit - so viel ist sicher. Aber was sonst soll man sagen zu dieser Frau? Und vor allem: wie? Vielleicht hilft ja eine Liste, um sich Charlotte Gainsbourg angemessen zu nähern. Für diese interessante Art der Darstellung muß man wohl vorher ein ganz besondere Kraut geraucht haben.
2. hihi
axelkli 17.02.2012
ich hab die früher immer mit Carla Bruni verwechselt. Können beide nicht singen. Übrigens: die alberne Frage "wie (Schön, geil, blöd, etc.) ist das denn?" ist schlimmstes Tussi-Schulhof-Deutsch. Genau wie der Ausdruck "Der/die/das geht ja gar nicht!"
3. Großartig
Ylex 17.02.2012
Herr Diez hat die Leserschaft schon mit ganz wunderbaren Kolumnen beschenkt, aber mich deucht, er wird in letzter Zeit ziemlich knickrig. In aller Bescheidenheit sei die Bemerkung erlaubt, dass mir diese Charlotte Dingsbumms soetwas von gänzlich unbekannt ist, dass es auf keine Kuhhaut geht, nein, wirklich nicht, und dass sie mich definitiv nicht die Bohne interessiert, könnte ich noch hinzufügen – aber das muss ja nicht sein. Interessant dagegen ist diese besondere Art der Auflistung, die Rätsel aufgibt, sie hat etwas kühn Experimentell-Artifizielles, wenn Sie möglicherweise ahnen, was ich vielleicht meine, eine fast revolutionäre, geradezu künstlerische Form journalistisch-literarischer Textpräsentation – ich sehe da in der Zukunft noch Großartiges auf uns zukommen.
4. Charlotte WHO?
smartgirl28 17.02.2012
Zitat von vorschauSie ist die Muse für das frühe 21. Jahrhundert, für unsere neurotische, überreizte, verunsicherte Zeit - so viel ist sicher. Aber was sonst soll man sagen zu dieser Frau? Und vor allem: wie? Vielleicht hilft ja eine Liste, um sich Charlotte Gainsbourg angemessen zu nähern. Für diese interessante Art der Darstellung muß man wohl vorher ein ganz besondere Kraut geraucht haben.
[QUOTE=vorschau;9657541] WIE BITTE? Die Muse für das frühe 21. JH? In der Tat, kompletter Irrsinn. Für Ihre überflüssige Frage, Herr Diez, "was soll man sonst sagen zu dieser Frau?" habe ich eine schlichte Antwort: Einfach mal die Klappe halten und vielleicht mal ne Zeitlang gar nix schreiben? Fehlen würde es keinem - besonders nicht nach der peinlichen Attacke auf das Kracht-Buch.
5. ... nur mal so nebenbei
garnienicht 17.02.2012
Zitat von sysopSie ist die Muse für das frühe 21. Jahrhundert, für unsere neurotische, überreizte, verunsicherte Zeit - so viel ist sicher. Aber was sonst soll man sagen zu dieser Frau? Und vor allem: wie? Vielleicht hilft ja eine Liste, um sich Charlotte Gainsbourg angemessen zu nähern. S.P.O.N. - Der Kritiker: 60 Gründe, Charlotte Gainsbourg zu lieben - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,815965,00.html)
Die Hundertscharen an Pogoforenjüngern scheinen sich wohl anders besonnen zu haben. Aber wie sollten ´Weidenbuschröschen´ auch wissen wie Pogo geht. Also erstmal die ´Sichtschutzbrille´abnehmen. Ja und dann nochmal zum Artikel: Freischalten. Also um welches weltumspannendes Thema ging es doch nochmal? ... um die sterbenslangweilige Charlotte Gainsbourg. Würde Gähnsbuuurg nicht abwegig finden.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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